Rieder zum Fall Heinrich Gross: Urteil, nicht Strafe ist wichtig

Vor 60 Jahren wurde Hitlers Euthanasie-Ermächtigung unterzeichnet

Wien, (OTS) Im Rahmen der Präsentation eines
Aktionsprogrammes im Gymnasium Auf der Schmelz aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Unterzeichnung der Euthanasie-Ermächtigung durch Adolf Hitler nahm Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder auch zum Verfahren gegen den ehemaligen Spiegelgrund-Arzt Prim. Dr. Heinrich Gross Stellung. "In diesem Verfahren geht
es nicht um die Strafe, sondern um ein Urteil, das ein/e RichterIn und Geschworene in einem österreichischen Gericht zu fällen haben. Ob jemand haftfähig ist oder nicht, muss keinen Einfluss auf die Urteilsfindung haben", betonte Rieder.

An der Präsentation im Gymnasium und Realgymnasium Auf der Schmelz nahmen weiters die Direktorin der Schule, Mag. Margarete Lemerhofer, der Leiter des Dokumenationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, Dr. Wolfgang Neugebauer, der Bezirksvorsteher des 15. Bezirks, Ing. Rolf Huber, und die Organisatorin des Aktionsprogrammes, Mag. Waltraud Häupl, teil.

Der Fall Gross und seine Nachkriegskarriere seien laut Rieder exemplarisch für den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Österreich. Nicht nur, dass nach 1945 kein Versuch unternommen wurde, vertriebene Menschen wieder ins Land zu holen, war es den Nutznießern des NS-Regimes kein Problem, zum Beispiel auf den Leichen ermordeter Kinder wissenschaftliche Karrieren aufzubauen. Rieder: "Im konkreten Fall muss sich neben der Medizin aber auch
die Justiz die Frage gefallen lassen, warum ein Psychiater trotz bereits laufender Ermittlungen zu einem der meistbeschäftigten Gerichtsgutachter werden konnte."

"Wissenschaft ist nicht wertfrei"

Das Beispiel NS-Euthanasie zeige laut Rieder auch, dass Wissenschaft niemals "wertfrei" sein dürfe. "Auch die Wissenschaft hat sich an den Menschenrechten und an humanitären Grundprinzipien zu orientieren und bewegt sich nicht im "Werte-freien-Raum"".
Gerade im Rahmen der NS-Euthanasie sei die (Pseudo)-Wissenschaft eine grausame Symbiose mit den Machthabern eingegangen: Die Nazis fanden willfährige Wissenschafter zur Umsetzung ihrer Theorien, Wissenschafter bedienten sich des politischen Systems um ungestört durch jegliche Ethik und Humanität ihre Experimente durchzuführen.

Rieder: Volksgesundheit vor einer Renaissance?

Gleichzeitig warnte der Gesundheitspolitiker vor einer Rückkehr des diffusen "Volksgesundheitsbegriffes" durch die Hintertür. Wenn etwa von einer politischen Partei in Wien vor Ausländern gewarnt werde, die übertragbare Krankheiten aus dem Ausland einschleppen und so die heimische Bevölkerung in Gefahr brächten, oder ein Spitzenpolitiker derselben Partei, der derzeit als Nationalratspräsident designiert ist, behauptet, dass Ausländer zur Steigerung der Fruchtbarkeit Hormone erhalten, so sind das nicht nur sexuelle oder andere Wahnvorstellungen.
"Vielmehr geht es hier darum, den alten Begriff der "Volksgesundheit" wieder zu strapazieren, wohl wissend, dass mit ´Volksgesundheit" immer nur die Gesundheit einer bestimmten Gruppe auf Kosten anderer Gruppen gemeint ist. Derzeit bedrohen laut
dieser Partei also Ausländer die ´Volksgesundheit´, niemand weiß jedoch, wer oder welche Gruppe als Nächstes die ´Volksgesundheit´ gefährdet", schloss Rieder. (Schluss) nk

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