Bartenstein: Ausbeutung von Menschen durch Sekten verhindern

Wien (OTS) - "Nicht nur die Jahrtausendwende, auch das
aggressive Vorgehen einzelner Gruppierungen macht es notwendig,
sich intensiver mit Sekten auseinanderzusetzen. Wir müssen uns offen mit den Gefahren beschäftigen, die von Gruppen ausgehen können, die unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit gezielt Einfluß auf Menschen und Gesellschaft gewinnen wollen stellte Familienminister Dr. Martin Bartenstein anläßlich der Internationalen Fachtagung 'Sekten - Von der Prävention bis zur Intervention' fest.

Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der Bundesstelle für Sektenfragen am 13. und 14. September 1999 in Wien statt.

Wo unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit die persönliche Freiheit von Menschen beschnitten wird, kann es zu schweren psychischen und existentiellen Schädigungen kommen. Die individuellen Folgekosten einer Sektenmitgliedschaft können enorm sein. Man weiß das aus vielen Einzelbeispielen, bei denen Menschen durch eine Sekte psychisch, physisch und materiell zur Gänze ausgebeutet werden.

Überdies gibt es Gruppen, die erklärtermaßen Einfluß auf Politik und Demokratie nehmen und ein neues System etablieren wollen. Diesen Bestrebungen muß der Rechtsstaat klare Grenzen setzen. Unsere Demokratien dürfen nicht von totalitären, menschenverachtenden Ideologien unterwandert werden.

Statistisch 150.000 Mitglieder von "Sekten" in Österreich

Nach einer Umfrage von Fessel- & GfK aus dem Jahr 1997 sind 77
% der Befragten schon einmal von einem Mitglied einer Sekte angesprochen worden. Ein Viertel der Österreicher und Österreicherinnen kennt ein Mitglied im Familien- und Freundeskreis, das engen Kontakt zu einer Gruppe hat. 5 % haben selbst entsprechenden Kontakt, 2 % der Befragten bezeichnen sich selbst als Mitglied einer kleinen religiösen oder
weltanschaulichen Gemeinschaft außer-halb der etablierten Kirchen. Das sind hochgerechnet rund 150.000 Personen in Österreich. Jugendliche, sozial isolierte Personen und Teile der oberen Bildungsschichten im politisch und weltanschaulichen alternativen Bereich spielen dabei eine zentrale Rolle.

Sektenbroschüre wird neu aufgelegt

Um dem steigenden Informationsbedürfnis gerecht zu werden, hat das Jugendministerium 1996 die Broschüre "Sekten - Wissen schützt" aufgelegt. Die Nachfrage war so enorm, daß die Auflage über 350.000 Stück erreicht hat. Zu Beginn erreichten uns bis zu 2.000 Bestell-anrufe pro Tag. Eine erweiterte und überarbeitete Neuauflage der Broschüre steht ab heute zur Verfügung. Sie ist kostenlos und kann bei der Jugend-Info bestellt werden (0800 / 240 266, werktags zwischen 10.00 und 18.00 Uhr; Adresse: Jugend-Info, Franz-Josefs-Kai 51, 1010 Wien). In den nächsten Tagen wird der Inhalt der Broschüre auch auf die Homepage des Ministeriums (http://www.bmu.gv.at) transferiert, wo er gelesen, ausgedruckt
und auch heruntergeladen werden kann.

Bund und Länder bauen Information und Beratung kontinuierlich aus

Seit Jänner 1998 bieten wir pro Bundesland in einer unserer Familienberatungsstellen schwerpunktmäßig Information und Beratung über Sekten. Darüber hinaus unterstützen wir Vereine und Selbsthilfegruppen, die sich zum Teil auf die Herausgabe der Sektenbroschüre hin gegründet haben. In manchen Ländern gibt es schon Landesstellen für Sektenfragen.

Im November 1998 hat in Wien die Bundesstelle für Sektenfragen ihre Arbeit begonnen. Damit steht eine zentrale Beratungs-, Informations- und Dokumentationsstelle zur Verfügung, die auch in der internationalen Zusammenarbeit eine wichtige Rolle spielt.
Ihre Aufgabe ist die aktive Informationsvermittlung über die Methoden von Sekten - sie ist damit ein Instrument zur Sensibilisierung und Verbesserung der Kritikfähigkeit in der Bevölkerung. Die internationale Zusammenarbeit ist wichtig, weil derartige Gruppen Ländergrenzen schon lange überschritten haben.

Informationen erhalten Sie bei der Bundesstelle für Sektenfragen unter 01/513 04 60 u. Fax 01/513 04 60 30.

Kinder brauchen besonderen Schutz

Ein besonderes Anliegen sind der Schutz und die Sicherung des Wohls von Kindern und Jugendlichen. Wir wissen von Gruppierungen,
in denen schon Kleinkinder zu stundenlangem Meditieren gezwungen werden, in denen Zärtlichkeiten zwischen Eltern und Kindern untersagt sind, oder von Organisationen, in denen Kinder - so wie die erwachsenen Mitglieder - mindestens 12 Stunden am Tag zu arbeiten haben.

Ist bei Erwachsenen noch immer die Diskussion über die Freiwilligkeit eines Beitritts zu einer Sekte gegeben, so stellt sich diese Frage bei Kindern und Jugendlichen, die mit ihren
Eltern in diesen Gruppen aufwachsen, erst gar nicht. Der Sekte ist nicht das Wohl des Kindes wichtig, sondern ein weiteres, absolut gehorsames Mitglied. Es ist kein Wunder, daß einzelne Gruppen gezielt Kinder von Eltern trennen, daß sie eigene Kinderbetreuungseinrichtungen und schulähnliche Einrichtungen aufgebaut haben, um Kinder in ihre Kontrolle zu bekommen.

Das kann niemand hinnehmen, der die Rechte der Kinder Ernst
nimmt und ihnen wie allen anderen Kindern eine gesicherte und
freie Entwicklung ermöglichen will.

Religionsfreiheit kann auch als Deckmantel mißbraucht werden

Alles, was zur Stärkung der Persönlichkeit und der Kritikfähigkeit beiträgt, sollte in der Sektenprävention Vorrang haben. Natürlich stellt sich hier die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen staatlichen Handelns: Die Religionsfreiheit ist zentraler Wert eines liberalen Rechtsstaats - aber wo unter ihrem Deckmantel Menschen psychisch und physisch ausgebeutet werden, muß der Staat zum Schutz der Bürger und ihrer Freiheit aktiv werden. Staatliche Sekteninformation unterhalb der Schwelle von Rechtsverletzungen ist angebracht, wenn sie auf die Bedrohung von psychischer und physischer Gesundheit hinweist, wenn sie dem
Schutz der Integrität des Familienlebens dient und wenn sie auf
die Gefahr extremer finanzieller Verstrickungen aufmerksam macht.

Forts. möglich

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Tel.: (01) 515 22 DW 5051

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