ORF-Generalintendant Weis: "Alpbacher Mediengespräche 1999" als Wendepunkt in den Beziehungen zwischen ORF und VÖZ

"Zustand krisenhafter Frontstellungen im Interesse Österreichs überwinden" - für eine gemeinsame Online-Plattform der österreichischen Medienanbieter

Wien/Alpbach (OTS) - ORF-Generalintendant Gerhard Weis sprach sich am Samstag, dem 4. September, in seinem Schlussreferat im Rahmen der ersten "Alpbacher Mediengespräche" für eine Überwindung der Frontstellung zwischen dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und dem ORF aus. Angesichts neuer Online-Anbieter aus dem nicht-journalistischen Bereich, die auch in Österreich auf dem Markt vordringen, sollten die legitimen österreichischen Medienanbieter im Interesse eines zügigen Ausbaues der digitalen Wirtschaft zusammenarbeiten und eine "gemeinsame Plattform der österreichischen Content-Anbieter" bilden. Gerhard Weis äußerte die Hoffnung, dass die "Alpbacher Mediengespräche 1999" eine Fortsetzung finden werden. Veranstalter der "Alpbacher Mediengespräche", die vom 2. bis 4. September im Rahmen des "55. Europäischen Forum Alpbach" stattfanden, waren das Österreichische College, VÖZ und ORF. ****

Dialog in Alpbach als Wendepunkt

ORF-Generalintendant Gerhard Weis betonte, dass es in den vergangenen Jahren im Rahmen von Symposien zahlreiche Gespräche zwischen den österreichischen Verlegern und dem ORF gegeben habe. Die Gespräche in Alpbach seien jedoch "die ersten, in die VÖZ und ORF ohne vermittelnde Instanzen gemeinsam und öffentlich als Veranstalter eingetreten sind. Der VÖZ und der ORF sind hier miteinander und mit Dritten offiziell in einen Dialog eingetreten, der ganz ausdrücklich auch das Ende eines dreißigjährigen Zustandes markieren soll - einen Zustand krisenhafter Frontstellungen, in die die österreichischen Zeitungen und der nationale Rundfunk verstrickt waren". Diese Frontstellungen seien durch "wechselseitige Dauerunterstellungen, der jeweils eine könne es sich nur auf Kosten des anderen verbessern", gekennzeichnet gewesen. Mit diesem "latenten Dauerkonflikt" seien die "beiden Medienparteien" ihren drei wesentlichsten Partnern - dem Publikum, der Werbewirtschaft und der Medienpolitik - gleichermaßen "auf die Nerven gefallen". Das österreichische Publikum, "das uns alle glücklicherweise gleich gerne liest, sieht und hört, hat wohl nie verstanden, warum wir alle miteinander nicht einfach nur unsere Produkte stetig verbessert haben, statt sie dem anderen madig oder gar streitig zu machen".

Werbewirtschaft immer schon multimediabewusst

Der zweite Partner, den man vor den Kopf gestoßen habe, sei die werbetreibende Wirtschaft. Gerhard Weis: "Sie war immer schon - was wir erst zu lernen beginnen - durch und durch multimediabewusst. Man wirbt nicht statt in der Zeitung im Fernsehen, statt im Radio in der Zeitschrift, sondern im Sinne einer ganzheitlichen modernen Kommunikationsstrategie auf allen Ausdrucksebenen, die zur Verfügung stehen." Zeitungen und Rundfunk, so Weis, seien "in dieser Hinsicht immer schon stark vernetzt und sind es mehr denn je".

Medienpolitik: Parteipolitisch nützliche Schiedsrichterrolle

Dem dritten Partner, der Gruppe der Medienpolitiker, sei in der Frontstellung zwischen Zeitungen und Rundfunk sehr oft die Rolle des Schiedsrichters zugemutet worden. Diese Rolle sei oft auch "als parteipolitisch nützlich empfunden" worden: "Wenn kein Nutzen erkennbar war, wurde auch nicht entschieden, dann geschah eben nichts - und alles passierte, wie man gesehen hat."

Historische Rivalität durch rationales Kalkül überwinden

Grundlage der neuen Partnerschaft zwischen den Verlegern und dem ORF - so Weis - ist "rationales Kalkül". Zu diesem rationalen Kalkül sei man auch in der Vergangenheit, "an den diversen Höhepunkten unserer Frontstellung" - fähig gewesen. Das Kalkül damals habe gelautet, "wir sind die Medien von Österreich, wir sind eine von außen nicht penetrierbare Festung." Der jeweilige Fortschritt sei im Rahmen eines internen Verdrängungswettbewerbs erreicht worden. Durch den Einfluss deutschen Kapitals seien erstmals "Widersprüche innerhalb dieses Kalküls" aufgetreten. Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts, so Weis, sei dieser Abschnitt der österreichischen Mediengeschichte als "Phase der leicht getrübten Idylle" zu beschreiben. ORF-Generalintendant Weis äußerte die "feste Überzeugung", dass wir nun "in eine neue Phase der Unübersichtlichkeit eintreten, deren Konturen noch nicht absehbar sind. Nur eines steht fest: Mit Idyllen, welcher Art auch immer, ist es vorbei."

Paradigmenwechsel durch Technologie

Gerhard Weis erinnerte in diesem Zusammenhang an die Rundfunkreform des Jahres 1967, als ein "mit einem Blankoscheck ausgestatteter" Gerd Bacher, begleitet von seinem Team, dem auch er, Weis, angehört habe, eine Revolution in Gang gesetzt habe. Die meisten dieser "Revolutionäre" hätten wenig konkrete Arbeitserfahrungen im Fernseh- und Radiobereich mitgebracht, sie hätten es als Vorteil empfunden, "von alten Verfahren und Methoden unberührt und unbelastet zu sein". Aus dieser Zeit, so Weis, habe er zwei fundamentale Erfahrungen mitgenommen: Erstens sei jeder Status quo, wie politisch abgesichert er auch scheinen möge, nur so lange aufrecht zu halten, als die Technologie keinen Paradigmenwechsel erzwinge. Zweitens: Ein technologischer Paradigmenwechsel begünstige die "jungen Wilden" und nicht die "alten Profis".

Neue Mega-Deals ohne publizistisch-medialen Impetus

Der ORF von 1967, so Weis, habe das Vorbild CBS kopiert und dieses Modell auf Österreich übertragen. Eine Übertragung ähnlicher Art passiere auch heute wieder, im globalen und im nationalen Rahmen. So stehe CBS seit einiger Zeit in Verkaufsverhandlungen mit America Online (AOL), dessen Chef, Steve Case, stolz darauf sei, von Medien nichts zu verstehen. An CBS interessiere Case nur eines: Weil sein Rivale Microsoft mit NBC eine Partnerschaft habe und das Go-Onlinenetwork von Disney auf den zweiten großen Fernsehanbieter zurückgreifen könne, muss AOL die dritte der großen TV-Ketten, CBS, haben. Es fehle fast allen dieser Mega-Deals ein rein publizistisch-medialer Mindestimpetus. Vielmehr suche der industriell-technologische Komplex den schnellsten Weg zum Konsumenten.

Nicht-journalistische Online-Anbieter auch in Österreich auf dem Vormarsch

America Online sei nicht nur in den USA aktiv, es habe noch für diesen Herbst seinen Österreich-Auftritt angekündigt - ebenso wie T-Online, der größte europäische und vor allem deutschsprachige Online-Anbieter. Beide drängten auf den österreichischen Markt, weil ihr großer Konkurrent Microsoft Network bereits mit einem Österreich-Portal Fuß zu fassen versuche. Aus dem nicht-journalistischem Bereich habe überdies eine heimische Handelskette in den vergangenen vier Monaten eine viertel Milliarde Schilling in ihr Online-Engagement investiert. Das sei vermutlich mehr, als alle VÖZ-Mitglieder und der ORF in den vergangenen vier Jahren in diesen Bereich investiert haben.

Mediengesicht neuer Anbieter bloße Fassade

Dieses Beispiel, so Weis, werde Schule machen: Dutzende Betriebe aus dem In- und dem Ausland würden es genauso halten und die Medienfestung Österreich von innen aufrollen. Diese Betriebe "werden sich weder mit dem verfassungsmäßig geschützten publizistischen Überbau noch mit Redaktionen, deren Statut und Kosten herumzuschlagen haben. Sie interessiert der Online-Markt, ihr virtuelles Mediengesicht ist bloß Fassade, eine von vielen Applikationen, neben der interaktiven Partnerbörse und dem multimedialen Einkaufsführer".

Spielregeln für Medienanbieter in Österreich

Ob die neuen Anbieter, die ihnen nebenbei zufallende Medienmacht ins Spiel bringen werden, entscheide der Markt. Ob sie der Demokratie nützlich oder abträglich sein wollten, würden sie rechtzeitig mit den Shareholders besprechen. Nur mit einem sollten die Anbieter nicht mehr fix rechnen können: "Mit den nützlichen Idioten im Sinne Lenins, die den Strick liefern, an dem sie schon bald hängen wollen." Wer -aus welchen Motiven immer - ein legitimer Medienanbieter in diesem Land sein möchte, habe sich im Idealfall ideell, jedenfalls aber materiell an der Herstellung von journalistischen Produkten für dieses Land zu beteiligen - nach den geltenden Spielregeln, auch und gerade im Sinne gewerkschaftlicher Mindeststandards.

Gemeinsamer Standpunkt VÖZ und ORF

Weis: Diesen Standpunkt, das haben die "Alpbacher Mediengespräche 1999" als wichtigstes Ergebnis zu Tage gefördert, nehmen die Zeitungen Österreichs und der Österreichische Rundfunk gleichermaßen ein. "Wer glaubt, einen Keil zwischen uns treiben zu können, überschätzt die Langlebigkeit traditioneller Rivalität. Was uns eint, ist die Herstellung eines für diese Gesellschaft lebenswichtigen Qualitätsprodukts, Content aus Österreich für Österreich."

Keine Spottpreise für virtuelle News-Anbieter

Für die Herstellung dieses Produkts, das Weis zufolge "unser einziges ist, wenden wir gemeinsam jährlich schätzungsweise das Zwanzig- bis Fünfundzwanzigfache der bereits erwähnten Viertel-Milliarde Schilling auf". Generalintendant Weis äußerte in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dass mit "Rohstofflieferungen an die virtuellen News-Anbieter aus diesem Fundus zu Spottpreisen künftig nicht mehr zu rechnen" sei.

Gemeinsame digitale Plattform der legitimen Medien-Anbieter

Womit man in Zukunft aber sehr wohl zu rechnen habe, das sei eine "gemeinsame Plattform der legitimen österreichischen Medien-Anbieter im Interesse eines zügigen Ausbaus der digitalen Wirtschaft Österreichs, wie sie Bundeskanzler Viktor Klima in seiner Initiative 'Österreich ans Internet' jüngst gefordert hat". Im Hinblick auf den Beitrag, den der ORF für diese gemeinsame Plattform der österreichischen Content-Anbieter leisten werde, sei unternehmensintern der zügige Ausbau von der bisherigen Bimedialität Fernsehen/Radio in die Trimedialität unter vollständigem und gleichberechtigtem Einschluss von Online in Auftrag gegeben worden. Die immensen technischen und redaktionellen Investitionen im Hinblick auf die Digitalisierung von Fernsehen und Radio würden derzeit auf ihre Eignung im Sinne des Konvergenz-Modells geprüft. Jede absehbare und jede künftige digitale Plattform, wie immer sich der Konsument entscheide, müssen von ORF-Inhalten erreichbar und bespielbar sein. "Wo immer möglich und sinnvoll, sollen auf diesen Plattformen die Kollegen vom VÖZ unsere Partner sein."

Neues Kapitel in der Geschichte des österreichischen Medienwesens

Mit diesem neuen Kapitel in der Entwicklungsgeschichte des österreichischen Medienwesens solle der traditionellen Frontstellung zwischen Zeitungen und Rundfunk in Österreich die Geschäftsgrundlage entzogen werden. Die alte Gegensatzpaarung Elektronik versus Print werde in dem Maße an Bedeutung verlieren, in dem das digitale Meta-Medium aus Verleger-Anbieter elektronischer Multimediaangebote und aus Broadcastern-Anbieter auch von elektronischem Text mache. Diese Tag für Tag sich in die Realität vorschiebende Konvergenz finde vor dem Hintergrund eines explosionsartigen Wachstums der nutzbaren Bandbreite statt, die die Metapher von den Frequenzen ad absurdum führe.

Authentische Content-Produktion immer wertvoller

Obwohl die klaren Abgrenzungen von einst immer mehr verschwimmen würden, sei nicht alles mit allen anderem austauschbar:
"Authentische, originäre Content-Produktion wird in einem Meer von artifiziellen Pseudo-Angeboten immer seltener und daher immer wertvoller werden. Dieser Zustand eint jene, die über einen historischen und professionellen Hintergrund in der Content-Produktion verfügen - unabhängig von ihrem Wollen. Die normative Kraft des Faktischen baut die dauerhaftesten Interessensgemeinschaften."

Professionelle Herausforderung

An der Schwelle zur interaktiven Medien-Ära, so Weis, gebe es mehr Verbindendes als Trennendes zwischen den Printmedien und dem Rundfunk Österreichs: "Uns eint, dass sich gerade im Zweiwegmedium die Demokratie nicht ausschließlich auf den Rückkanal verlassen kann, der theoretisch jeden Bürger einschließt. Unsere verantwortungsvolle Aufgabe und professionelle Herausforderung gilt dem Vorwärtskanal. Geht dieser zur Gänze an den medienfernen industriell-technologischen Komplex verloren - dann hätten wir alle verloren. Und genau darum geht es: Wir müssen gewinnen, wir können gewinnen, und wir wollen gewinnen."

ß

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

ORF-Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
Gerhard Bollardt Telefon: 0664/380 04 01
(Schluss)

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | GOA/OTS