"Alpbacher Mediengespräche 1999": Ergebnisse der Arbeitskreise

Wien/Alpbach (OTS) - "Demokratie und Medienmacht" war das Thema
der ersten "Alpbacher Mediengespräche", die von Donnerstag, dem 2., bis Samstag, den 4. September 1999 stattfanden. Veranstalter dieser Tagung mit prominenten Teilnehmern aus dem In- und Ausland waren das Österreichische College, der Verband Österreichischer Zeitungen und der ORF. Im Rahmen der "Mediengespräche" beschäftigten sich vier Arbeitskreise am Freitag, dem 3. September, mit den Themen "Medien und Wahlkampf", "Medien und Kontrolle", "Medien und Supranationalität" und "Neue Medien und Demokratie". Die Ergebnisse der Gespräche wurden am Samstag, dem 4. September im Rahmen des "55. Europäischen Forum Alpbach vorgestellt". ****

Arbeitskreis 1: "Medien und Wahlkampf"
Moderation: Andreas Unterberger, Chefredakteur, "Die Presse", Statements von Wolfgang Bachmayer, OGM, Gesellschaft für Marketing GesmbH, Wien; Ann Lewis, Counselor to the President, White House, Washington; Michael V. Margelov, Head of Political Analysts Group, Russian Information Agency "VESTI", Moskau; Albrecht Müller, Wahlkampfleiter bei Willy Brandt, Politikberater und Buchautor (v.a. "Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie"), Pleisweiler.

Andreas Unterbergers Resümee dieses Arbeitskreises: "Rezepte aus der Hexenküche von vier Spin doctors: Das war der rote Faden dieses Arbeitskreises. Das sind die Trends, die mehr oder weniger kongruent dargestellt worden sind und die im wesentlichen unwidersprochen geblieben sind:
1. Im Verhältnis zur Politik wird die Rolle der Medien immer bedeutungsvoller. Die Kontakte mit den Medien ersetzen fast zur Gänze die direkten zu den Wählern. Solche Kontakte werden nur noch als Schauplatz für mediale Auftritte benötigt, um den Kandidaten Echtheit zu bescheinigen.
2. Gleichzeitig gelingt es aber der Politik durch feine oder grobe Methoden immer besser, die Medien zu beeinflussen. Wer in diesem Teufelskreis letztlich das Agenda setting beherrscht, wurde nicht klar. Politik wird in einem noch dramatisch wachsenden Ausmaß aus reiner auf die Medien hin orientierter psychologisch durchgestylter Inszenierung und nicht mehr aus Inhalt bestehen. Die Medien werden bei diesem auf bloße Emotion abzielenden Spiel voll mittun beziehungsweise instrumentalisiert werden.
3. Lokale Medien werden an Bedeutung gewinnen. Sie haben für den Durchschnittsbürger eine relativ größere Glaubwürdigkeit.
4. Die Neuen Medien, das Internet, wird den Alten mit wachsender Bedeutung an die Seite treten, weil sie weder durch Journalisten noch durch Regierungen kontrolliert scheinen, denen man beiden misstraut. 5. Die Abhängigkeit der Medien von kommerziellen Aspekten, PR-Geldern und ähnlichem wird eher wachsen. Aus Rußland und Deutschland wird darüber hinaus auch über erfolgreiche Bestechung von Journalisten gesprochen. Die journalistische Ethik sinkt.
6. Die Zahl der Wechselwähler wächst überall: Zu ihnen zählen vor allem die Wähler mit geringem Interesse und wenig Wissen über politische Inhalte. Viele Wähler, vor allem die jungen, sind nur noch über unterhaltende Inhalte ansprechbar.
7. Trotz vieler bedenklicher und zunehmender Abweichungen vom journalistischen Ideal wollten die Redner aber keine Gefährdung der Demokratie durch eine manipulierte Medienlandschaft sehen."

Arbeitskreis 2: "Medien und Kontrolle"
Moderation: Claus Reitan, Chefredakteur "Tiroler Tageszeitung", Innsbruck; Statements von Hans H. Coninx, Verband Schweizer Presse, Zürich; Robert Pinker, Press Complaints Commission, London; Horst Pirker, Vorsitzender des Vorstandes der Styria Medien AG, Graz; Michael Redley, Direktor, Independent Television Commission, London; Norbert Schneider, Direktor, Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Alexander Wrabetz, Kaufmännischer Direktor, ORF, Wien.

Claus Reitan zu den Ergebnissen des Arbeitskreises:

"Als erstes ist die Frage zu beantworten, welche Medien oder welcher Vorgang am Medienmarkt kontrolliert werden soll. Als zweites ist die Frage zu beantworten, anhand welcher Maßstäbe kontrolliert wird - geht es um Ethik, Persönlichkeitsschutz, Marktzutritt, Unternehmenszusammenschluss, Meinungs- und Medienvielfalt?

These eins: Nur eine klare Antwort auf diese Fragen erlaubt Antworten, die zu Kontrolle von Medien führen.

Dazu These zwei, bei der es einen weitestgehenden Grundkonsens gab:

- Hinsichtlich der Inhalte und ihrer ethischen Überprüfbarkeit ist Selbstkontrolle auf Grundlage der Eigenständigkeit von Medienunternehmen gefragt.

- Hinsichtlich des Marktzutrittes staatliche Kontrolle im Sinne von breitest möglicher Zulassung von Zeitungen, Radio- und TV-Stationen auf Grundlage der Unabhängigkeit der Medien geben.

- Hinsichtlich der Institutionen für Medienkontrolle geht es um sach- und themenspezifische Zuständigkeit je nachdem, ob es um Inhalt, Lizenz oder Technik und Frequenzen geht.

- Hinsichtlich der Kommissionen, Institutionen oder Medienanstalten keine föderale, staatlich oder europaweite unübersichtlich und sachlich-geographische Mehrfachzuständigkeit.

Im Panel gab es unterschiedliche Ansätze. Ein Teil wünscht Regulative und Regulierungsinstanzen; ein anderer Teil befürwortet Beschränkung auf Aktiengesetz, Kartellgesetz und Wettbewerbsrecht."

Arbeitskreis 3: "Medien und Supranationalität"
Moderation: Andreas Koller, Leiter der Wiener Redaktion, "Salzburger Nachrichten", Wien; Statements von Heik Afheldt, Herausgeber, "Der Tagesspiegel", Berlin; Freimut Duve, Medienbeauftragter der OSZE, Wien; Michl Ebner, MdEP, Bozen; Georg Posanner, Leiter der Presse-und Informationsabteilung der ständigen Vertretung Österreichs bei der Europäischen Kommission, Brüssel; Peter Radel, European Broadcasting Union (EBU)-Beauftragter des ORF, Wien; Werner Schrotta, Präsident, European Newspaper Association (ENPA), Linz.

Andreas Kollers Bilanz dieses Arbeitskreises:

"Es gibt keine supranationale Öffentlichkeit und keine supranationalen Medien. Daher ist die mediale Kontrolle einer supranationalen Organisation wie etwa der EU-Kommission kaum möglich. In einem Land, das über einen funktionierenden medialen Wettbewerb verfügt, ist medialer Machtmissbrauch kaum möglich. Die Medienpluralität ist gefährdet, wenn die Verlagschef über das Mediengeschäft hinausgehende wirtschaftliche Interessen haben. Journalistische Macht werde dann dazu eingesetzt, Konzerninteressen zu vertreten. Es wäre wünschenswert, würden die Medienunternehmen sich einem Code of Conduct, also einem Katalog des medialen Wohlverhaltens, beugen. Die Verengung des journalistischen Arbeitsmarktes durch die gegenwärtige Medienkonzentration gefährdet journalistische Existenzen und damit auch den Medienpluralismus. Kritische journalistische Geister können mundtot gemacht werden. Trotz aller Informationsanstrengungen Brüssels und der nationalen Regierungen bestehe in der europäischen Öffentlichkeit ein massives Informationsdefizit über die Vorgänge in der EU. Dadurch werde die Union den Menschen fremd und könne in ernsthafte Legitimationsprobleme geraten. Das weitestgehend ungehinderte Agieren privater Medienkonzerne auf dem TV-Markt wird dazu führen, dass teure Programme wie Sportübertragungen in Zukunft einigen wenigen Global Playern vorbehalten bleiben."

Arbeitskreis 4: "Neue Medien und Demokratie"
Moderator: Franz Manola, ORF, Wien; Statements von Jo Groebel, Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts, Düsseldorf; Manfred Jochum, Hörfunkintendant, ORF, Wien; Ina Navazelskis, Director of Journalism Training at Radio Free Europe, Radio Liberty, Prag; Lidija Popovic, Radio B2-92, Mitarbeiterin ORF-Radio "Nachbar in Not", derzeit Wien; Eugen A. Ruß, Herausgeber, "Vorarlberger Nachrichten", Bregenz.

Franz Manola fasste die Ergebnisse des Arbeitskreises wie folgt zusammen:

"1. Wenn von den Neuen Medien die Rede ist, dann ist heute einzig und allein vom Internet die Rede. In früheren Alpbacher Diskussionen im Rahmen der "Alpbacher Technologiegespräche" war im Zusammenhang mit dem Netz nahezu ausschließlich von Makrotechnologien die Rede, von Turbo-Versionen des Fernsehens, die über Superhighways brausten. Spätestens seit diesem Jahr lässt sich feststellen, dass bei allem Pluralismus der Standpunkte die Mikrotechnolgie des Internets, besonders jene des World Wide Webs, ganz allein den klassischen Medien gegenübersteht.

2. Als wesentlicher Aspekt des Internets wird weitgehend unbestritten sein 2-Weg-Charakter erkannt. Der Rück-Kanal steht theoretisch jedem offen. Er wird als Publikations-Plattform betrachtet, die der freien Meinungsäußerung offensteht. Manche halten das für eine Medienmachtverschiebung von den journalistischen 'Hohenpriestern' hin zum gemeinen Volk, andere halten am Gegenteil fest: Noch nie war eine Gesellschaft von der griechischen Agora, dem Marktplatz der Meinungen, weiter entfernt als heute die unsere.

3. Auch das Internet hat Grenzen. Niemand hat sie krasser aufgezeigt als Veran Matic, der bedeutende Oppositionelle Belgrads. In unserem Arbeitskreis vertreten durch Lidija Popovic, lässt uns diese Zentralfigur des legendären Oppositionssenders B-92 wissen, dass die überwältigende Mehrheit seiner Landsleute heute allen Ernstes der Ansicht sei, Serbien hätte die NATO besiegt. Er nennt diesen Zustand 'Die virtuelle Welt von Serbien'. Diesen Zustand haben die klassischen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen, allesamt im Zugriff des Regimes, herbeigeführt.

4. Wäre das anders, wenn alle bereits angeschlossen, wenn alle am Netz wären, lautet die Schlüsselfrage. Manfred Jochum, der das Internet für eine elitäre Veranstaltung hält, glaubt nicht annähernd an eine technische Vollversorung. Eugen Ruß wiederum ist der Ansicht, technisch würden wir nicht nur einfach, sondern mehrfach vollversorgt sein. Präzis dann aber drohe ein schmerzhafter sozialer Riss zwischen jenen, deren Ausbildung ein Minimum an Abstraktionsfähigkeit gewährleistet, und jenen, bei denen das nicht der Fall ist."
ß

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

ORF-Öffentlichkeitsarbeit und
Kommunikation
Gerhard Bollard
Tel.: 0664/380 04 01

ß

(Schluss)

Verband Österreichischer
Zeitungen (VÖZ)
Hannes Schopf
Tel.: 0664/482 64 70

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | GOA/OTS