HIV-Positive Frauen: Defizite in gynäkologischer Versorgung

Rieder: Kampf gegen AIDS noch lange nicht gewonnen

Wien, (OTS) Am Donnerstag präsentierte Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder die Studie "HIV/AIDS in der Gynäkologie", die sich mit der gynäkologischen Betreuung von HIV-Positiven und aidskranken Frauen in Wien beschäftigt. "Wien ist weltweit eine der Städte mit der besten medizinischen Betreuung
von HIV-Positiven bzw. Aids-Kranken. Trotzdem zeigt die
vorliegende Studie zum Teil erhebliche Defizite in der gynäkologischen Versorgung von betroffenen Frauen", erklärte Rieder. Besonders bedrückend sei die Tatsache, dass ein Fünftel der im Rahmen der Studie befragten niedergelassenen GynäkologInnen die Behandlung von HIV/AIDS-Patientinnen ausdrücklich ablehne, bei HIV-Positiven bzw. aidskranken Drogenabhängigen würden sogar zwei Drittel eine Behandlung ablehnen. Gemeinsam mit dem Gesundheitsstadtrat stellten die Wiener
Frauengesundheitsbeauftragte Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, die Leiterin der AIDS-Hilfe-Wien, Mag. Claudia Kuderna, sowie Prim. Dr. Norbert Vetter, Leiter der II. Internen Abteilung des Pulmologischen Zentrums, die Studie vor.

Rieder zu einem weiteren Ergebnis der Studie: "Es gibt aber offenbar auch zwei Klassen von Betroffenen: Frauen, die sich auf heterosexuellem Weg mit dem HI-Virus angesteckt haben und Frauen, die sich durch Drogenmissbrauch angesteckt haben. Letztere Gruppe ist in vielen Bereichen besonders schlecht gestellt. Diese Frauen verfügen im Durchschnitt über ein schlechtere Schulbildung, sind häufiger arbeitslos oder in Frühpension, und haben ein geringeres Einkommen."

Generell haben Frauen derzeit ein größeres Risiko, sich durch Geschlechtsverkehr mit dem HI-Virus anzustecken, als durch Drogenmissbrauch. Seit 1996 ist Neuinfektionsrate durch Geschlechtsverkehr doppelt so hoch wie die Neuinfektionsrate durch Drogenmissbrauch. Rieder: "Das zeigt uns, dass die Aids-Prävention bei Drogenabhängigen, vor allem durch unsere Spritzentauschprogramme, besonders gut funktioniert. Gleichzeitig muss es aber mehr Prävention bei nicht-drogenabhängigen Frauen geben.

Rieder warnte in diesem Zusammenhang auch vor einem "trügerischen Frieden", der sich durch den Rückgang der Aids-Todesfälle breit machen könnte. "Nur weil durch immer bessere Medikamente der Ausbruch der Krankheit Aids hinausgezögert werden kann, ist der Kampf gegen AIDS mit dem Fernziel einer Impfung noch lange nicht gewonnen."****

Kein HIV-Positives Neugeborenes seit 1996

Der medizinische Fortschritt wirkt sich auch positiv auf betroffene Frauen aus. Durch moderne antiretrovirale Therapien während der Schwangerschaft und der Geburt kann eine Übertragung der HIV-Infektion auf das Neugeborene reduziert oder verhindert werden. Dadurch gab es in Österreich in den Jahren 1997 und 1998 kein HIV-Positives Neugeborenes mehr, 1996 gab es ein infiziertes Kind.

Die Studie "HIV/Aids in der Gynäkologie"

123 GynäkologInnen (41,3% der niedergelassenen GynäkologInnen) waren bereit, an der Studie teilzunehmen. Ein Viertel der teilnehmenden GynäkologInnen sind Frauen, etwa die Hälfte arbeitet in Praxen mit weniger als 500 Patientinnen pro Quartal, jeweils ein Fünftel ist unter 40 bzw. über 60 Jahre alt.

Parallel dazu wurden im Zeitraum September bis Oktober 1998
30 HIV-Positive Patientinnen der HIV/AIDS-Einrichtungen des Pulmologischen Zentrums der Stadt Wien zu ihrer Nutzung des gynäkologischen Versorgungsangebots interviewt. Das durchschnittliche Alter der Frauen beträgt 33 Jahre. 20 der befragten Patientinnen haben sich auf heterosexuellem Weg mit dem HI-Virus angesteckt, 10 über intravenösen Drogenkonsum.

Verfasser der Studie, die auch vom Medizinisch-Wissenschaftlichen Fonds des Bürgermeisters gefördert wurde, waren Prim. Dr. Norbert Vetter, Leiter der 2. Internen Abteilung des Pulmologischen Zentrums der Stadt Wien, und Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger als Leiterin der Ludwig Boltzmann-Institutes für Frauengesundheitsforschung.

Die Ergebnisse

Die vorliegende Studie soll folgende Themenfelder beleuchten:

o Die Behandlungsbereitschaft der GynäkologInnen für HIV-Positive

Patientinnen.
o Die Lebenssituation HIV-Positiver Frauen
o Die Themen Kinderwunsch, vertikale HIV-Transmission,

Schwangerschaft und Geburt bei HIV-Positiven Frauen.
o Den Informationsstand der GynäkologInnen zum Thema HIV/AIDS.
o Die Nutzung des HIV/AIDS-spezifischen Behandlungsangebotes durch

HIV-Positive Frauen.

Die Behandlungsbereitschaft der GynäkologInnen

Die vorliegenden Ergebnisse weisen auf deutliche Defizite in der Praxis der gynäkologischen Versorgung von HIV-Positiven Frauen durch niedergelassene GynäkologInnen in Wien hin:

Die Behandlungsbereitschaft der befragten GynäkologInnen für HIV/AIDS-Patientinnen ist eingeschränkt:

o Nur etwa ein Drittel der Befragten behandelt bereits HIV/AIDS-

Patientinnen.
o Ein Fünftel der befragten GynäkologInnen lehnt eine Behandlung von

HIV/AIDS-Patientinnen ausdrücklich ab.
o In der Behandlungsbereitschaft für HIV/AIDS-Patientinnen zeigte

sich ein signifikanter Generationseffekt: die Ablehnung ist bei GynäkologInnen, die über 60 Jahre alt sind, größer. Weiters lehnen

GynäkologInnen mit eher geringen Patientinnenfrequenz unter 500 pro Quartal die Behandlung von HIV/AIDS-Patientinnen häufiger ab als Gynäkologinnen mit höherer Patientinnenfrequenz.
o Die Ablehnung einer Behandlung von Drogenpatientinnen ist

besonders stark: Zwei Drittel der befragten GynäkologInnen
wollen

diese Patientinnengruppe nicht in ihrer Praxis behandeln. Ein starkes Motiv für diese Ablehnung ist die Angst der GynäkologInnen, dass Drogenpatientinnen in der Ordination auf Grund ihrer Auffälligkeit bei anderen Patientinnen Unbehagen auslösen und diese dann der Ordination fernbleiben könnten.
o Die Ablehnung einer Behandlung von Drogenpatientinnen spiegelt

sich auf der Patientinnenseite in dem Ergebnis wider, dass tatsächlich weniger HIV-Positive Drogenpatientinnen als Patientinnen mit "heterosexueller" Ansteckung von
niedergelassenen

GynäkologInnen behandelt werden.
o Insgesamt werden in der ÄrztInnen-Patientinnen-Beziehung
zwischen

HIV-Positiven Frauen und niedergelassenen GynäkologInnen erhebliche Vertrauensmängel sichtbar: Ein großer Teil der befragten Frauen berichtet, Probleme damit zu haben, den behandelnden GynäkologInnen die Tatsache der HIV-Infektion mitzuteilen. Viele Frauen entscheiden sich entweder für einen Wechsel zu anderen GynäkologInnen oder ziehen es vor, in einer Spitalsambulanz behandelt zu werden.
Das Misstrauen ist gegenseitig: Auf Seiten der GynäkologInnen befürchtet etwa die Hälfte der Befragten, dass Patientinnen nicht

mitteilen, dass sie HIV-Positiv sind.

Die Lebenssituation HIV-Positiver Frauen

Die sozioökonomische Situation der hier befragten 30 HIV-Positiven Frauen weist ein hohes Belastungspotential auf: Weniger als ein Viertel der Frauen sind berufstätig, mehr als ein Drittel der Frauen sind - bei einem Durchschnittsalter von 33 Jahren -bereits in Frühpension. Das bedeutet, dass etwa die Hälfte der Frauen mit einem Nettoeinkommen bzw. mit einer Sozialhilfe, die unter 10.000,- öS im Monat beträgt, leben müssen.

Hinzu kommt, dass etwa die Hälfte der Frauen keinen Partner haben; 12 der 30 befragten Frauen haben ein Kind bzw. mehrere Kinder. 9 Frauen leben mit einem HIV-Positiven Familienmitglied (Partner oder Kind) zusammen.

In dieser insgesamt sehr belastenden Situation von HIV-Positiven Frauen ist ein besonders beeindruckendes Ergebnis, dass
es trotzdem noch zwei Klassen von HIV-Positiven Frauen gibt: HIV-Positive Drogenpatientinnen sind in vielen Bereichen schlechter gestellt als Frauen, die sich auf heterosexuellem Weg mit HIV infiziert haben.

Was die sozioökonomische Situation der befragten Frauen betrifft, haben HIV-Positive Drogenpatientinnen häufiger eine schlechtere Schulbildung, sind häufiger arbeitslos oder bereits in Frühpension und verfügen über ein geringeres Einkommen als Frauen, die sich auf heterosexuellem Weg infiziert haben.

Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt bei HIV-Positiven Frauen

In den Bereichen Partnerschaft, Sexualität, Kinderwunsch und Schwangerschaft bewirkt die Diagnose der HIV-Infektion weit
gehende Veränderungen für die Betroffenen. In vielen Partnerschaften von HIV-Positiven Frauen verliert Sexualität an Bedeutung, emotionale Unterstützung durch den Partner tritt in den Vordergrund. Der Kinderwunsch HIV-Positiver Frauen ist nach der HIV-Diagnose deutlich geringer als vorher; nur ein Drittel der Frauen wünschen sich nach der HIV-Infektion ein Kind, vor der HIV-Diagnose waren es etwa drei Viertel der Frauen. Diese Tatsache
wird auch an einer Verringerung der Inzidenz von Schwangerschaften nach HIV-Diagnose und einer Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche sichtbar.

Die Einstellung der GynäkologInnen zu Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt bei HIV-Positiven Frauen ist kritisch, basiert aber auf Uninformiertheit:

o Zwei Drittel der Befragten würden einer HIV-Positiven Frau bei

Kinderwunsch von einer Schwangerschaft abraten.
o 40% der Befragten würden einer HIV-Positiven Frau bei

Schwangerschaft von einer Geburt abraten.
o Etwa die Hälfte der befragten GynäkologInnen fühlt sich persönlich

nicht ausreichend über die Risiken und Präventionsmöglichkeiten der vertikalen Transmission der HIV-Infektion informiert.

Der Wissens- und Fortbildungsstand der GynäkologInnen zu HIV/AIDS

Der Wissens- und Fortbildungsstand zu HIV/AIDS der befragten GynäkologInnen weist deutliche Mängel auf:

o Etwa die Hälfte der Befragten hat noch nie eine HIV/AIDS-

spezifische Fortbildung besucht.
o Ebenso etwa die Hälfte der Befragten empfindet mangelndes

Fachwissen als eine Behandlungsbarriere gegenüber HIV/AIDS- Patientinnen.
o Drei Viertel der befragten ÄrztInnen wissen nicht, wie hoch das

Ansteckungsrisiko für medizinisches Personal ist; das Risiko
wird

eher überschätzt - viele ÄrztInnen lehnen daher aus Angst vor einer Ansteckung mit HIV die Behandlung von HIV-Positiven Patientinnen ab.

Die Nutzung des medizinischen/gynäkologischen Versorgungsangebotes durch HIV-Positive

Was die Nutzung des medizinischen und im Besonderen des gynäkologischen Versorgungsangebotes durch HIV-Positive Frauen betrifft, ist der hohe Anteil an Frauen - 43% aller hier Befragten bzw. 80% der Drogenpatientinnen -, die sich nach Bekanntwerden
ihrer HIV-Infektion länger als ein Jahr nicht in HIV-spezifische medizinische Betreuung begibt, kritisch. Eine deutliche Schlechterstellung der HIV-Positiven Drogenpatientinnen zeigt sich also auch im Zugang zur medizinischen Versorgung.

Weiters unterziehen sich immerhin ca. ein Drittel der
befragten Frauen (50% der Drogenpatientinnen, 25% der auf heterosexuellem Weg Infizierten) seltener als ein Mal pro Jahr
einer gynäkologischen Kontrolle.

o Service:

Die Langversion der Studie "HIV/AIDS in der Gynäkologie - Ein ÄrztInnen/PatientInnen-Studie" ist erhältlich im Büro der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten, Frau Susanne SEHORZ, 1010 Wien, Neutorgasse 15, Tel.: 01/53114-85955 DW,
e-mail: wib@kav.magwien.gv.at:
(Schluss) nk

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