OeNB - OeNB-Gouverneur Dr. Liebscher zu den makroökonomischen Ursachen und Effekten internationaler Finanzkrisen

Wien (OTS) - ! ! ! SPERRFRIST: 1.September 1999, 15:00 Uhr ! ! !

Im Gefolge der ausgeprägten Währungs- und
Finanzkrisen der 90er-Jahre sei es sinnvoll, die Strukturen
der internationalen Finanzarchitektur eingehend zu prüfen und weitere Verbesserungen bei der Handhabung der vielfältigen
Risiken auf den Finanzmärkten vorzunehmen. Dabei sollten
jedoch Übertreibungen in die eine oder andere Richtung
vermieden werden. Dies stellte der Gouverneur der
Oesterreichischen Nationalbank, Dr. Klaus Liebscher, anläßlich seines Vortrags beim Forum Alpbach am 1. September 1999 zum
Thema "Makroökonomische Ursachen und Effekte internationaler Finanzkrisen" fest.

In seiner Analyse der Hauptursachen der Finanzkrisen der 90er-Jahre ortete Gouverneur Dr. Liebscher, daß diese
- stärker durch sprunghafte Schwankungen im Kapitalverkehr
als durch Leistungsbilanz-ungleichgewichte,
- mehr durch den privaten als durch den öffentlichen Sektor
und
- eher durch strukturelle Schwächen im Banken- und Unternehmenssektor als durch schwache volkswirtschaftliche Basisdaten ausgelöst worden sind.

Vor dem Hintergrund dieser Analyse seien die aufstrebenden Volkswirtschaften ("emerging markets") mehr denn je gefordert,
eine stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik zu betreiben,
ihr währungspolitisches Regime sorgfältig zu wählen, ihre Bankensysteme und damit auch ihren Finanzmarkt zu stärken und
auf dieser Basis eine geordnete, schrittweise Liberalisierung
der Kapitalverkehrs durchzuführen.

Mit Blick auf das Euro-Währungsgebiet stellte Gouverneur
Dr. Liebscher fest, daß die Bereitschaft eines großen Wirtschaftsraumes, eine einheitliche und stabilitäts-
orientierte Geldpolitik zu betreiben, durchaus zur Eindämmung internationaler Finanzmarktkrisen beitragen kann. Es sei
zweifellos der glaubwürdig auf langfristige Stabilität ausgerichtetenen Wirtschafts- und Währungspolitik der EU im
Vorfeld der Euro-Einführung zu verdanken, dass die Turbulenzen
des vergangenen Jahres nicht stärker auf den Euroraum übergegriffen haben. Nunmehr trage das Euro-Währungsgebiet aufgrund seiner wirtschaftlichen Größe und als
ernstzunehmender politischer Akteur zur Stabilität des internationalen Finanzsystems bei, indem es positiv auf andere Länder - insbesondere auf die Nachbarstaaten und deren
Wirtschafts- und Finanzsysteme - ausstrahlt und im Rahmen der internationalen Kooperation seinen Beitrag leistet.

In diesem Zusammenhang unterstrich Gouverneur Dr. Liebscher
das vitale Interesse der Notenbanken an der Stabilität und Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte und dort insbesondere der Banken, denen auch eine bedeutende Funktion bei der operativen Umsetzung von geldpolitischen Maßnahmen zukommt. Die
präventive Vorsorge durch Regulierung und Überwachung der
Banken und anderer Finanzmarktakteure erhalte daher einen
besonderen Stellenwert. Eine der wichtigsten Herausforderungen
für die Zentralbanken werde daher in den kommenden Jahren
darin liegen, mit ihrer Politik weiterhin sowohl die Geldwertstabilität als auch die Stabilität im Finanzsystem zu sichern.

Wertvolle Arbeit bei der Festlegung von harmonisierten Aufsichtsstandards in Banken- und Finanzmärkten habe in den vergangenen 10 Jahren, so Gouverneur Dr. Liebscher, der Basler Ausschuß für Bankenaufsicht bei der BIZ geleistet. Als richtungsweisend seien dessen sog. Grundprinzipien ("core principles") aus dem Jahr 1997 anzusehen. Nun ginge es um
deren Umsetzung in möglichst vielen Ländern, wobei "moral
suasion" und gegebenenfalls Sanktionen künftig wesentliche Voraussetzungen dafür sein könnten, ihnen einen weltweit verbindlichen Charakter zu geben. Gouverneur Dr. Liebscher
wies auch auf das im April 1999 von den G-7 Ländern
eingesetzte "Forum für Finanzmarktstabilität" hin, das im
Sinne der Stärkung des weltweiten Finanzsystems diesbezügliche Problembereiche aufdecken soll, damit in Zukunft systemübergreifende Finanzkrisen frühzeitig erkannt und entschärft werden können.

Von besonderer Bedeutung sei, so der OeNB-Gouverneur, die stärkere Miteinbeziehung des privaten Sektors und der
betroffenen Gläubigerbanken in die Krisenprävention und -bewältigung. Nur durch die "Mitverantwortung" der
Marktteilnehmer bei der Erstellung von Lösungsmodellen könne erreicht werden, daß die privaten Investoren bei ihren
Engagements höchste Sicherheitsmäßstäbe anlegen.

Gouverneur Dr. Liebscher trat abschließend für ein
ausgewogenes Verhältnis zwischen aufsichtsrechtlichen
Regelungen im Sinn der Erhaltung eines gesunden Bankensystems
und den eigenen Regelungsmechanismen der Märkte ein. Eine
höhere Transparenz des Marktgeschehens sei jedoch
erforderlich, um angesichts der immer schnelleren
Entwicklungen und Innovationen auf den global vernetzten Finanzmärkten einen Qualitätsverlust in der Aufsicht zu
vermeiden.

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