Rieder: Unabhängige Experten sollen österreichweit prüfen

Berichte jährlich veröffentlichen

Wien, (OTS) "Die Ereignisse in einem oder mehreren oberösterreichischen Spitälern haben die Patientinnen und Patienten in ganz Österreich verunsichert. Es besteht daher nicht der geringste Anlass zu lokalpolitischer Häme oder
Besserwisserei", betonte Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder am Montag im Rahmen eines Mediengespräches. "Vielmehr müssen wir österreichweite Konsequenzen zur Standardsicherung ziehen. Denn je höher das Leistungsniveau der Medizin ist, desto höher ist auch die Fehleranfälligkeit des Systems."****

Angstfreies Spital

Kein Spital der Welt ist vor Fehlern gefeit. Trotzdem, nur in einer weitgehend angstfreien Atmosphäre kann man gesund werden und professionell arbeiten. Es muss eine Atmosphäre geschaffen werden, in der Patienten keine Angst vor einem Kunstfehler oder der Vertuschung eines solchen haben müssen. Vom persönlichen Umgang mit dem Patienten, der Patientenaufklärung, über den Umgang zwischen den Spitalsmitarbeitern, der Angehörigenberatung bis hin zur baulichen Gestaltung muss alles auf Vertrauensbildung und Angstabbau ausgerichtet sein.

Gleichzeitig dürfen Ärzte oder Pflegepersonen nicht von vornherein kriminalisiert oder skandalisiert werden. Nur in einem System, das offen mit vermeintlichen oder tatsächlichen Fehlern umgeht, können Vertuschungsversuche weitgehend verhindert werden. In Wien werden heute schon Behandlungsfehler oft direkt vom behandelnden Arzt dem Patientenanwalt gemeldet.

Patientenrechte auf dem Papier sind wenig

Die Schaffung von Patientenrechten ist wichtig, doch dürfen sie nicht nur auf dem Papier stehen. Bekanntlich gibt es in den Länder-Krankenanstaltengesetzen bereits solche gesetzlichen Patientenrechte. Eine deutliche Verbesserung könnte hier schon die österreichweite Umsetzung des Wiener Modells einer umfassend zuständigen (und nicht nur für einen Spitalsträger zuständigen) Patientenanwaltschaft bringen.

Pakt für Patientensicherheit und Medizinqualität

Rieder: "In der konkreten Situation halte ich es aber für
noch wichtiger, entsprechende Maßnahmen zur Vorbeugung zu treffen, dass es erst gar nicht zur Gefährdung oder Schädigung von Patienten kommt. Unter diesem Gesichtspunkt schlage ich eine österreichweite Vereinbarung mit den Spitalsträgern und den Finanziers des Gesundheitswesens vor, in der sich die Vertragspartner verpflichten, die im Interesse der Patientensicherheit und Qualität notwendigen Maßnahmen einerseits zu finanzieren und andererseits umzusetzen." Eine unabhängige Kommission soll den Umsetzungsstand laufend überprüfen und jährliche Berichte über die getroffenen Maßnahmen verfassen und veröffentlichen.

Konkrete Maßnahmen durchsetzen

Diese Vereinbarung soll folgende, in Wien teilweise schon umgesetzten Maßnahmen enthalten:

1) Qualitätssicherung interdisziplinär und interprofessionell

Qualitätssicherung muss sowohl interdisziplinär als auch interprofessionell, spitalsintern und spitalsübergreifend stattfinden. Ein Beispiel für eine solche Qualitätssicherungsmaßnahme sind internationale Ringstudien wie z.B. die amerikanische Oxford-Vermont-Studie, an der die Wiener Neonatologien bereits seit Jahren erfolgreich teilnehmen.

2) Standardisierte Checklisten

Auch vermeintliche Routinetätigkeiten bedürfen großer Konzentration. Helfen können hier wie im Flugverkehr standardisierte Checklisten, mit denen Black-out-Situationen oder "Betriebsblindheit" gegebenenfalls verhindert werden können.

3) Patientenaufklärung

Die umfassende Aufklärung der Patienten und die Einbeziehung der Angehörigen sind zentrale Punkte im Arzt-Patienten-Verhältnis. In Wien wurden mit den so genannten "Weißauer Blättern", ausführliche schriftliche und optische Darstellungen zu bestimmten Eingriffen ohne "Formular-Charakter", beste Erfahrungen gemacht.

4) Offenheit statt Vertuschung

Wenn ein Kunstfehler passiert, muss die Devise Offenlegung statt Vertuschung heißen. In Wien bedeutet das seit Jahren auch eine offensive und informative Strategie im Umgang mit Medien.
Wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass in einem kolportierten Fall kein Kunstfehler oder Fehlverhalten vorlag (z.B. "falsche
Niere im Kaiser Franz Josef-Spital" oder Vorwürfe gegen Wiener Pflegeheime) muss aber auch die mediale "Wiedergutmachung"
gesichert sein.

5) Patientenentschädigung

Rasche österreichweite Einführung des Wiener Modells der Patientenentschädigung ohne "juristisches Zwangskorsett" dieses oder jenes Haftungssystems.

6) Verbesserung und mehr Transparenz bei der Fachausbildung

Mehr Transparenz muss es bei der Auswahl der KandidatInnen
für eine Facharztstelle geben: Am Beginn der Ausbildung steht derzeit die Auswahl der KandidatInnen durch den eigenverantwortlichen Abteilungsvorstand. Künftig sollte der Abteilungsvorstand seine Auswahl für die Fachausbildung
schriftlich begründen. Übrigens wird auch die mittlerweile gesetzlich vorgesehene und längst fällige Facharztprüfung am Ende einer einschlägigen Ausbildung erst in ein paar Jahren wirksam.

In allen Hierarchien zu forcieren sind Fortbildungen mit Qualifikations- und nicht nur mit Teilnahmenachweis.

7) Führungspositionen nur mit Managementausbildung

Primar/ia oder Ärztliche/r DirektorIn kann in Wien nur
werden, wer über eine Spezialausbildung in Personalführung und Management verfügt oder eine solche nachholt.

8) Rufbereitschaft

Auf Grund der weitaus besseren Personalsituation als in allen anderen Bundesländern gibt es in der Bundeshauptstadt keine Rufbereitschaft, d.h. es sind in städtischen Spitälern rund um die Uhr FachärztInnen vorhanden. Die Rufbereitschaft verunsichert sowohl Patienten als auch die Nicht-Fachärzte, die "die Stellung" halten müssen. Rieder: "Aus diesen Gründen schlage ich vor, die Rufbereitschaft in österreichweit nochmals zu überdenken."

9) Mehr Zusammenarbeit intra- extramural

Dringend notwendig ist eine verbesserte Zusammenarbeit
zwischen Spitalsärzten und niedergelassenen Ärzten vor, während und nach dem Spitalsaufenthalt.

10) Schwerpunktsetzung statt Konkurrenz aus Prestigegründen

Wenn seltenere Eingriffe und Behandlungen in zu vielen Standorten angeboten werden, leidet zwangsläufig die Qualität, weil den behandelnden Ärzten die Routine fehlt. Wien hat gute Erfahrungen mit der Zusammenlegung von Standorten und der damit verbundenen Qualitätssteigerung gemacht, z.B. in der Neonatologie. Ebenso der Qualität abträglich sind Abteilungen, die nur aus Prestigegründen "künstlich" am Leben erhalten werden, ohne dass ein Bedarf vorhanden wäre. In Wiens städtischen Spitälern wurden deshalb in den vergangenen zehn Jahren in Summe 1.600
Spitalsbetten abgebaut. In dieser Summe sind die 933 im
Donauspital neu geschaffenen Betten bereits berücksichtigt. (Schluss) nk/

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