OeNB-Deutliche Fortschritte bei der Inflationsmessung durch den Harmoniserten Verbraucherpreisindex

In der Publikationsreihe "Berichte und Studien",

Wien (OTS) - Heft 2/1999, erschienen.

Die Probleme, die im Zusammenhang mit der
Meßgenauigkeit der Inflationsraten entstehen, haben in Europa
seit einiger Zeit wieder größeres Interesse hervorgerufen. Dies liegt zum einen daran, daß sich die Notenbanken heute stärker
als früher am Ziel der Preisstabilität ausrichten und die Inflationsraten nicht mehr weit von Null entfernt sind. Je
niedriger die Inflationsraten, desto wichtiger wird auch die
Frage nach der korrekten Messung der Teuerung für die
Geldpolitik. Zum anderen haben vor allem amerikanische und vereinzelt auch europäische Studien gezeigt, daß mit den verwendeten Methoden der Inflationsmessung eine Verzerrung
- überwiegend eine teils erhebliche Überzeichnung - des Preisauftriebs verbunden sein kann, die wiederum mit
wesentlichen wirtschaftspolitischen Implikationen verbunden ist.

Eine von der OeNB durchgeführte Analyse gibt einen Überblick
zu den EU-weit berechneten Harmonisierten Verbraucherpreis-
indizes (HVPI) und die diesbezüglichen Fortschritte in der Inflationsmessung und untersucht ferner die Auswirkungen für die Preisentwicklung im Vergleich zum traditionellen österreichischen Verbraucherpreisindex (VPI).

Der HVPI ist eine wesentliche Innovation für die
vergleichende Inflationsmessung in Europa. Dieser Indikator
wurde von der Europäischen Kommission, den Mitgliedstaaten sowie dem Europäischen Währungsinstitut bzw. der Europäischen Zentralbank entwickelt und nach einer einjährigen Übergangsphase erstmalig in harmonisierter Version 1997 berechnet. Basierend
auf einer Verordnung des Europäischen Rats und daraus
abgeleiteten Verordnungen der Europäischen Kommission wurden Mindeststandards zu den wichtigsten und indexbestimmenden
Bausteinen festgelegt. In weiterer Folge wurde der HVPI zum zentralen Preisindikator im Rahmen der geldpolitischen Strategie
des Europäischen Systems der Zentralbanken.

Zweck des HVPI ist es, für die Inflationsmessung einheitliche Verfahren zu schaffen, die auch methodische Schwächen ausräumen, vor allem aber die Vergleichbarkeit erhöhen und damit dazu beitragen, die Beurteilung und Analyse der Preisentwicklung auf
ein abgestimmtes, verläßliches und weitgehend akzeptiertes Fundament zu stützen. Wichtig ist auch die zeitnahe
Verfügbarkeit dieses Indikators. Alle diese Anforderungen wurden
im HVPI in den letzten Jahren in hohem Maße umgesetzt.

Neben den nationalen HVPIs wurden nach und nach der
Europäische Verbraucherpreisindex (EVPI) für die gesamte EU und seit Mai 1998 der HVPI für das Eurowährungsgebiet berechnet. Die jüngste Gewichtsstruktur nach Ländern (Tabelle 1) zeigt, daß im Eurowährungsgebiet Deutschland den höchsten Anteil aufweist
(rund ein Drittel), gefolgt von Frankreich (mit rund einem Fünftel). Beide Länder zusammen aggregieren bereits rund 56% des HVPI für das Eurowährungsgebiet. Addiert man Italien (dritthöchstes Gewicht mit 19 %) noch dazu, so konzentrieren
sich fast 75% der "Euro-Inflationsrate" auf diese drei Länder. Österreich hat einen Anteil von rund 3%. Aufgrund der unterschiedlichen Gewichtungsbasis(HVPI für das Eurowährungsgebiet: länderspezifischer Anteil der "privaten Verbrauchsausgaben im Inland" am analogen Aggregat für den
gesamten Euroraum. - HVPI für die Europäische Union (EVPI):
länderspezifischer Anteil des "gesamten privaten Konsums" am analogen Aggregat für die gesamte EU.)und durch das Vereinigte Königreich ändert sich die Reihenfolge der ersten vier Länder für die gesamte EU etwas.

Bei der güterspezifischen Zusammensetzung der HVPIs in den einzelnen EU-Ländern (Tabelle 2) dominieren die handelbaren
Güter mit annähernd zwei Drittel. Wie die OeNB-Studie zeigt, ist in Österreich der Güteranteil mit knapp 60% EU-weit am
geringsten bzw. das Dienstleistungsgewicht am höchsten (40%). Spanien und Portugal bilden die anderen Extreme.

Der Übergang zum HVPI bedeutete für viele EU- Länder - so
auch für Österreich - eine weitgehende Neukonzeption in der Inflationsberechnung bei gleichzeitigem Fortbestand des traditionellen VPI (wie er in Österreich - mit verschiedenen Vorläuferbezeichnungen und rückgerechnet - seit 1800 besteht). Unterschiede ergeben sich vor allem in der Zusammensetzung des Warenkorbs, bei den Indexmethoden, der Abgrenzung der Haushaltsausgaben, der einbezogenen Bevölkerung sowie bei der Gewichtsanpassung der einzelnen Güter und Dienstleistungen.
Diese rein methodisch bedingten Faktoren führen zu Inflationsunterschieden zwischen (rückgerechnetem) HVPI und VPI
von 0,4 Prozentpunkten pro Jahr. So stiegen die Preise gemäß
HVPI zwischen 1986 und 1998 um 28,1% (oder 2,09% p.a.), laut VPI aber um 33,7% (oder 2,45% p.a.). Seit 1996 und der weitgehenden konzeptionellen Angleichung (des VPI an den HVPI) haben sich die Unterschiede aber auf 0,1% p.a. verringert.

Nicht berücksichtigt sind in diesem Vergleich "traditionelle" Biasquellen (Substitutionsprozess der Haushalte durch Ausweichen
auf andere Güter und Geschäfte, die sich ändernde Geschäfts-struktur, Qualitätsänderungen, neue Güter), wie sie etwa im BOSKIN-Report für den amerikanischen VPI aufgezeigt wurden. Wenngleich der HVPI auch für die Ausräumung (zumindest Teile) dieser Biasquellen Verbesserungen gebracht hat, gehören vor
allem die Auswirkungen von Qualitätsveränderungen auf die Preisentwicklung noch zu den offenen Problemen in der Inflationsmessung auf europäischer Ebene. Daneben sind aber auch noch einige Dienstleistungen einer intensiven
Harmonisierungsarbeit zu unterziehen und in den Warenkorb zu integrieren. Für die Geldpolitik interessant sind auch die Indikatoren zur Kerninflation (Ausschaltung von temporären Preiseffekten und volatilen Preisen). Auch diesbezüglich sind
noch konsistente Verfahren und Berechnungen zu entwickeln.

Nähere Informationen sind dem Heft 2/1999 der Berichte und Studien der OeNB zu entnehmen oder sind in der Abteilung für volkswirtschaftliche Analysen (Mag. Fluch, DW 7432) erhältlich.

Tabelle 1:

Ländergewichte 1999 des HVPI für das Eurowährungsgebiet
und die Europäische Union

Land Eurowährungsgebiet Europäische Union in Promille
Belgien .............. 39,9 31,1 Deutschland .......... 345,2 246,7
Spanien .............. 91,5 89,1 Frankreich ........... 210,5 147,2
Irland ............... 9,6 7,9
Italien .............. 188,1 167,3 Luxemburg ............ 2,0 1,6 Niederlande .......... 51,3 39,8 Österreich ........... 28,9 21,2 Portugal ............. 18,2 19,8
Finnland ............. 14,8 10,1 Eurowährungsgebiet - 781,7 Dänemark ............. - 13,5 Griechenland ......... - 23,7
Schweden ............. - 17,6 Vereinigtes Königreich - 163,6 Insgesamt 1.000 1.000

Quelle: Eurostat

Tabelle 2:

Gewichte des HVPI im Jahr 1999 für die EU-Staaten
in Promille nach Sondergliederungen

HVPI Unbear- Bearbeitete Lebensmittel, beitete Lebensmittel, alkoholische Lebens- alkoholische Getränke
mittel Getränke und und Tabak
Tabak
1 (8+9) 2 3 4 (2+3)

Belgien ....... 1.000 101,7 140,5 242,1 Deutschland ... 1.000 65,8 136,7 202,5
Spanien ....... 1.000 161,9 145,4 307,2 Frankreich .... 1.000 96,9 129,0 225,9
Irland ........ 1.000 96,3 209,7 306,1
Italien ....... 1.000 92,1 119,4 211,5 Luxemburg ..... 1.000 79,1 125,8 204,9 Niederlande ... 1.000 72,7 146,2 218,9 Österreich .... 1.000 63,4 120,1 183,5 Portugal ...... 1.000 147,3 137,1 284,4 Finnland ...... 1.000 72,1 195,7 267,8

EU-11 ......... 1.000 89,7 134,3 224,0

Dänemark ...... 1.000 73,7 158,8 232,4 Griechenland .. 1.000 115,5 149,9 265,5 Schweden ...... 1.000 75,8 151,3 227,1 Ver.Königreich 1.000 63,0 141,0 204,0

EU-15 ......... 1.000 87,6 136,3 223,9

Nicht Energie In- Güter Dienst-ener- dustrie- leis-getische güter tungen Industrie-
güter
5 6 7 (4+7) 8 9

Belgien ....... 337,9 106,7 444,6 686,7 313,3 Deutschland ... 320,3 98,5 418,8 621,3 378,7 Spanien ....... 326,5 76,5 403,0 710,2 289,7 Frankreich .... 304,0 86,9 390,9 616,8 383,2 Irland ........ 244,1 98,6 342,7 648,7 351,3 Italien ....... 352,6 69,8 422,3 633,8 366,2 Luxemburg ..... 409,2 66,7 475,9 680,8 319,2 Niederlande ... 342,4 88,6 431,0 649,9 350,1 Österreich .... 330,1 84,8 414,9 598,4 401,6 Portugal ...... 331,5 92,4 423,8 708,2 291,8 Finnland ...... 293,7 107,5 401,2 668,9 331,1

EU-11 ......... 324,9 88,0 412,9 636,9 363,1

Dänemark ...... 288,4 98,6 387,1 619,5 380,5 Griechenland .. 335,0 73,1 408,1 673,6 326,4 Schweden ...... 299,8 112,9 412,7 639,9 360,2 Ver.Königreich 330,0 83,0 413,0 617,0 383,0

EU-15 ......... 326,1 86,7 412,8 636,7 363,3

Quelle: EUROSTAT, Cronos Datenbank

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