Nürnberger an Frank Stronach

Wien (GMBE/ÖGB). Auf den offenen Brief von Herrn Frank Stronach nimmt der Vorsitzende der Metallergewerkschaft, Rudolf Nürnberger, Stellung.++++

Das Schreiben an Frank Stronach im Wortlaut:

An
Frank Stronach
Chairman von Magna Int.
p.A. Magna Engeneering Center GmbH
Magnastraße 1
A-2522 Oberwaltersdorf

Werter Herr Stronach!

Über Ihren offenen Brief, in dem Sie mich zu einem konstruktiven Dialog einladen, war ich ziemlich verwundert. Aus meiner Sicht und aus der Sicht der Metallergewerkschaft haben wir die Ebene des konstruktiven Dialogs niemals verlassen.

Dieser Dialog ist, wie auch der Dialog mit anderen Unternehmern in Österreich, ein ständiger und wichtiger Bestandteil unserer gewerkschaftlichen Arbeit.
Als ein Ergebnis dieses Dialogs mit Magna haben Vertreter Ihres österreichischen Managements mit Vertretern unserer Gewerkschaft
am 11. Februar dieses Jahres eine Vereinbarung getroffen. Darin erklärt das Management unter anderem, dass ArbeitnehmerInnen, die Funktionen als BetriebsrätInnen anstreben, nicht diskriminiert werden.

Knapp zwei Wochen später, am 26. Februar, wurde eine Kollegin in Ihrem Werk in Weiz gekündigt – eine Kollegin, der nie irgendein Vorwurf gemacht wurde; ihre einzige Verfehlung war es offensichtlich, sich für die Gewerkschaft und die Schaffung eines Betriebsrates einzusetzen. Mit der Kündigung hat Ihr Management einer Fließbandarbeiterin, die 11.000 S netto im Monat verdient hat, die Existenzgrundlage entzogen.

Tatsachen wie diese Kündigung bestärken uns in dem Eindruck, dass es in Ihrem Konzern offensichtlich zweierlei ist, was auf dem
Papier steht und wie in der Praxis gehandelt wird. Uns liegen zahlreiche Beschwerden von MitarbeiterInnen ihrer Werke vor, sie stünden unter extremem Druck und starker Beeinflussung. Aus Angst um ihre Arbeitsplätze haben viele uns gebeten, ihre Namen nicht zu nennen.

Im Übrigen erwarten sich die Beschäftigten, dass sie von der MitarbeiterInnenbeteiligung nicht nur jahrelang in Ankündigungen hören, sondern dass sie diese auch tatsächlich erhalten.

Es ist von uns unbestritten, dass Sie ein kreativer Unternehmer sind, der in Österreich viele Arbeitsplätze geschaffen hat. Wir haben Sie auch nie in irgendeiner Weise persönlich herabgewürdigt. Wir beurteilen die Arbeitgeber aber auch danach, wie sie sich an Gesetze halten und wie sie mit getroffenen Vereinbarungen umgehen. Und wir sind weder bereit noch in der Position, gegenüber Unternehmern, sozusagen als Belohnung für die Schaffung von vielen Arbeitsplätzen, bei Missachtung der in Österreich geltenden Gesetze ein Auge zuzudrücken. Nach dem österreichischen Arbeitsverfassungsgesetz haben Sie dafür zu sorgen, dass Ihre MitarbeiterInnen nicht unter Druck gesetzt oder beeinflusst werden – und dass Sie sich einen Betriebsrat wählen können.

Wenn Ihnen die in Ihrer "Unternehmensverfassung" und "Magna
Charta" festgeschriebenen Werte wie das Miteinander, die Fairness, die Sicherheit am Arbeitsplatz, die Chancengleichheit und die Ablehnung von Diskriminierung wirklich etwas Wert sind, verstehe
ich nicht, dass Sie die Kündigung einer Mitarbeiterin, die sich genau für diese Werte – denn das sind auch gewerkschaftliche Werte – eingesetzt hat, zulassen. Sie sind in der Position, in dieser Sache ein Machtwort zu sprechen, die Kündigung zurückzunehmen und der betroffenen Arbeiterin ihre Lebensgrundlage wieder zu geben.

Ich bin zuversichtlich, dass sowohl Sie selbst, als auch die Beschäftigten in allen Magna Werken erkennen werden, dass ein Betriebsrat nur von Nutzen sein kann. Es ist uns in diesem Zusammenhang auch vollkommen unverständlich, warum Sie sich bzw. Ihr Unternehmen, dadurch dass Sie keinen Betriebsrat haben, selbst einschränken. In unserem Metallindustrie-Kollektivvertrag haben
wir zum Beispiel die Flexibilisierung der Arbeitszeiten geregelt. Mit einem Betriebsrat hätten Sie einen verantwortungsbewussten Partner, um derartige Vereinbarungen zu treffen.

Sie sind mit Ihrem Konzern international tätig. Auch die Gewerkschaften sind international organisiert. Die Metallergewerkschaft hat jedenfalls sichergestellt, dass es nun im Interesse der Beschäftigten zu einer Information und Koordination zwischen den Gewerkschaften jener Länder, in denen sich Magna-Betriebe befinden, kommt.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nie dabei war, Ihre Unternehmensverfassung und Magna Charta schlecht zu machen. Es stellt sich für mich allerdings die Frage, ob diese Instrumente zweckmäßig sind.

Ich erwarte mir, werter Herr Stronach, dass Sie dafür Sorge
tragen, dass es in Ihren Werken keine Einschüchterungen und Diskriminierungen von Beschäftigten gibt, die mit uns sympatisieren.

Glück auf!

Rudolf Nürnberger
Vorsitzender der Gewerkschaft Metall – Bergbau - Energie

P.S.: Zu Ihrer Erinnerung lege ich Ihnen die am 11. Februar 1999 zwischen Ihrem österreichischen Management und der Metallergewerkschaft geschlossene Vereinbarung bei.

VEREINBARUNG

Magna und die Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie (GMBE) haben in mehreren Besprechungen – zuletzt am 11. 02. 1999 – Fragen der Zusammenarbeit im Interesse der österreichischen MAGNA-Betriebe
und insbesondere der dort beschäftigten Arbeitnehmer besprochen
und folgendes vereinbart:

MAGNA und die GMBE wollen im Geiste der österreichischen Sozialpartnerschaft fair kooperieren, um bei
Interessensgegensätzen ohne unnötige Konflikte die besten Lösungen zu finden.

Als eine wichtige Grundlage für Sicherheit und Fairness am Arbeitsplatz im Sinne der MAGNA-Mitarbeiter-Charta dienen alle arbeits- und sozialrechtlichen Gesetze und Vorschriften, insbesondere aber auch das Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG).

Das Management von MAGNA erklärt, auf die Geschäftsführung der MAGNA-Betriebe ohne Betriebsrat insoferne einzuwirken, dass die Errichtung von Betriebsratskörperschaften und die Arbeit gewerkschaftlicher Vertrauenspersonen, unter Berücksichtigung des ArbVG (gesetzliche Pflicht), nicht behindert wird.
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die solche Funktionen
anstreben, werden in keiner Weise benachteiligt, da MAGNA Diskriminierung, aber auch Bevorzugung, grundsätzlich ablehnt (Magna-Mitarbeiter-Charta).

MAGNA gewährt in Erfüllung dieser Vereinbarung den zuständigen Sekretären des ÖGB nach Voranmeldung freien Zugang zur Geschäftsführung in den jeweiligen Betrieben, um unter Beiziehung der Vertrauensleute die weitere Vorgangsweise bzgl. Kommunikation und Information der Mitarbeiter zu vereinbaren.

Die GMBE unterstützt das MAGNA-Mitarbeiter-Charta-Ziel nach marktgerechten Löhnen und ist bereit, an der Erstellung von qualitativ hochwertigem Datenmaterial der jeweiligen Branchen mitzuwirken.

Die GMBE verpflichtet sich, vor Einleitung gerichtlicher oder gewerkschaftlicher Maßnahmen MAGNA im Sinne von Punkt 1 dieser Vereinbarung zu kontaktieren, um eine gütliche Einigung zu finden.

ÖGB, 30. Juli 1999

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