Zwei Jahre "ChEck iT!"

Prävention und Information zu synthetischen Drogen

Wien, (OTS) "Mit ‚ChEck iT!‘ ist es uns erstmals gelungen, einen Einblick in die Szene der Konsumenten von synthetischen
Drogen zu bekommen", betonte Wiens Drogenkoordinator Peter Hacker
im Rahmen eines Mediengespräches am Dienstag, in dem ein Bericht über die ersten zwei Jahre des wissenschaftlichen Präventionsprojekts "ChEck iT!" präsentiert wurde. "Die Konsumenten von synthetischen Drogen wie Ecstasy oder Amphetamin (Speed) sind sozial unauffällig, bezeichnen sich selbst nicht als Drogenkonsumenten und haben daher ein entsprechend schlecht ausgeprägtes Problembewußtsein." Hacker: "Wir müssen diesen Drogenkonsumenten vermitteln, daß jeder Konsum von psychoaktiven Substanzen früher oder später zu physischen oder psychischen Problemen führen kann. Dies funktioniert jedoch nur über Information und Aufklärung. Dazu benötigen wir einerseits selbst mehr Wissen über das Verhalten und die Motivation der Konsumenten und andererseits eine Vertrauensbasis, von der aus wir diese meist sehr jungen Menschen glaubwürdig informieren können."

Das Projekt ChEck iT!, das auf Initiative von Vizebürgermeisterin Grete Laska und Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder ins Leben gerufen wurde, wird ab Herbst fortgesetzt. Ebenso ist, wie im Wiener Drogenkonzept 1999 vorgesehen, die Einrichtung einer Infostelle für synthetische Drogen in Wien geplant.

An der Präsentation nahmen weiters Gerhard Schinnerl, Leiter des "Vereines Wiener Sozialprojekte", ChEck iT!-Projektleiter
Harald Kriener und Univ. Prof. Dr. Rainer Schmid,
wissenschaftlicher Leiter von ChEck iT! teil.

ChEck iT! – ein wissenschaftliches Pilotprojekt

ChEck iT! ist ein wissenschaftliches Pilotprojekt, das gemeinsam von der Wiener Drogenkoordination, dem Verein Wiener Sozialprojekte und einem Team rund um Univ. Prof. Dr. Rainer
Schmid vom Klinischen Institut für medizinische und chemische Labordiagnostik des AKH – KIMCL durchgeführt wird. Bisher war das ChEck iT!-Team bei fünf großen Wiener Raves vertreten. Dabei wurden etwa 2.500 Ravebesucher informiert und beraten und 370
Proben analysiert.

Die Ziele des im Frühjahr 1997 gestarteten Projektes sind:

o Schaffen einer Vertrauensbasis, um effektive Präventionsarbeit

leisten zu können
o Einblick in die Konsumentenszene: Wer konsumiert diese Drogen?,

Wie und wie oft wird konsumiert? Welche Motive führen zum Konsum?, etc.
o Kontakt zu Konsumenten von synthetischen Drogen, die mit

bisherigen Strategien nicht erreicht werden konnten
o Analyse konsumierter Designerdrogen bei großen Raves
o Information vor Ort über die tatsächliche chemische

Zusammensetzung und Bewertung des toxischen Potentials der abgegebenen Substanzen****

Europaweit einzigartiges Projekt

Die Zusammenarbeit von Chemikern und speziell geschulten Sozialarbeitern und Ärzten vor Ort ist europaweit einmalig. In einem mobilen Labor können Designerdrogen auf ihre chemisch-toxikologische Zusammensetzung analysiert werden – Präventionsexperten informieren und beraten auf der Grundlage der Ergebnisse über die potentiellen Probleme und Gefahren. Sämtliche Angebote können anonym und kostenlos in Anspruch genommen werden.

Durch dieses Projekt konnten einige tausend Jugendliche und junge Erwachsene einer Risikogruppe erreicht werden, die für bisherige Strategien der Suchtprävention nicht bzw. kaum zugänglich waren. Das Projekt wurde im Europäischen Drogenbericht als innovatives Beispiel angeführt – für den Herbst haben sich bereits zahlreiche internationale Experten angesagt, um das
Projekt im Einsatz besichtigen zu können.

Nur eine von drei Ecstasy-Tabletten ist Ecstasy, nur eine von zwei Amphetamin-Tabletten ist Amphetamin

Insgesamt wurden bei fünf großen Veranstaltungen in Wien 370 Proben analysiert.

Dabei wurde festgestellt, daß nur in 37 Prozent der als Ecstasy gekauften Substanzen auch tatsächlich eines der als
Ecstasy bekannten Amphetaminderivate enthalten war. 20 Prozent enthielten Amphetamin (Speed), 24 Prozent andere Substanzen wie Koffein, Chinidin oder psychotrope Medikamente und 19 Prozent
nicht identifizierbare oder inaktive Stoffe wie Milchzucker,
Stärke oder Traubenzucker.

Die als Amphetamin (Speed) gekauften Substanzen enthielten zu 58 Prozent tatsächlich Amphetamin oder Methamphetamin. Zu 5
Prozent waren es Amphetaminderivate (Ecstasy), zu 27 Prozent
andere Substanzen wie Chinin oder andere psychotrope Medikamente
und zu 10 Prozent nicht identifizierbare Inhaltsstoffe.

In einigen wenigen Proben wurden toxikologisch besonders bedenkliche Substanzen wie Atropin (Extrakt der Tollkirsche) oder starke Medikamente gefunden, in keiner einzigen Probe jedoch stark toxische Substanzen wie Strychnin oder Heroin.

Von Ecstasy zu Amphetamin (Speed)

Insgesamt sind kaum "reine" Substanzen gefunden worden. Die für Ecstasy-Tabletten typischen Prägungen sind kein Anhaltspunkt für chemische Zusammensetzung und toxikologische Wirkung – selbst bei gleicher Größe, Gewicht und Aussehen.

Im Laufe des Projektes wurde ein klarer Trend von Ecstasy zu Amphetamin sichtbar. Waren bei den ersten Veranstaltungen 39
Prozent der Proben Ecstasy und 23 Prozent der Proben Amphetamin,
so verschob sich dieses Verhältnis im Laufe der weiteren Untersuchungen im Jahr 1998 zu 13 Prozent (Ecstasy) und 58 Prozent (Amphetamin), wobei jedoch häufig Amphetamintabletten als Ecstasy verkauft wurden.

Großes Interesse für Information und Beratung

Auf Grundlage der bei diesen Veranstaltungen innerhalb
weniger Minuten vorliegenden chemisch-toxikologischen Analyse der abgegebenen Substanzen können speziell geschulte Sozialarbeiter
die notwendige Vertrauensbasis zu Konsumenten aufbauen, um wirkungsvoll über die Konsequenzen und mögliche Folgeprobleme des Konsums von Designerdrogen zu beraten. Pro Veranstaltung konnte
mit etwa 500 Besuchern ein Gespräch geführt werden.

Durch die akzeptierende Strategie konnten insgesamt mit etwa 200 Konsumenten längere Beratungsgespräche geführt werden, die über seelische und/oder somatische Beschwerden geklagt haben. Kein einziger hatte bis dahin den Weg zu einem Arzt oder einer Beratungsstelle gefunden.

Mehrheit der interessierten Ravebesucher kommt aus den Bundesländern

Im Rahmen des ChEck iT! Projektes wurden bei drei Rave-Veranstaltungen zusätzlich Fragebögen verteilt. Die Auswertung von 346 ausgefüllten Fragebögen läßt erstmals einen Blick in den soziodemographischen Hintergrund und das generelle Konsumverhalten bzgl. psychoaktiver Substanzen der Konsumenten von synthetischen Drogen zu.

Wichtige Vorbemerkung: Die Fragebögen wurden nur von jenen Ravebesuchern ausgefüllt, die sich für ChEck iT! interessierten. Diese Befragung läßt daher keine Rückschlüsse auf Ravebesucher oder Jugendliche im allgemeinen zu!

o 65 Prozent der Befragten sind Männer, das Durchschnittsalter

liegt bei 18,5 Jahren. 67 Prozent der Befragten sind zwischen
16 und 19 Jahren, 26,3 Prozent über 19 Jahre und 8,4 Prozent jünger als 16.
o 50 Prozent der Befragten gehen einem Beruf nach, 44 Prozent

sind Schüler/Studenten.
o Über 75 Prozent leben bei ihren Eltern, 51 Prozent finanzieren

sich über eigene Erwerbstätigkeit, 42 Prozent bekommen Geld von Eltern oder Verwandten. Dabei stehen 68 Prozent weniger als
7.200 Schilling, 22 Prozent weniger als 2.000 Schilling pro
Monat zur Verfügung.
o Nur 41 Prozent der Befragten kam aus Wien. Der überwiegende Teil

der an ChEck iT! interessierten Ravebesucher reiste aus den Bundesländern an: 20,4 Prozent aus Niederösterreich, 19,2 Prozent aus Oberösterreich, 10,9 Prozent aus der Steiermark.
70 Prozent der Befragten besuchten die Raveveranstaltung in
einer Gruppe, 20 Prozent mit einem Freund oder einer Freundin,
nur 3 Prozent kamen ohne Begleitung.

Konsumenten von synthetischen Drogen konsumieren überdurchschnittlich viel Nikotin und Cannabis

Drogen der "klassischen" Drogenszene, wie Medikamente oder Opiate, haben keinen bedeutenden Stellenwert bei den Befragten. Allerdings hat ein Großteil der Befragten bereits viele verschiedene Substanzen "ausprobiert". Präventionsstrategien müssen daher in Hinkunft ein verstärktes Augenmerk auf das Phänomen des Mischkonsums unterschiedlicher psychoaktiver Stoffe legen und nicht einzelne Substanzen ansprechen.

Auffällig ist bei Konsumenten von synthetischen Drogen eine hohe Affinität zu Nikotin und Cannabis, während im Vergleich zur gleichaltrigen Gesamtbevölkerung um die Hälfte weniger Alkohol konsumiert wird.

Einrichtung einer "ChEck iT!-Informationsstelle"

Mit dem Wiener Drogenkonzept 1999 wurde im Wiener Gemeinderat auch ein Maßnahmenpaket beschlossen, daß unter anderem die Einrichtung einer Beratungsstelle zu Designerdrogen vorsieht. Im kommenden Herbst werden dazu die Grundlagen geschaffen, um im Jahr 2000 auch auf Basis der durch das Projekt ChecK iT! gewonnen Erfahrungen diesen weiteren Schritt zu setzen.

Zusammenarbeit mit dem Bund: ChEck iT! auch in den Bundesländern

Bisher wurden das Projekt ChEck iT! ausschließlich von der Stadt Wien finanziert. Für den Herbst hat das Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales eine Kostenbeteiligung in Aussicht gestellt. Es können daher zusätzliche Informationsmaterialien, wie Broschüren, Flyer, Plakate,
produziert werden. Die Einrichtung einer eigenen Homepage ist vorgesehen. Gemeinsam mit Partnern in den Bundesländern könnte dann ChEck iT! erstmals auch in 1 bis 2 Bundesländern durchgeführt werden.

Insgesamt ist geplant, ChEck iT! heuer noch bei 6 bis 8 Veranstaltungen durchzuführen.

Zwischenbericht liegt vor

Ab sofort steht der Zwischenbericht zum Projekt ChEckiT! über die bisherigen Erfahrungen zur Verfügung. Er ist in der Wiener Drogenkoordination (Tel.: 4000/82301, mail:
drogenkoord@magwien.gv.at kostenlos erhältlich. (Schluß) mmr

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