Grass über Handke, Haider, Kosovo und Asylanten.

Vorausmeldung zu NEWS Nr. 27/8.7.1999

Wien (OTS) - Günter Grass nimmt in der morgen erscheinenden
Ausgabe des Wochenmagazins NEWS ausführlich auch zu politischen Fragen Stellung. Grass im einzigen Interview für ein österreichisches Printmedium über...

... Peter Handke: "Mir tut das weh, daß ein Autor von diesem Rang sich so von der Realität abwenden kann, daß er einfach die Wirklichkeit ignoriert. Und daß er sich zu einer Parteinahme entschließt, die unter seinem Niveau ist. Darum möchte ich darauf gar nicht weiter eingehen. Ich hoffe nur, daß er aus seiner blamablen Verirrung herausfindet. Ich erwarte von einem Schriftsteller, der politische Statements abgibt, daß er in Augenschein nimmt, daß er sich kundig macht, seine Meinung überprüft. Nach seiner Serbien-Reise aber hat er die Situation im Kosovo einfach ausgespart. Er hat sich einfach geweigert, das Elend der Flüchtlinge wahrzunehmen. Das disqualifiziert ihn."

... die Nato-Angriffe und die Schuld des serbischen Volkes: "Da sind viele Fehler gemacht worden, die letztlich zum Krieg geführt haben. Die Nato hat ohne UNO-Mandat gehandelt. Das ist natürlich eine gravierende Verletzung des Völkerrechts gewesen. Aber man konnte doch nicht zusehen, wie Milosevic die Vertreibung zum Dauerzustand macht. Handke hat Ursache und Wirkung verwechselt. Der Terror ging von Serbien und von Milosevic aus. Und man muß sich auch fragen, ob das serbische Volk sich schuldig gemacht hat, weil es diesen Mann an der Macht duldet. Deutsche und Österreicher haben bis heute daran zu tragen, daß sie einem Führer zugejubelt haben, dessen verbrecherische Absichten früh erkennbar waren. Auf dem Balkan wird es ähnlich sein, auch wenn die Verbrechen der Deutschen eine ganz andere Dimension hatten."

... die deutsche Asylpolitik: "In Deutschland ist ja, ähnlich wie in Österreich, ein Abgeschobener im Flugzeug zu Tode gekommen. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges, die wir zu sehen bekommen. Hier werden Menschen, die nichts verbrochen haben, wie Kriminelle behandelt, hinter Schloß und Riegel gehalten und am Ende womöglich ihren Henkern ausgeliefert.

Wir haben es ja oft genug erlebt, daß - etwa in Algerien - die Abgeschobenen direkt am Flughafen verhaftet wurden. Ich rede seit Jahren gegen diese unmenschliche Praxis - ohne großen Erfolg. Abschiebung gehört zum Alltag. Als noch größeren Skandal aber empfinde ich, daß die Öffentlichkeit das mitmacht, daß sich niemand findet, der dagegen protestiert."

... Und: "Es ist ein altes demagogisches Konzept, Unterprivilegierte gegeneinander aufzuhetzen. Da wird den Arbeitslosen eingeredet, Ausländer nähmen ihnen die Arbeit weg. Das hat unter Hitler so funktioniert, und das funktioniert heute so. Es ist beschämend, wie wenig Widerstand Sozialdemokraten dieser Demagogie entgegensetzen."

... Jörg Haider: "Es gibt ein überall vorhandenes Mißtrauen gegen Fremde. Ich weiß das, ich komme aus einer Flüchtlingsfamilie. Als meine Eltern 1945, aus Danzig kommend, auf einen Bauernhof im Rheinland Zuflucht fanden, wurden sie behandelt wie der letzte Dreck. Deutschen wurde in Deutschland gesagt: Geht hin, wo ihr hergekommen seid. Und dann gibt es Politiker, die diese Fremdenfeindlichkeit ausnützen. Die hessische CDU hat mit einer Unterschriftenkampagne im hessischen Wahlkampf die Stimmung gekippt. Ihr in Österreich habt euren Haider, gegen den der Widerstand immer geringer wird. Und wir haben viele kleine und größere Haiders, gegen die sich SPD und Grüne zu wenig wehren. Solange man mit Ausländerfeindlichkeit politische Geschäfte machen kann, wird es diese Demagogen geben. In der Politik rechtfertigt Erfolg alles. Wie verlogen die Politik agiert, zeigt sich auch am Beispiel des Kosovo: Während der Westen gegen die von Milosevic befohlenen ethnischen Säuberungen militärisch vorgeht, schreitet die ethnische Säuberung im eigenen Land voran. Denn was hier Abschiebung genannt wird, ist in Wirklichkeit nichts anderes als legalisierte ethnische Säuberung. Viele bedeutende Sozialdemokraten wie Brandt oder Kreisky haben nur überlebt, weil sie Asyl in anderen Ländern fanden. Ohne die Solidarität der Sozialdemokratie hätten viele nicht überlebt."

... die rot-grüne Koalition: "Man kann dazu natürlich auch manches Kritische sagen. Aber wie es Fischer als Neuling im Amt des Außenministers gelungen ist, selbst die Russen an den Verhandlungstisch zurückzuholen, das war schon eine Meisterleistung. Ich ärgere mich über das Gemecker und Geraunze in den Medien, die nicht bereit sind, diese großartige Leistung zu honorieren."

... Und: "Vielleicht hatte man sich von der rot-grünen Koalition zuviel versprochen. Aber es gibt Schritte in die richtige Richtung:
Beim Staatsbürgerschaftsrecht ist der Einstieg gelungen. Um den Atomausstieg wird ehrlich gerungen.

Und man hat den Eindruck, daß es jungen Menschen ein wenig leichter fällt, eine Lehrstelle zu finden. Aber natürlich habe ich mich darüber geärgert, daß man andere Reformvorhaben nicht gründlicher vorbereitet hat. Die Probleme waren ja bekannt. Also hatte ich damit gerechnet, die Reformkoalition müsse nach dem Regierungswechsel nur ihre Konzepte aus den Schubladen holen, um sie zu verwirklichen. Aber da war nichts in den Schubladen."

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