OeNB-Präsident Wala über die ersten Erfahrungen mit dem Euro und zukünftige Herausforderungen

Wien (OTS) - Der Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, Adolf Wala, faßte am 23. Juni 1999 bei einem Vortrag über die ersten Erfahrungen mit dem Euro nach sechs Monaten, den er auf Einladung der Wirtschaftskammer Österreich im "Club Euro" hielt, mit den Worten "Der Start ist gelungen, die Herausforderung beginnt" zusammen.

Einleitend hob er hervor, dass die Entscheidung, den Euro am
1. Jänner 1999 einzuführen, nicht nur ein historischer und unumkehrbarer Schritt, sondern auch und vor allem eine richtige Entscheidung gewesen sei. Der Euro sichere Europa stabile Währungsverhältnisse und er habe seine "Feuertaufe" sehr gut bestanden.

Zum Wert des Euro betonte der OeNB-Präsident, daß sich die neue Währung als stabil erwiesen habe. Diese Feststellung finde nicht nur in der inneren Stabilität des Euro, der Kaufkrafterhaltung bei praktisch nicht vorhandener Inflation, ihre Bestätigung. Auch die jüngste Entwicklung des Wechselkurses gegenüber dem US-Dollar ändere an dieser Einschätzung nichts. Denn die anfängliche Stärke des Euro sei nichts anderes als das Spiegelbild der Dollar-Schwäche gewesen und dieser Wechselkurs daher als permanenter Referenzwert nicht repräsentativ. Diese Entwicklung sei durch die robuste Verfassung der US-Wirtschaft und zum Teil auch das höhere Zinsniveau gerechtfertigt.

Die Schwankungen des Euro-Wechselkurses hätten auch keine negativen Auswirkungen auf die Preisentwicklung und die Stabilität der Märkte gehabt. Ziel der Währungsunion sei keinesfalls gewesen, statt einer preisstabilen Währung einen gegenüber den nichteuropäischen Währungen wechselkursstabilen Euro zu etablieren. Da die außenwirtschaftliche Verflechtung des Euro-Währungsgebiets mit einem Außenhandelsanteil am BIP von 12 bis 14 % jener der USA vergleichbar sei, könne die Währungsunion, so der OeNB-Präsident, Wechselkursschwankungen des Euro ähnlich gelassen begegnen, wie es die USA seit Jahr und Tag praktizierten.

Heute, sechs Monate nach der reibungslosen Einführung des Euro, verfüge das Euro-Währungsgebiet über einen funktionierenden Geldmarkt, auf dem die Notenbanken ihr geldpolitisches Instrumentarium effizient einsetzen können, stabile Preise, niedrige Zinsen und einen Leistungsbilanzüberschuß. Die Budgetpolitik, so der Präsident, habe sich den Anforderungen einer gemeinsamen Währung gestellt und die Konvergenzerfolge seien beachtlich, wenn man von einigen Abweichungen absehe.

Nach dem gelungenen Start, so Präsident Wala, stellten sich nun dem Euro-Währungsgebiet die folgenden Herausforderungen: nachhaltige Absicherung der Stabilitätserfolge im verstärkten internationalen Wettbewerb, volle Nutzung des wirtschaftlichen Potentials des Euro-Wirtschaftsraums und Entwicklung des Euro zu einer bedeutenden und weltweit anerkannten und akzeptierten Währung. Der Erhaltung der Kaufkraft komme aus währungspolitischer Sicht die höchste Priorität zu. Die größte Herausforderung werde gleichwohl darin bestehen, ein effizientes und konsistentes Zusammenspiel der einheitlichen Geldpolitik einerseits und der nationalen Wirtschaftspolitik andererseits zu erreichen. Der Erfolg werde dabei entscheidend davon abhängen, daß jeder Politikbereich - nicht nur die Geldpolitik -den richtigen Kurs beibehält. Die Geldpolitik habe ihre Strategie auf Geldwertstabilität aufgebaut und Preisstabilität mittelfristig als Anstieg des harmonisierten Verbraucherpreisindex um höchstens 2% definiert. Mit seiner ersten Zinsentscheidung habe das ESZB gesamtwirtschaftliche Verantwortung bewiesen und - vor dem Hintergrund niedriger Inflationserwartungen - seinen Spielraum genutzt.

Eine erfolgreiche Stabilitätspolitik benötige aber wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, die auf die Dauer mit ihr vereinbar sind. Dazu müßten die im Rahmen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes eingegangenen Verpflichtungen eingelöst und eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik verfolgt werden. Keinesfalls könne die Geldpolitik die Last anderer Politikbereiche tragen, so könne sie etwa nicht Strukturprobleme lösen. Mit der Einführung des Euro, so OeNB-Präsident Wala, stünden nicht mehr nur die Unternehmen im weltweiten Wettbewerb am Prüfstand, sondern auch die Wirtschaftsstandorte seien einem zunehmenden Anpassungsdruck ausgesetzt.

Über die Zukunft des Euro merkte Präsident Wala an, daß das heute weitgehend vom US-Dollar getragene internationale Währungssystem auf längere Sicht durch eines abgelöst werden wird, in dem der Euro neben dem Dollar eine bedeutende Rolle als internationale Reserve-, Anlage-und Handelswährung spielen wird. Voraussetzung dazu sei jedoch dauerhafte Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet und Glaubwürdigkeit auf den Märkten.

Schließlich verwies der OeNB-Präsident darauf, daß der Erfolg einer Währung entscheidend von der Qualität des Finanzsystems abhänge. Daraus leite sich die dringliche Forderung nach einer effizienten Finanzmarktaufsicht mit rascher Durchgriffsmöglichkeit und internationaler Zusammenarbeit der nationalen Aufsichtsbehörden ab. Dies gelte insbesondere für Europa, wo sich der Bankensektor mit Restrukturierungen auf einen verschärften Wettbewerb einstellen müsse. Auch Österreich habe sich mit der Diskussion über eine Neuorganisation der Bankenaufsicht dieser Problematik gestellt. Aus der Warte der OeNB sei dazu festzustellen, daß sie aus stabilitätspolitischer Sicht und aus ihrer Funktion als "lender of last resort" ein fundamentales Interesse an einem funktionierenden Finanzsystem hat, wovon ein wesentlicher Teil eine effiziente Bankenaufsicht sei - wo immer sie angesiedelt und wie immer sie auch organisiert sei.

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