27. Volkswirtschaftliche Tagung der OeNB "Grenzen und Möglichkeiten der Geldpolitik"

Wien (OTS) - Am 10. und 11. Juni 1998 fand die 27. Volks-wirtschaftliche Tagung der OeNB zum Thema "Grenzen und Möglichkeiten der Geldpolitik statt". Während am ersten Tag geldpolitische Themen im Mittelpunkt der Diskussion standen, widmete sich der zweite Tag spezifischen Problemen des Arbeitsmarktes sowie der Frage, welchen Beitrag die Geldpolitik in Abstimmung mit anderen wirtschaftspolitisch relevanten Bereichen leisten kann.

In einer Podiumdiskussion, an der unter Leitung von Gouverneur Dr. Liebscher Staatssekretär Dr. Ruttensdorfer, EZB-Vizepräsident Noyer und Generaldirektor Ravasio (Europäische Kommission) teilnahmen, wurde übereinstimmend festgehalten, daß die hohe Arbeitslosigkeit in Europa überwiegend durch strukturpolitische Maßnahmen beseitigt werden müßte. Es wurde aber auch die Wichtigkeit eines Dialogs aller wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger betont, um das gegenseitige Verständnis bei wirtschafts- und geldpolitischen Maßnahmen zu fördern.

Besonders wichtig sei es, daß die EZB an diesem Dialog mitwirkt, um bei den Sozialpartnern Verständnis für ihre Geldpolitik zu erlangen. Der Erfolg in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hänge letztlich von der Bereitschaft der Gewerkschaften ab, im Rahmen der Lohnverhandlungen den Stabilitätskurs der EZB aktiv zu unterstützen. Christian Noyer wies in diesem Zusammenhang auf bereits bestehende institutionelle Formen des Zusammenwirkens zwischen Geld-, Fiskal-und Einkommenspolitik im Euroraum hin.

Gegenstand einer weiteren Diskussion war der Zusammenhang zwischen Geldpolitik und realer Wirtschaft. Geldpolitik, so die überwiegende Meinung der Diskussionsteilnehmer, beeinflusse über verschiedene Kanäle Wachstum und Beschäftigung. Unterschiedliche Auffassungen bestanden jedoch darin, wie geldpolitische Impulse auf die reale Wirtschaft übertragen werden. Besonders neuere theoretische Ansätze, die auch in empirischen Analysen bestätigt werden konnten, zeigten Einflüsse der Zinspolitik der Notenbank auf Wachstum und Beschäftigung, die jedoch nur kurzfristig wirken. Aus der Existenz realer Effekte der Geldpolitik könne somit nicht geschlossen werden, daß sie in der Lage sei, einen dauerhaften Beitrag zur Reduktion der Arbeitslosigkeit zu leisten. Sie sei jedoch sehr wohl in der Lage, zyklisch bedingte Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Es wurde betont, daß das ESZB in diesem Sinne durch die Zinssenkung vom 9. April einen wichtigen Beitrag zur Belebung der Konjunktur geleistet hat. Die Wachstumsmöglichkeiten, und damit das Niveau der strukturellen Arbeitslosigkeit könne aber durch die Geldpolitik nicht beeinflußt werden. Die Arbeitslosigkeit sei vorwiegend strukturell bedingt und ihre Bekämpfung daher Aufgabe anderer wirtschaftspolitischer Bereiche.

Übereinstimmung herrschte darüber, daß das primäre Ziel der Geldpolitik die Preisstabilität sei. Die Frage, wie Preisstabilität zu definieren wäre, war Gegenstand einer ausführlichen Diskussion. Eine Inflationsrate von annäherend Null Prozent könne die Flexibilität bei den Reallöhnen und den Realzinsspielraum der Notenbanken einschränken. Letztlich habe aber das Europäische System der Zentralbanken (ESZB), so Governeur Dr. Liebscher, diese Aspekte berücksichtigt, indem Preisniveaustabilität als Inflationsrate unter 2% definiert wurde. Wenngleich die Inflationsrate im Euroraum derzeit niedrig sei, deute die lebhafte Nachfrage darauf hin, daß es keine Deflationsgefahren gibt.

Die Vize-Gouverneurin der Oesterreichischen Nationalbank,
Dr. Tumpel-Gugerell betonte wie wichtig es sei, daß sich auch Notenbanken mit den Ursachen hoher Arbeitslosigkeit analytisch beschäftigen. Letztlich gehe es auch darum, daß Akteure der Fiskal-, Einkommens- und auch Geldpolitik ihre Einschätzung der Probleme des Arbeitsmarktes und des wirtschaftlichen Umfeldes regelmäßig diskutieren. Erst dann könne ein optimaler Policy-mix erreicht werden. Der Beschäftigungspakt, der beim letzten EU-Ratsgipfel in Köln beschlossen wurde und einen wirtschaftspolitischen Dialog institutionalisiert hat, war ein Schritt in die richtige Richtung.

Bundeskanzler Dr. Klima wies im Rahmen eines Kamingesprächs mit Dr. Liebscher neben der Verantwortung der Politik auf die wichtige Rolle der Sozialpartner bei der Lösung der Probleme im Bereich des Arbeitsmarkts hin. Ferner zeigte er sich optimistisch, daß die Europäische Union, auch gestärkt durch die neue Währung, Fortschritte bei der Vertiefung und Erweiterung im Bereich der Integration erzielen werde.

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