27. Volkswirtschaftliche Tagung der OeNB zum Thema "Möglichkeiten und Grenzen der Geldpolitik" am 10. Und 11. Juni 1999

Äußerungen von Gouverneur Dr. Liebscher und Vize-Gouverneurin Dr. Tumpel Gugerell

Wien (OTS) - Anläßlich der Eröffnung der 27. Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank, unterstrich Gouverneur Dr. Liebscher die Bedeutung des Konferenzthemas "Möglichkeiten und Grenzen der Geldpolitik" für die Gestaltung der Wirtschaftspolitik und begrüßte eine Vielzahl hochrangiger Persönlichkeiten und hervorragender Fachleute aus dem In- und Ausland, die dieses wichtige Thema am 10. und 11. Juni 1999 im Rahmen der Tagung in Wien diskutieren.

Eingangs hob Gouverneur Dr. Liebscher hervor, daß es eine wichtige Aufgabe der Zentralbanken sei, ihre Ansichten aktiv in aktuelle wirtschaftspolitische Diskussionen einzubringen sowie auch Plattformen für einen entsprechenden Meinungsaustausch bereitzustellen. In diesem Sinn möchte die Oesterreichische Nationalbank die seit einigen Monaten laufende Diskussion über die Rolle der Geldpolitik im Rahmen der diesjährigen Volkswirtschaftlichen Tagung weiterführen und die Problematik von verschiedenen Seiten beleuchten. Der erste Tag der Konferenz widme sich insbesondere Fragen der Makropolitik, wobei die wirtschaftspolitische Koordination, der Problemkreis Geldpolitik und Preisstabilität, die Herausforderungen an die Geldpolitik durch integrierte Finanzmärkte sowie die Frage der realen Effekte der Geldpolitik die Schwerpunkte bildeten. Der zweite Konferenztag werde sich vorwiegend mit mikroökonomischen Aspekten befassen, wobei Arbeitsmarktreformen und der Lohnbildungsprozeß die Schwerpunkte bilden. Schließlich sollen in einer Erörterung des makroökonomischen Policy mix die relativen Rollen der Geldpolitik und der allgemeinen Wirtschaftspolitik deutlich gemacht werden.

Gouverneur Dr. Liebscher formulierte zum Thema "Aufgaben und Grenzen der Geldpolitik" im Rahmen seines Einleitungsstatements zu einer Podiumsdiskussion - an ihr nahmen Staatssekretär Ruttenstorfer, EZB-Vizepräsident Noyer und Generaldirektor Ravasio von der Europäischen Kommission teil - fünf Thesen:

- Die Haupaufgabe der Geldpolitik ist es, Preisstabilität zu gewährleisten. Dies sei der beste Beitrag, den sie langfristig zu Wachstum und Beschäftigung leisten kann.

- Die Geldpolitik hat - zumindest kurzfristig - auch realwirtschaftliche Wirkungen. Es kommt ihr daher auch eine Rolle bei der Abfederung von wirtschaftlichen Schocks zu. Man muß dabei aber auch ihre Grenzen sehen.

- In einer Welt international liberalisierter Finanzmärkte und der Informationstransparenz sind Glaubwürdigkeit, Konsistenz, Nachhaltigkeit und breite Akzeptanz zentrale Bedingungen für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik. Dies gilt auch und insbesondere für die Geldpolitik.

- Erfolg und Spielraum der Geldpolitik hängen wesentlich von der Bereitschaft anderer wirtschaftspolitischer Akteure ab, den Kurs der Geldpolitik zu unterstützen.

- Die Geldpolitik ist bei niedriger Inflation und hoher struktureller Arbeitslosigkeit vor besondere Herausforderungen gestellt.

Abschließend wies Gouverneur Dr. Liebscher darauf hin, daß die Wirtschaftspolitik die Lösung für das Hauptproblem der EU-Länder, der Arbeitslosigkeit, noch weitgehend schuldig geblieben seien. Gleichzeitig sei aber das Ziel niedriger Inflation - zumindest gegenwärtig - erreicht worden. Sollte der Bevölkerung das Bewußtsein über die makroökonomischen Kosten einer Inflation verloren gehen, bestünde die Gefahr, daß längerfristig ausgerichtete, stabilitätsorientierte Geld- und Wirtschaftspolitik an gesellschaftlicher Akzeptanz verliert. Die Notenbanken hätten daher die Aufgabe, sich dieser Herausforderung durch eine umsichtige Geldpolitik und laufende breite Informationsarbeit zu stellen.

In ihren Ausführungen ging Vize-Gouverneurin Dr. Tumpel-Gugerell am Nachmittag des ersten Tages der Volkswirtschaftlichen Tagung der Oesterreichischen Nationalbank auf drei wichtige Aspekte der Notenbankpolitik ein:

- Was ändert sich für die Geldpolitik, wenn Preisstabilität erreicht ist?

- Welche Rolle spielt die Geldpolitik im Rahmen von globalisierten Finanzmärkten?

- Welche Effekte hat die Geldpolitik auf die reale Wirtschaft?

Vize-Gouverneurin Dr. Tumpel-Gugerell betonte, daß Europa die Inflation beseitigt hat und damit sichere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und die Sparer geschaffen seien. Je näher die Geldpolitik ihrem primären Ziel stabiler Preise kommt, desto schwieriger werde es jedoch, die Signale der wirtschaftlichen Entwicklung richtig zu deuten. Die Geldpolitik habe eine Reihe von Verbindungen zur realen Wirtschaft, könne diese aber nur kurzfristig beeinflussen.

Weiters führte Vize-Gouverneurin Dr. Tumpel-Gugerell aus, daß für die Vermeidung von Rezessionen oder zur Dämpfung von Konjunkturüberhitzungen eine Reihe von Bedingungen erforderlich seien, wie z. B. Preisstabilität und Stabilität auf der Angebots- und Nachfrageseite der Wirtschaft. Entgegen der Annahmen der späten 60iger Jahre haben wir nach wie vor mit dem Auf und Ab der Konjunkturentwicklung zu kämpfen. Die immer engere internationale Verflechtung nationaler Wirtschaften, die Effekte von Erwartungen und Präferenzen auf den Finanzmärkten, sowie die weltweite Übertragung von Kriseneffekten in Form der "Ansteckung” einzelner Wirtschaftsregionen führen zu einer immer stärker werdenden gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen Volkswirtschaften. Umso wichtiger seien jene Maßnahmen zu werten, die im Rahmen von IWF, Forum für Finanzmarktstabilität und dem Europäischen Rat zur Stärkung des internationalen Finanzsystems verabschiedet wurden. Der Stärkung der Finanzmarktaufsicht käme in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu, hob Vize-Gouverneurin Dr. Tumpel-Gugerell hervor.

Mittelfristig orientierte Geldpolitik könne konjunkturelle Wellen glätten. Forschungen über die Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit in Europa deuten jedoch auf strukturelle Ursachen hin und erfordern dementsprechende Maßnahmen wie Steuerreformen, Förderung der Beschäftigung im Dienstleistungssektor etc.

Der Beginn des Euro-Zeitalters hat Wachstumshemmnisse für Europa beseitigt und damit gute Rahmenbedingungen für Investitionen und die langfristige Vermögensbildung geschaffen. Der Euro sei die Antwort Europas auf die Globalisierung der Wirtschaft. Abschließend erinnerte Vize-Gouverneurin Dr. Tumpel-Gugerell, daß eine einheitliche Geldpolitik für Europa jedoch auch eine Wirtschaftspolitik für Europa erfordert, die von allen Akteuren mitgetragen wird. Eine Art europäischer Sozialpartnerschaft, wie sie beim Europäischen Rat von Köln vereinbart wurde, sollte das Verständnis für die notwendigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und Reformen in Europa schaffen.

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