Machbarkeitsstudie zu einem "Haus der Toleranz"

Das Palais Epstein - ein steinerner Augenzeuge

Wien, (OTS) "Unser Land braucht einen aktiven und offenen Umgang mit seiner Geschichte, die nicht nur aus Ruhmestaten
besteht, sondern auch viele Schattenseiten beinhaltet. Gerade den jungen Menschen sollte ein Geschichtsbild vermittelt werden, das
die ganze Wahrheit zeigt, mit all ihren Widersprüchen und dunklen Seiten. Das heute vorgelegte Konzept für ein "Haus der Toleranz" ist eine geeignete Grundlage, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Es geht nicht um ein passives Konsumieren einer uns im Grunde fremden Geschichte, sondern um einen aktiven Umgang,
der einen Beitrag zur demokratischen und humanen Gestaltung der Zukunft leisten kann. Das geplante Haus soll nicht irgendein Haus, irgendwo, werden, sondern ein "zentraler" Ort der Erinnerung, welcher der Bedeutung des Vorhabens gerecht wird," erklärte Wissenschaftsminister Caspar Einem anläßlich der Präsentation einer Machbarkeitsstudie am Freitag. Der Minister hat im
vergangenen Jahr Prof. Anton Pelinka gemäß eines Auftrags des Ministerrates mit dieser Studie beauftragt.

Der Präsident des Wiener Stadtschulrates, Dr. Kurt Scholz, unterstrich in der Begrüßungsrede die Eignung "seines" Hauses für dieses Projekt: "Die sinnvolle Nutzung eines Theophil Hansen-Gebäudes an der Wiener Ringstraße ist eine Chance, die sich in den nächsten 50 Jahren wahrscheinlich nicht mehr eröffnet. Ich halte fast alles für sinnvoller als ein Bürogebäude als Anhängsel des Parlaments", meinte Scholz. "Wir brauchen derzeit keine Entscheidungshysterie. Der Stadtschulrat wird noch mindestens eineinhalb Jahre in dem Gebäude bleiben - diese Zeit
kann man für die Diskussion von Plänen nützen. Fällt bis dahin die Grundsatzentscheidung, dieses Gebäude einer Darstellung der Republik zu widmen, wäre für die Fertigstellung bis zum Jahr 2005 (50 Jahr-Jubiläum des Staatsvertrages) Zeit", so der Stadtschulratspräsident.

Programmbereiche Ausstellung, Bildung und Forschung

Um der Fülle der Themen und Aufgaben gerecht werden schlagen die Autoren der Studie eine Dreigliederung in die Programmbereiche Ausstellungen, Bildung und Forschung vor. Die drei Gebiete sind so zu konzipieren, daß sie wechselseitig eng miteinander verzahnt
sind und sich Synergieeffekte durch die Zusammenarbeit einstellen.

Mit der Etablierung eines "Hauses der Toleranz" sind, so folgende Leitgedanken verbunden:

o Das Haus ist auf einer interdisziplinären Grundlage zu

konzipieren, insbesondere unter Berücksichtigung soziologischer, politikwissenschaftlicher, historischer, psychologischer, erziehungswissenschaftlicher, religionswissenschaflicher, ökonomischer Erkenntnisse und entsprechender wissenschaftlicher Verwertungsmöglichkeiten.
o Der Netzwerkgedanke ist für alle drei Bereiche konstituierend,

insbesondere soll im Forschungszentrum, durch den Austausch von Erfahrungen, die Verbindung mit bestehenden Institutionen und durch die Erschließung neuer Quellen ein neuartiges Forschungsdesign konzeptualisiert werden.
o Die Internationale Ausrichtung ist in allen drei

Programmbereichen zu gewährleisten. Das Haus spricht auch ein internationales Publikum an: Dies reicht von ausländischen WissenschaftlerInnen, Interessierten aus Bildungsinstitutionen, MultiplikatorInnen bis hin zu "normalen" Städtetouristen.
o Ein "Haus der Toleranz" muß dem Anspruch auf Innovation gerecht

werden, das heißt, daß keine Verdoppelung bestehender ähnlicher Einrichtungen vorgenommen wird. Das "Neue" ist sowohl in der inhaltlichen und technischen Ausgestaltung als auch in der pädagogischen Umsetzung zu schaffen. Eine ständige Weiterentwicklung des Projekts stellt eine notwendige
Anforderung dar.
o Die konkrete Ausgestaltung der drei Gebiete ist so vorzunehmen,

daß sich die Bereiche aufeinander abgestimmt entwickeln können. In welchem Ausmaß dies der Fall sein kann, hängt nicht zuletzt von dem zur Verfügung stehenden Budget für die jeweiligen Bereiche und das Gesamtprojekt ab.

Der Name "Haus der Toleranz sei, so die Autoren, aufgrund der Nähe zum "Center of Tolerance" in Los Angeles und der Zweideutigkeit der Übersetzung in den romanischen Sprachkontext
als nicht verwendbar einzustufen. Die endgültige Festlegung des Namens sollte in späteren Phasen der Projektentwicklung erfolgen.

Das Palais Epstein als magischer Mittelpunkt der österreichischen Geschichte

Das Palais Epstein stand geradezu in einem magischen Mittelpunkt der österreichischen Geschichte. Fast alle Schlüsselszenen des 20. Jahrhunderts haben sich um dieses Haus abgespielt. Das Palais ist ein steinerner Augenzeuge der österreichischen Zeitgeschichte. Blickt man in Richtung Hofburg, dann sieht man die Strecke des Trauerkondukts von Kaiser Franz Joseph. Zwei Jahre später, 1918, wendete sich der Blick zum Parlament: die Ausrufung der Republik mit zusammengeknüpften roten Fahnenteilen und dem Transparent "Es lebe die sozialistische Republik". Das Republik-Denkmal - unmittelbar vor dem Palais
Epstein - erinnert daran.

1927, wieder direkt neben dem Haus, der Brand des Justizpalastes. Sieben Jahre später, 1934, stand ein Polizeikordon zwischen dem Parlament und dem Stadtschulratsgebäude, um das Zusammentreten des Nationalrates zu verhindern. Im Gebäude selbst wurde der Schulreformer und Abgeordnete Otto Glöckel verhaftet.
Von 1938 bis 1945 war das Palais Epstein eine NSVerwaltungsstelle, von 1945 bis 1955 Sitz der sowjetischen Militärkommandantur. 1958 kehrt wieder die Wiener Schulverwaltung in "ihr" altes Gebäude
ein. (Schluß) ssr

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Medien- und Pressereferat des Stadtschulrates
Martina Vitek
Tel.: 525 25/77 014

PID-Rathauskorrespondenz: www.magwien.gv.at/vtx/vtx-rk-xlink/

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK/NRK