FORMAT: EU-Sonderbeauftragter Petritsch rezensiert neues Handke-Stück über Serbien

Wien (OTS) - Im neuen FORMAT rezensiert Wolfgang Petritsch, EU-Sonderbeauftragter im Kosovo und Österreichs Botschafter in Belgrad, das neue Theaterstück von Peter Handke, mit dem er vor wenigen Wochen ein vierstündiges Gespräch bei Paris führte. Petritsch über "Die Fahrt im Einbaum(tm) (Burgtheater-Premiere: 9. Juni):
"Peter Handkes noch druckfrischer Text ist natürlich kein politisches Manifest, sondern ein engagiert poetisches Stück, daß sich - wohl bewußt - der Dichotomie von ,schuldig' und ,unschuldig' entzieht. Der für uns so wichtigen Schuldfrage, ich würde politische Verantwortung sagen, verweigert sich der Autor also. Er stellt sich ihr gar nicht, möglicherweise weil er sie in dieser Situation der überwältigenden Schuldzuweisung an Serbien für nicht zulässig hält. Mit anderen Worten: Handke versucht in einer Art rückwärtsgewandter Utopie, mittels beinahe schon bukolischer, idealisierter Schilderungen des Balkans, den weniger betretenen Ausweg aus der unendlich komplexen und unendlich grausamen Wirklichkeit.(tm) Petritsch über die Personen im neuen Handke-Stück: "Sich selbst bringt der Autor ganz klar über die Figuren des ,Griechen' und des ,Irren' ins Spiel. Was diese beiden dramatischen Personen im Laufe des Stücks äußern, dürfte so ziemlich mit dem übereinstimmen, wie sich Handke in den letzten Jahren des Diskurses über Jugoslawien selbst gesehen hat: als einen der ausgeschlossen wurde; der nicht mehr mit den Schreibenden, also den Journalisten, sein kann; der aber auch wieder in die Welt, zurück' will.

Handkes extreme Zuspitzung der Journalisten-Figuren empfindet Petritsch als "ziemlich oberflächlich. Hier gleitet der Autor - statt eine poetische Analyse der Zusammenhänge und Hintergründe zu leisten - ins banal-polemische ab Das ist wohl, wie ich meine, mit seinen persönlichen Verletzungen durch Medien zu erklären.

Und Petritsch weiter: "Daß der ,Grieche' Peter Handke voll und ganz aus der Seele spricht, erhellt auch aus dessen nachdrücklicher Liebeserklärung an die Region und ihre Leute: ,Das Land liegt mir am Herzen', sagt er. Und postuliert: ,Es gibt kein besseres Argument als das Mögen.' Derlei Statements erübrigen die diskursive Auseinandersetzung; sie entziehen sich jeglicher Argumentation; sie sind absolut überzeugend, weil sie eben absolut sind: Wenn ich etwas mag, dann ist es einfach so! Statements wie dieses rauben einem den Atem. Zumal, wenn man sie vor der Kulisse der schrecklichen Ereignisse sieht, wie sie jetzt wieder im Kosovo geschehen.

Petritsch zum Schluß: "Ich habe bei meinem letzten Gespräch mit Milosevic, das gleich am Tag nach dem Besuch bei Handke stattfand, von meinem Gespräch mit dem österreichischen Dichter erzählt. Milosevic kannte Handkes Namen, und seine Augen blitzten sogar ein bißchen auf. Aber er war zu diesem Zeitpunkt schon längst entschlossen, den Vertrag nicht zu unterschreiben und auf Konfrontation zu gehen. Da half auch der Hinweis auf Peter Handke nicht mehr. Der Marsianer hatte gesiegt.

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