Enquete beschäftigt sich mit Akutgeriatrie in Wien

Rieder fordert dreistufige Finanzierungsreform für Altenbetreuung und –medizin

Wien, (OTS) Die Schaffung von 476 akutgeriatrischen Betten an voraussichtlich 15 Standorten bis zum Jahr 2005 sieht der Österreichische Krankenanstaltenplan (ÖKAP) für Wien vor. Am kommenden Freitag, dem 30. April, beschäftigt sich eine international besetzte Enquete, veranstaltet vom Dezernat Gesundheitsplanung der "MA-L" – Landessanitätsdirektion, mit den Grundlagen der Akutgeriatrie und mit internationalen Erfahrungen. Eröffnet wird die Veranstaltung um 11 Uhr mit einem Grundsatzreferat "Akutgeriatrie in Wien" von Gesundheitsstadtrat
Dr. Sepp Rieder, in dessen Rahmen auch das "Neue Wiener Geriatriekonzept" vorgestellt werden wird.****

Rieder: "Österreich hat in puncto Lebenserwartung seit den siebziger Jahren, in denen es diesbezüglich Schlußlicht in Europa war, ein wahre Aufholjagd hinter sich gebracht. Heute entspricht
die durchschnittliche Lebenserwartung der Österreicherinnen und Österreicher ziemlich genau dem EU-Durchschnitt." "Mit dieser Entwicklung einher ging eine ständige Zunahme der Lebensqualität, hier geht die OECD, die von sogenannten ´gewonnenen Jahren´ spricht, sogar von einer internationalen Spitzenposition Österreichs aus."

Hohe Lebenserwartung ist nicht gleich hoher Pflegebedarf

Das bedeutet gleichzeitig, daß eine erhöhte Lebenserwartung keineswegs automatisch mit einem erhöhten Pflegebedarf verbunden ist. Vielmehr geht es darum, der heute im Gegensatz zu früher extrem inhomogenen Gruppe der "Alten" möglichst flexible, individuelle, interdisziplinäre und abgestufte Pflege- und Betreuungsformen anzubieten. Wo die Pflege stattfindet, ob zu
Hause, im Tageszentrum, in einer akutgeriatrischen Abteilung,
einem Pflegeheim oder einem Geriatriezentrum hängt künftig ausschließlich vom Pflegebedarf und/oder der persönlichen Situation des/der zu Betreuenden ab.

Das Neue Wiener Geriatriekonzept

Dementsprechend der Stufenbau, den das Neue Wiener Geriatriekonzept vorsieht: Im stationären Bereich wird klar festgelegt sein, wo welche Pflege/Behandlung/Betreuung
stattfindet. Man baut dabei auf eine Kombination von Geriatriezentren und Sozialmedizinischen Zentren (z.B. Sophienspital) und geriatrischen Abteilungen in Akutspitälern mit unterschiedlicher Betonung der Bereiche Remobilisation/ Rehabiliation.

1. Akutgeriatrie/Remobilisation

In den künftigen geriatrischen Abteilungen in Akutspitälern erfolgt die primäre Kurzzeitbehandlung von alten Patienten im Zuge eines akuten Krankheitsgeschehens. Darüber hinaus wird aber auf
den vom Alter des Patienten abhängigen Gesamtzustand des Patienten besonders eingegangen. Im Vordergrund steht auf jeden Fall die Erhaltung und Wiederherstellung der Mobilität bzw. die Reintegration ins gewohnte Umfeld des Patienten.

2. Pflegeheime

In Pflegeheimen steht die langfristige Pflege und Betreuung alter Patienten im Vordergrund. Je nach Zustand der Patienten wird auch eine Remobilisation bzw. Wiedereingliederung ins gewohnte Umfeld angestrebt.

3. Geriatrische Zentren

Hier werden – wie schon jetzt – besonders alte und besonders kranke Patienten langfristig mit geriatrischer Medizin auf
höchstem Niveau von einem multiprofessionellen Team betreut.

Zwei Forderungen an den Bund: Reform der Finanzierung und "Fach Geriatrie"

Um diese Reform und den "Stellenwert" der Altenmedizin auch künftig zu sichern, fordert Gesundheitsstadtrat Rieder zum einen eine Reform der Finanzierung der Altenmedizin nach 2001 bzw. die Schaffung eines Lehrstuhls "Geriatrie" an den Universitäten.

Rieders Vorschlag für die Finanzierung geht von einem dreistufigen Modell mit folgenden Finanzierungsströmen aus:

o Medizinische Behandlung: Finanzierung durch die Krankenkassen
o Pflege/Betreuung: Finanzierung durch das Pflegegeld
o "Wohnkomponente" in Pflegeheimen und Geriatriezentren:

Finanzierung durch Eigenmittel bzw. durch Mittel der Sozialhilfe

Derzeit erfolgt die Finanzierung eines Aufenthaltes in einem Pflegeheim bzw. einem Geriatriezentrum formal aus dem Einkommen
bzw. aus dem Pflegegeld des Patienten. In der Praxis "übernimmt"
im Großteil der Fälle mangels Eigenmittel jedoch der Sozialhilfeträger und damit der Steuerzahler den Aufenthalt im Pflegeheim/Geriatriezentrum.

Eine weitere Forderung Rieders betrifft die Ärzteausbildung. Entgegen der internationalen Entwicklung gibt es in Österreich bis heute keinen Lehrstuhl für Geriatrie. "Es ist widersinnig, daß wir der Geriatrie in der Praxis immer breiteren Raum widmen, dies
jedoch in der Ärzteausbildung keinen Niederschlag findet", kritisiert Rieder. "Von Seiten der Stadt Wien erneuere ich das Angebot, im Falle der Schaffung des ´Faches Geriatrie´ für entsprechende Ausbildungsplätze, sprich Turnusplätze, in den Wiener Pflegeheimen und Geriatriezentren zu sorgen."

Geriatrische Betreuung schon bisher auf hohem Niveau

Schon bisher nahm Wien in Sachen geriatrische
Langzeitbetreuung eine Sonderstellung ein, da die schon
bestehenden Pflegeheime und Geriatriezentren mit ihrer
medizinischen Rund-um-die-Uhr-Betreuung eigentlich Sonderkrankenanstalten entsprechen und nicht mit den meisten Altenbetreuungseinrichtungen in anderen Bundesländern vergleichbar sind. Schon jetzt nimmt jedoch die Remobilisierung und Wiedereingliederung von Patienten in ihr gewohntes Umfeld eine zentrale Bedeutung ein. So gibt es Stationen, in denen 80 Prozent der Patienten nach einer Kurzzeitpflege wieder nach Hause
entlassen werden können. Früher hingegen kam eine Aufnahme in ein Pflegeheim meist einer "Endstation" gleich.

Geriatrie: Ein Fach mit "Wiener Wurzeln"

Der im Jahr 1863 geborene Ignatius Leo Nascher (1863-1944)
gilt in der angelsächsischen Literatur als "Father of Geriatrics". In Österreich bisher weitestgehend unbekannt, hat er im Artikel "Geriatrics" aus dem Jahr 1909 dieses Feld erstmalig erwähnt und beschrieben: "Geriatrics, from geras, old age, and iatrikos, relating to the physicians, is a term I would suggest as an
addition to our vocabulary, to cover the same field in old age
that is covered by the term paediatrics in childhood ...". Nascher war am Mount Sinai Hospital in New York tätig und holte sich nach eigenen Angaben beim Besuch des "Versorgungsheimes Lainz" – wo er über die gute Betreuung der alten Kranken erstaunt war – Inspiration zur Kreation des Begriffs "Geriatrics" in Analogie zu "Pediatrics" (Kinderheilkunde). Nascher war Gründer der Society of Geriatrics in New York und publizierte 1914 das erste Lehrbuch
unter diesem Titel.

Enquete Akutgeriatrie

Das Programm Freitag, 30. April 1999, 11 bis 16.30 Uhr:

o 11.00 Uhr, Sepp Rieder: Akutgeriatrie in Wien
o 11.30 Uhr, Harald Gaugg: Akutgeriatrie in Österreich
o 12.00 Uhr, Michaela Moritz: Planung für Akutgeriatrie
o 12.30 Uhr,Gerald Kolb: Akutgeriatrie in Europa
o 13.00 Uhr: Diskussion
o Mittagspause
o 14.15 Uhr, Wolfgang Schütz: Geriatrie in der medizinischen

Ausbildung
o 14.45 Uhr, Wolfgang Thiele: Geriatrieplanung Hamburg
o 15.30 Uhr, Eva Schaffenberger: Entwicklung von Standards für

Aktugeriatrie
o 16.00 Uhr, Diskussion

o Dr. Sepp Rieder:

Amtsführender Stadtrat für Gesundheits- und Spitalswesen
o D.I. Harald Gaugg:

Sektionschef im Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales
o Dr. Michaela Moritz:

Geschäftsführerin des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen
o Prof. DDr. Gerald Kolb:

Chefarzt der Geriatrie am St. Bonifatius Hospital, Lingen, BRD, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie
o Univ.Prof. Dr. Wolfgang Schütz:

Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Wien
o Dr. Wilhelm Thiele:

Abteilungsleiter bei der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Hamburg, BRD
o Mag. Eva Schaffenberger:

Sachbearbeiterin am Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen.
(Schluß) nk

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