Bau-Enquete (Teil 3): Driemer & Tumpel: Arbeit darf nicht die Gesundheit kosten!

Gesundheitsgefahren am Bau am höchsten - Prävention die beste Gesundheitsinitiative

Wien (GBH/BAK/ÖGB). "Die vorliegenden Ergebnisse der Studie über die "Gesundheitsgefahren am Bau und deren volkswirtschaftliche Kosten" belegen, dass verstärkte Aktivitäten notwendig sind, präventiv und gesundheitsfördernd tätig zu werden. Prävention ist nicht nur die humanste Form der Kostensenkung, sondern ist auch
die beste Form menschliches Leid zu verhindern", betonten heute in Wien bei der Vorstellung der Studienergebnisse "Muss Arbeit die Gesundheit kosten?" der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Bau-
Holz und ÖGB-Vizepräsident Johann Driemer und der Präsident der Bundesarbeitskammer, Mag. Herbert Tumpel. ++++

Die sich daraus ergebenen Schlussfolgerungen müssen Grundlage für eine breite Gesundheitsinitiative sein. Für Driemer und Tumpel ist wesentlich, "dass das Aufzeigen der arbeitsbedingten Folgekosten
von Gesundheitsschäden am Bau zu raschen Verbesserungsmaßnahmen genützt wird, nicht jedoch die betroffenen Bau- und Holzarbeiter auf einen Kostenfaktor reduziert werden. Arbeitsmedizin darf daher kein Nebenjob sein."

Gesundheitsvorsorge und Arbeitnehmerschutz haben oberste Priorität

Da der Gesundheit der Bauarbeiter nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird, haben die Gewerkschaft Bau-Holz und die Bundesarbeitskammer eine Studie zum Thema "Die Gesundheitsgefahren am Bau und deren volkswirtschaftliche Kosten" in Auftrag gegeben. "Der Mensch muss im Mittelpunkt aller Handlungen stehen. Es muss
mit allen Mitteln verhindert werden, den Menschen als Produktions-und Kostenfaktor abzuqualifizieren. Denn die gesundheitlichen Gefahren haben auch eine weit reichende negative Auswirkung auf
die Bereiche Partnerschaft, Familie und das soziale Umfeld und belasten die gesamte Volkswirtschaft", mahnte Driemer.

Kernproblem am Bau: Heben und Tragen
Die Bauarbeiter in Österreich sind jene Berufsgruppe, die der höchsten Unfallgefährdung ausgesetzt sind, was die Unfallstatistik mit jährlich rund 600.000 Krankenstandstagen belegt. Das durchschnittliche Pensionsalter von Bauarbeitern liegt bei 57 Jahren, wobei rund 60 Prozent der Bauarbeiter in die Invaliditätspensionen gehen müssen. Die Hauptursachen sind die Erkrankung des Stütz- und Bewegungsapparates, Herz-Kreislauferkrankungen, Hautschäden, Stress, Zeitdruck, Lärm und die oft zu schweren Baustoffgewichte.

Hohe Gewichte und falsche Hebetechniken bewirken zunehmende
Schäden am Stütz- und Bewegungsapparat, insbesondere im Bereich der Wirbelsäule. Die Untersuchungsergebnisse machten deutlich,
dass die Gewichte, mit denen Bauarbeiter zu tun haben, reduziert werden müssen. Driemer dazu: "Die Gewerkschaft Bau-Holz und die österreichische Zementindustrie haben mit der Vereinbarung zur Reduzierung der Sackgewichte von bisher 50 Kilogramm auf 25 Kilogramm einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Verbesserung der Gesundheit aller im Baubereich und des Arbeitnehmerschutzes gesetzt. Eine Halbierung des Zementsackgewichtes ist nicht nur für den Bauarbeiter eine wesentliche Erleichterung, sondern wird auch langfristig die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Folgekosten aus Gesundheitsschädigung und Krankenständen reduzieren bzw. vermeiden."

Stress und Zeitdruck am Bau heute noch größer geworden
Der Stress am Bau ist viel häufiger als allgemein angenommen wird. Dass Stress unter Bauarbeitern keineswegs ein Fremdwort ist, zeigt die Studie. Arbeiten unter starker nervlicher Anspannung kommt
bei jedem vierten am Bau Beschäftigten häufig und nur für 23 Prozent gar nicht vor. Driemer dazu: "Der Arbeitsstress am Bau
wird noch zusätzlich durch die latente Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes verschärft. Der Zeitdruck und Stress ist auf Baustellen viel größer als im Büro."

Arbeitnehmerschutz - Vorbeugen statt Heilen
Arbeiterkammern und Gewerkschaften verfolgen mit der laufenden Verbesserung des vorbeugenden ArbeitnehmerInnenschutzes das Ziel, Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Erkrankungen zu vermeiden und so menschengerechte Arbeitsbedingungen zu
schaffen.
"Arbeit darf nicht krank machen", lautet auch die Devise von
Tumpel. "Arbeitsunfälle sind meist keine unvermeidbaren
Ereignisse, sondern haben ihre ganz speziellen Ursachen. Sie sind nicht nur in betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kategorien zu bemessen; vielmehr steckt hinter jedem einzelnen Arbeitsunfall die physische und psychische Betroffenheit der Verunfallten", so Tumpel in seiner Ausführung. Die Hauptursachen für die meisten Arbeitsunfälle liegen in der Regel in fehlenden Schutzmaßnahmen oder in der mangelnden Unterweisung der ArbeitnehmerInnen.

ArbeitnehmerInnenschutzgesetz – erfolgversprechend gestartet
Seit Inkrafttreten des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes am 1.
Jänner 1995 ist erstmalig ein deutlicher Rückgang der Anzahl der Arbeitsunfälle zu beobachten. Dieser erfreuliche Trend ist auch im Bauwesen feststellbar. Tumpel: "Trotzdem sind in keinem anderen Wirtschaftszweig der Gesundheitsverschleiß und das Unfallrisiko so hoch wie am Bau." Jeder 10. Bauarbeiter war 1998 von einem Arbeitsunfall betroffen. Die arbeitsbedingten Krankheiten zwingen viele zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Beruf und sind somit
auch mit hohen betriebs- und volkswirtschaftlichen Kosten
verbunden.

Arbeitsbedingungen an den Menschen anpassen
Eine Verminderung der im Bausektor bestehenden hohen Krankheits-
und Unfallrisiken muss deshalb uns allen ein Anliegen sein! Arbeiterkammern und Gewerkschaften haben wesentlich dazu beigetragen, dass der ArbeitnehmerInnenschutz in Österreich ausgebaut und auf ein höheres Niveau gebracht wurde. Tumpel:
"Dahinter steht die Überzeugung, dass die Arbeitsbedingungen nach dem Motto "Vorbeugen ist besser als reparieren" den Menschen angepasst werden müssen und nicht umgekehrt. Die vorliegende
Studie soll helfen, das Bewusstsein über die Notwendigkeit von ArbeitnehmerInnenschutz im heimischen Bausektor in Zukunft noch
mehr zu verstärken."

Prävention die beste Gesundheitsinitiative
Allein die Folgekosten von Bauunfällen für die medizinischen Behandlungen und den Produktionsausfall durch Krankenstände, Invalidität und Tod machen in Österreich jährlich bis zu 17 Milliarden Schilling aus.
Angesichts der vorliegenden Studienergebnisse appellieren Driemer und Tumpel an die Wirtschaft: "Alle Organisationen und
Institutionen - die sich der Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer annehmen sind aufgefordert, hier gemeinsam mit der Gewerkschaft Bau-Holz und der Bundesarbeitskammer zu marschieren:
Wenn es weniger Krankenstandstage und vorzeitige Pensionierungen gibt, dann bringt dies eine Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bauarbeiter sowie für die Betriebe wirtschaftliche Vorteile, und es macht auch volkswirtschaftlich Sinn. Die Gewerkschaft Bau-Holz und die Bundesarbeitskammer sehen sich in ihrer konsequenten Aufklärungsarbeit bestätigt. Dennoch werden wir gemeinsam folgende Grundforderungen umsetzten müssen:

Die präventive arbeitsmedizinische Betreuung muss radikal verbessert werden;

Schon in der Lehrlingsausbildung müssten angehende BauarbeiterInnen individuell medizinisch beraten und mit optimalen Hebetechniken vertraut gemacht werden;

Diese Beratung und Betreuung muss sich auch im weiteren Arbeitsleben fortsetzen;

Umsetzung der arbeitsmedizinischen Betreuung im Baugewerbe; Permanente Weiterbildung der neu geschaffenen Baukoordinatoren,"

betonten abschließend Driemer und Tumpel. (Bac-)
(Fotzsetzung)

ÖGB, 12. April 1999 Nr. 160

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