Rinderkrieg: Heimischen Top-Exporteuren droht Totalausfall des USA-Geschäfts

US-Strafzölle lassen bei KTM um zwanzig Prozent des Umsatzes und 140 Arbeitsplätze zittern

Wien (OTS) - Stefan Pierer hielt den Anruf eines Mitarbeiters aus den USA für einen Aprilscherz - einen nicht besonders gelungenen dazu. "Dafür war die Geschichte zu absurd³, erinnert sich der Chef der Mattighofener Motorradschmiede KTM: "Wir wurden vor zehn Tagen informiert, daß die USA wegen dieser Rinderhormonsache mit der EU Strafzölle auf unsere Bikes einheben will." Der vermeintliche Aprilscherz war keiner, wie Pierer entsetzt feststellen mußte.

Drakonische strafen. Die USA stehen kurz davor, den seit Jahren schwelenden Konflikt mit der EU um das Exportverbot von hormonbehandelten Rindern auf ihre Art zu entscheiden: mit aberwitzigen Importzöllen. Zitat aus einem FORMAT vorliegenden amtlichen Dokument der US-Handelskammer United States Trade Representative (USTR) vom 25. März: "... Die USTR hält einen Aufschlag von hundert Prozent für ausgewählte Produkte aus der EU für ein probates Mittel ..".

Der Hintergrund: Am 1. Jänner 1989 verbot die EU zum Schutz der Gesundheit ihrer Bürger den Einsatz von synthetischen Wachstumshormonen bei der Viehzucht. Da die Amerikaner bis heute auf diese Hormone schwören, sperrte die EU die Grenzen für US-Steaks.

Jetzt, zehn Jahre später, wollen die Amerikaner das Embargo durchbrechen. Ihr Ultimatum: Bis Mitte Mai muß die EU wissenschaftlich nachgewiesen haben , daß der Einsatz von Wachstumshormonen tatsächlich gesundheitsschädlich sei. Gelingt dies nicht und das Importverbot bleibt, werden ausgewählte Produkte europäischer Provenienz mit drakonischen Strafzöllen belegt. "Niemand will eine Eskalation", skizziert der Außenhandelsexperte der Wirtschaftskammer, Günther Graf, "aber wenn die Bestimmungen in Kraft treten, ist der Ofen vorerst einmal aus."

Für eine Handvoll österreichischer Exporteure hätten Strafzölle von hundert Prozent fatale Konsequenzen. Denn bei der Zusammenstellung der indexierten Waren bewiesen die Amerikaner taktisches Gespür allererster Güte. schwarze Liste. Neben Fleisch-und Getreideprodukten, Getränken und Schokolade, finden sich darunter auch Viskosefasern, Garne und Motorräder mit einem Hubraum von fünfzig und 500 Kubikzentimeter. "Das ist doch kein Zufall", mutmaßt KTM-Chef Pierer, "die Amerikaner wissen, daß der EU-Agrarkommissar Fischler Österreicher ist. Die wollen uns ins Mark treffen." Tatsächlich stellt Österreich ausgerechnet bei Viskosefasern, Garnen und Motorrädern drei stark in den USA verankerte Unternehmen:
Lenzing, Linz-Textil und KTM.

"Österreich hat einen Anteil von zwei Prozent an der EU-Bevölkerung", rechnet Linz-Textil-Chef Dyonis Lehner vor, "die US-Maßnahmen treffen aber zu 30 Prozent unsere Exporteure." KTM-Mann Pierer geht noch einen Schritt weiter: "Vielleicht wäre einer unserer verblödeten Politiker so freundlich, mir zu erklären, was meine Motorräder mit Rindfleisch zu tun haben." Die Manager wissen, was sie zu befürchten haben. Allein KTM drohen in den USA 339 Millionen Schilling Umsatz wegzubrechen - rund 20 Prozent des Konzernumsatzes. Pierer: "Kommen die Zölle, trifft das in Österreich 120 Mitarbeiter, in den USA weitere 20." Bei Linz-Textil bangt man laut Lehner um "25 bis 30 Schilling Millionen Umsatz". Ein Betrag, auf den das Unternehmen auch bei einem Konzernumsatz von 2,3 Milliarden Schilling nicht verzichten könne. Lehner: "Wir haben viel in den US-Markt investiert. Wenn wir jetzt rausfliegen, können wir von vorne beginnen."

Bei Lenzing - Umsatz: 8,8 Milliarden dürften die drohenden Ausfälle im dreistelligen Millionenbereich liegen. Im Lenzinger Hauptquartier war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch Aufsichtsratspräsident Herbert Liaunig wollte die heikle Angelegenheit "nicht kommentieren". Daß den Amerikanern nicht nach Juxen ist, durfte der traditionsreiche Wiener Süßwarenhersteller Manner bereits erfahren. Das Familienunternehmen, das jährlich 680 Tonnen Waffelprodukte in den USA absetzt, wurde kürzlich Opfer des "Bananenstreits" zwischen der EU und den USA. Die EU bevorzugt seit Jahren den Import von Dschungelgurken aus den ehemaligen asiatischen, karibischen und afrikanischen Kolonien gegenüber den sogenannten Dollar-Bananen. Die - logische Konsequenz: Ausgewählte EU-Produkte, darunter Christbaumschmuck, Schnittholz, Spielwaren und Waffeln, werden seit Anfang März mit Strafzöllen belegt. Manner-Vorstand Walter Schönthaler: "Das kostet uns direkt 25 Millionen Schilling. Wir haben zuvor vergeblich versucht, beim Wirtschaftsminister einen Termin zu bekommen." KTM-Mann Pierer will es gar nicht erst so weit kommen lassen: "Ich lasse prüfen, ob wir die Republik gegebenenfalls auf Schadenersatz klagen können."

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