Wiener Gemeinderat (2)

Aktuelle Stunde

Wien, (OTS) Über Antrag des Liberalen Forums fand eine Aktuelle Stunde zum Thema "Studierende in Wien - der verkannte und ungenutzte Wirtschaftsfaktor" statt.

Für die Liberalen betonte Klubobfrau Mag. Gabriele Hecht (LIF), daß mehr als die Hälfte aller österreichischen Studierenden in Wien studierten. Sie bedauerte, daß sich die Stadtverwaltung nicht betroffen fühle, wenn der Studienort Wien unattraktiver und die studentische Ausbildung schlechter würde. Sie forderte eine Initiative der Stadtverwaltung zur Schaffung einer Schnittstelle, die auch die Studentenanliegen berücksichtige, zwischen den Universitäten und der Wirtschaft. Die zahlreichen Diplomarbeiten und Dissertationen, die jährlich in Wien approbiert werden, gingen für die Wirtschaft verloren. Ein derartiges Zentrum für den Wissenschaftstransfer würde auch den Wissenschaftsstandort Wien attraktiver machen. GR Mag. Michaela Hack (LIF) meinte, jede zusätzliche Ausbildungsstätte sei ein zusätzlicher Gewinn für eine Gemeinde. In diesem Sinn forderte sie die Stadt Wien auf, auf der Donauplatte eine Fachhochschule für Telekommunikation und Software-Entwicklung einzurichten. Im übrigen kümmere sich die Stadt wenig um die Studenten und um deren Wohnsituation. Die Werksvertragregelung sei ein schwerer Schlag für die Studenten gewesen.

Für die Grünen sagte GR Mag. Chorherr (G), das ursprünglich passive Verhältnis zwischen den Universitäten und der Stadtverwaltung sei in den letzten Jahren besser geworden. Allerdings merke man an den Universitäten recht wenig davon, daß die Stadt Wien die Studenten ernst nehme. Grundsätzlich meinte Chorherr, die Universitäten seien nicht dafür da, für den Arbeitsmarkt fit zu machen, sie seien keine reinen Ausbildungsstätten. Die Universitäten dürften nicht nur von ökonomischer Seite betrachtet werden. Er bedauerte, daß das Sparpaket die Studentenschaft stark getroffen habe, das System zwinge viele, ihr Studium abzubrechen. Chorherr forderte die Freifahrt für Studenten auf öffentlichen Verkehrsmitteln und das Einbeziehen der Studenten in Architekturwettbewerbe, in Projekte
der Telekommunikation und der Verkehrspolitik. GR Mag. Maria Vassilakou (G) meinte, Bildung sei die Voraussetzung für die Demokratisierung der Gesellschaft, daher müsse hier investiert werden. Sie verwies darauf, daß laut OECD-Studien der Akademikeranteil in Österreich sehr gering sei. Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und den Universitäten funktioniere nicht richtig. Sie sprach sich dafür aus, über den Wirtschaftsförderungsfonds Mittel für Lehrveranstaltungen und Forschungsarbeiten mit Klein- und Mittelbetrieben zu initiieren,
das könne der Beginn eines echten Wissenschaftstransfers darstellen.

Für die Volkspartei betonte GR Dr. Salcher (ÖVP), Wien habe viele gute Universitäten, leider sei aber die Stadt nicht
kompetent für diese Lehranstalten. Es sei aber nötig, über den Praxisbezug der Universitäten zu diskutieren. Zum Thema Wissenschaftstransfer verwies Salcher auf ausländische Beispiele wie etwa die Steinbeiß-Stiftung in Deutschland. In Wien zeige der Bank Austria-Forschungs- und Investitionsfonds mit einem dreistelligem Millionenbetrag bereits Erfolge, es sei eine gute Idee, Diplomarbeiten und Dissertationen zu vermarkten. Zur
Situation der Universität selbst meinte Salcher, diese dürfte nicht nur aus der Sicht der Berufsausbildung betrachtet werden. GR Prof. Walter Strobl (ÖVP) sagte, die 125.000 Studenten in Wien seien ein gigantisches wirtschaftliches Potential. Jährlich gebe
es rund 10.000 Neuzugänge und 4.000 bis 5.000 Absolventen. Die Universitäten dürften aber nicht nur funktionalistisch gesehen werden, sie dienten nicht nur der Berufsausbildung. Dafür seien
die Fachhochschulen besser geeignet. Positiv habe sich die Aktion "Wissenschaftler für die Wirtschaft" entwickelt. In dieser Aktion hätten Forschende die Möglichkeit, über die Zeitdauer von zwei Jahren in einem Wirtschaftsbetrieb tätig zu sein, um anschließend wieder in die universitäre Forschung zurückzukehren.

GR Heidrun Schmalenberg (FPÖ) sagte, die mehr als 120.000 Studenten brächten eine große Kaufkraft mit nach Wien. In den Bereichen Gastronomie, Lehrmittel, Sport und Unterhaltung sowie Computertechnik seien sie ein hoher Wirtschaftsfaktor. Leider habe das Sparpaket die Studierenden existentiell getroffen. Die
Studenten müßten mit Beträgen von 6.000 bis 7.000 Schilling im Monat auskommen, daher seien viele gezwungen, nebenbei zu
arbeiten. Das führe aber dazu, daß zahlreiche Studenten vorzeitig ihr Studium abbrechen. Sie bedauerte, daß die Universitäten von der Stadt vernachlässigt würden, was sich wiederum negativ auf den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort auswirke. GR Dr. Günther (FPÖ) bedauerte die hohe Abbruchquote beim Studieren. Das Problem sei aber nicht die Kompetenzverteilung zwischen Land und Bund, sondern das Leben der Studenten in Wien. Ihre Anzahl, 125.000, entspreche der Bevölkerung der Stadt Salzburg. Investitionen für Forschung und Entwicklung zahlten sich in der ganzen Welt aus,
aber Wien mache zu wenig für die Studenten.

GR Dkfm. Dr. Maurer (SPÖ) widersprach diesem Argument, die 125.000 Studenten würden von der Stadt Wien nicht vernachlässigt, und die Zahl der Lehrenden habe in den letzten Jahren sogar zugenommen. Die günstige Entwicklung werde auch durch die
geringere Zahl der vorgemerkten arbeitslosen Akademiker bestätigt. Da immer weniger Absolventen in den öffentlichen Dienst eintreten, sei die Privatwirtschaft gefordert. Maurer forderte aber auch die Universitäten auf, selbst tätig zu werden. GR Schieder (SPÖ) betonte, ein Studium solle mehr sein als eine reine Berufsausbildung. Der Vorschlag des Liberalen Forums für Kompetenzzentren sei an sich richtig, müsse aber bereits beim Studienbeginn ansetzen. Der Redner kritisierte, daß ein Großteil der Wirtschaft zu wenig in Forschung und Entwicklung investiere.
Er sprach sich für eine Öffnung der Universitäten gegenüber der Gesellschaft aus, was bereits bei der Kooperation zwischen den
Unis und den Volkshochschulen funktioniere. Weiters forderte er
eine interne Öffnung der Universitäten gegenüber den Studenten, Forschungsgelder dürften nicht nur die Professoren einstecken,
auch die Studenten sollten an diesen Geldern beteiligt werden. Und letztlich meinte der Redner, auch eine Öffnung der Universitäten gegenüber der Wirtschaft mit einer echten Zusammenarbeit sei nötig, wie dies etwa beim Tech-Gate-Projekt auf der Donauplatte praktiziert werde. Die Forderung nach Privatuniversitäten lehnte Schieder entschieden ab.

GR Ing. Dr. Geringer (ohne Klubzugehörigkeit) legte ein Bekenntnis zur Universität für eine gute Berufsausbildung, aber auch für Forschungstätigkeit ab. Das entspreche der mitteleuropäischen Kultur. Die Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft und den Universitäten sei unbefriedigend. Zukunftsweisende Unternehmungen benötigten ein wissenschaftsfreundliches Klima, die Forschung dürfe nicht beschränkt werden, andererseits aber, bedauerte Geringer, gebe es häufig eine unverständliche Angst vor neuen Technologien. (Forts.) fk/rr

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