Studie: TV ist "Kommunikationsbrücke"

Langversion 2

Network-Generation mit höherem Selbstbewußtsein

Identitätssuche Jugendlicher durchs Internet beeinflußt?

Das Internet prägt die Persönlichkeitsstruktur unserer Jugendlichen entscheidend. Dies ging aus einem ein Jahr laufenden Projekt des Kanadiers Don Tapscott hervor, der 300 Teenager via Internet interviewt hat. Einerseits fördert die interaktive Nutzung des Mediums Internet das eigene Selbstwertgefühl, andererseits geben Chat-Groups, in denen man auch unter anderen Identitäten auftreten kann, die Chance, risikolos auszuprobieren, wie man bei wem ankommt.

"Generation N - Network-Generation" nennt Tapscott die Geburtenjahrgänge ab 1980 (für die USA ab 1975), die sich aus seiner Sicht grundsätzlich durch eine größere Unabhängigkeit, durch Innovationsfreude und Authentizität, durch Integration statt Diskriminierung und die bewußte sowie kritische Auswahl von Informationen und Medien auszeichnen. Das Medium Internet spielt dabei eine besondere Rolle und wird so zu einem innerhalb der Erziehung von Teenagern immer stärker zu berücksichtigenden Faktor. Eltern der "Network-Generation" sollten zwei Aspekte in ihren pädagogischen Ansätzen in Betracht ziehen: Übers Internet beteiligt sich der Jugendliche an diversen Diskussionen, tritt mit verschiedenen Service-Einrichtungen in Beziehung, verwendet aktiv Spiele, fragt Freunde per e-mail um Rat und sucht nach Informationsquellen. Der Prozeß jugendlichen Forschens und Entdeckens fällt also in der Network-Generation facettenreicher aus als bisher -die Folge ist eine überaus selbstbewußte Generation mit ausgeprägte m Selbstwertgefühl.

Übers Internet bietet sich die Chance probezuhandeln, ohne daß etwas passiert. Während Kinder auf der Suche nach ihrer eigenen Identität im wirklichen Leben schon früh ein Etikett verpaßt bekommen oder sich ihre eigene Fassade aufbauen, können sie beispielsweise über die Chat-Groups erst einmal verschiedene Verhaltensweisen testen. In textzentrierten Chatrooms ist das äußere Erscheinungsbild oder die soziale Herkunft eines Teenagers (vorerst) unbekannt - ein Vorteil, der vor allem Behinderten hilft, frei von Hemmungen mit anderen zu kommunizieren. Welche Folgen es hat, wenn ein Kind sich mithilfe des Internets mehrere "Fassaden" aufbaut und so ein multiples Selbst entwerfen kann, ist noch nicht erforscht. Tapscott sieht die Entwicklung positiv und zieht den Schluß, daß die Generation N zur ersten werden könnte, die die zahlreichen Facetten des Ichs, die jeder von uns in sich trägt, akzeptieren und gezielt steuern kann.

Die Nutzung des Internets schreitet dramatisch schnell vorwärts:
Laut einer Integralstudie stieg die Anzahl der Internetbenutzer in Österreich von 1996 auf Mitte 1998 um satte 100 % (von 550.000 auf 1.100.000). Dabei surfen doppelt so viele Männer wie Frauen (24 % zu 11 %).

Anmerkung zum Autor: Don Tapscott ist der weltweit führende Cyber-Berater, wenn es um die Einführung von Technologien in Unternehmen geht. Im Auftrag von Unternehmen und Behörden leitet Don Tapscott Untersuchungen in bezug auf Informationstechnologien und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Tapscott ist renommierter Berater und Referent zu Themen wie Neue Medien und Digitale Revolution, außerdem ist er Autor zahlreicher Business-Bestseller, darunter auch "Die digitale Revolution".

"Ich fürchte mich (online) vor nichts und niemandem", erklärt FreeZo= ner BUFFMAN, 15. "In Wirklichkeit bin ich ein kleiner 50-Kilo-Knirps, aber online kann ich ein anderer sein." (zitiert nach Don Tapscott, Net Kids)

Das Internet - eine Hilfe für Teenager beim Aufbau ihres Selbstwertgefühls und ihrer Identität?

"Denken die Cyberkids eigentlich anders? Wirken sich ihre Erfahrungen mit dem interaktiven Medium auf ihre geistige Verfassung - auf ihre Persönlichkeit, ihr Selbstbewußtsein, ihre Intelligenz und die Art und Weise ihrer Informationsverarbeitung aus? Wenn ja, positiv?" Nach Don Tapscotts Erfahrungen mit den in das im Internet ein Jahr lang laufende Projekt "Growing up digital" eingebundenen rund 300 Jugendlichen ist diese Frage positiv zu beurteilen. "Unsere heutigen Jugendlichen sind hellwach, problembewußt, konzentriert und haben ganz offensichtlich die Dinge im Griff. ... Natürlich wissen wir nicht, inwieweit die geistige Befindlichkeit dieser Generation durch die Erfahrungen in der interaktiven Welt geprägt ist. Schließlich sind da noch zahlreiche andere Variablen neben der neuen Technologie zu berücksichtigen - beispielsweise die Erziehung und Ausbildung der Kinder.

Für den Kanadier Don Tapscott stellen die Geburtenjahrgänge ab 1975 die Network-Generation, kurz "Generation N", dar, jene Generation, die bereits im frühen Alter durch die Erfahrung mit digitalen Medien geprägt wurde. Tapscott geht dabei von den Verhältnissen in den USA und Kanada aus. Die Tatsache berücksichtigend, daß die diesbezügliche Entwicklung in Europa um einige Jahre verzögert ist, wird man in Europa die Geburtsjahrgänge ab 1980 als Generation N bezeichnen können.

Nach Tapscott ist die Network-Generation gekennzeichnet durch:
Unabhängigkeit, emotionale und intellektuelle Offenheit, das Wollen, Medien nicht nur zu konsumieren sondern auch zu gestalten, bewußte und kritische Informationsauswahl, Akzeptanz der Andersartigkeit, Integration statt Diskriminierung, globale statt nationale Orientierung, Innovationsfreude und Authentizität, Sensibilität gegen Unternehmensinteressen und verstärkte Eigenständigkeit. Die Netz-Generation hat Mut zum Widerspruch und sie hat ein erhöhtes Selbstwertgefühl. "Es gibt Belege dafür, daß sich die positive Wirkung der interaktiven Medien für das Selbstbewußtsein nicht nur auf Kinder mit sichtbaren Behinderungen beschränkt", stellt Tapscott fest. Chat-Moderatoren, Pädagogen, Eltern und Sozialarbeiter, die sich mit der Netz-Generation befassen, sagen übereinstimmend, daß es sich bei der Generation N ihrer Meinung nach um eine überaus selbstbewußte Generation mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl handelt. Die Gründe dafür sind zwar noch nicht erforscht, Tapscott glaubt aber, einige Anhaltspunkte gefunden zu haben. Wenn man den passiven erwachsenen Fernsehkonsumenten mit dem aktiven Jugendlichen der Netz-Generation vergleicht, der sich an diversen Diskussionen im Netz beteiligt, mit verschiedenen Service-Einrichtungen in Beziehung tritt, aktiv Spiele spielt, Freunde per E-mail um Rat fragt, nach Informationsquellen sucht, könnte man meinen, daß der Prozeß jugendlichen Forschens und Entdeckens in der Netz-Generation facettenreicher ausfällt. Sicherlich würde jeder der Ansicht zustimmen, daß ein Kind als aktiv handelndes und nicht passiv empfangendes Individuum ein viel stärkeres Selbstwertgefühl entwickelt, mit dem es informiert seine Wahl treffen kann. Einer der förderlichen Faktoren hat also mit der interaktiven Natur des Mediums selbst zu tun. Der bedeutende Entwicklungspsychologe Jean Piaget sagt, daß die Entwicklung des Ichs mit der Einflußnahme des Kindes auf seine Umwelt erfolge: Sobald es handelt, um zu erfahren, was es überhaupt kann. Und dieses Handeln wird ihm durch das im Gegensatz zum Fernsehen interaktive Internet in hohem Maße ermöglicht.

"...In Chatgroups wird das Selbstbewußtsein zusätzlich gefördert, weil das Kind immer wieder eine neue Chance bekommt - es kann eine andere Identität annehmen. Im wirklichen Leben erhalten Kinder schon frühzeitig ein Etikett oder sie werden isoliert, und häufig dauert es Jahre, bis sie eine derart lästige Kategorisierung wieder los sind. ... Wenn ein Kind damit unzufrieden ist, wie es im Cyberspace behandelt wird, kann es einfach eine andere Identität annehmen. Im Netz erhält jeder eine zweite Chance. ... Die Kinder können im Netz verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren, bevor sie im täglichen Leben mit ihrer Identität experimentieren. "Wäre es möglich, daß Kinder und vor allem Jugendliche im Netz ein neues Werkzeug und eine neue Umgebung gefunden haben, um ihre Identität aufzubauen?" ist daher für Tapscott eine zentrale Frage. Es bleibe aber noch viel zu tun, bis die Zusammenhänge zwischen dem neuen Medium und der Ich-Bildung bei Kindern und Jugendlichen ganz geklärt sein werden.

Um eine Identität aufzubauen, baut der Mensch eine "Fassade" auf, die es anderen ermöglicht, zu verstehen, wer er im Grunde ist. Diese "Fassade" schafft eine Erscheinung, Züge der Persönlichkeit, einen Kontext und eine Einstellung, die allesamt zum Verhalten des Individuums passen. Im Cyberspace müssen die Elemente dieser Fassade ganz vom Kind (Jugendlichen) selbst geschaffen werden. In textzentrierten Chatrooms sind Alter, Größe, Kleidung, kurzum das äußere Erscheinungsbild, geographischer Standort und sozialer Kontext - allesamt Elemente der Fassade - des Kindes vorerst unbekannt. Die Fassade muß daher online entwickelt werden. Das Kind hat hier unendlich viele Möglichkeiten, ein Ich oder verschiedene Ichs nach eigenem Wunsch zu entwickeln. Aber es hat sich auch gezeigt, daß Selbstwertgefühl und Eigenständigkeit bei Kindern durchaus nicht immer stabil sind. Das Selbstvertrauen eines Kindes kann auch online rasch zerstört werden, wenn es beschimpft, ignoriert oder kritisiert wird. ... Manche Kinder sprechen auch online von ihren Minderwertigkeitsgefühlen, daß sie sich hassen, häßlich sind - meist werden diese Kinder aber von den anderen Kindern im Netz unterstützt.

Das Netz ermöglicht den Kindern also, mit wechselnden Persönlichkeiten zu experimentieren. Sie finden im Internet ein Versuchsfeld für Identitätsentwürfe vor. Ein Jugendlicher kann z. B. 5 verschiedene Persönlichkeiten annehmen, die alle Teil seiner Interessen, Wünsche, seines Selbstbildes sind. Das kann positiv sein, weil Kinder und Jugendliche so ein Bild von sich selbst und ihrer Welt entwerfen und vertreten, das ihnen besser erscheint als die Wirklichkeit. Sie haben die Möglichkeit, verschiedene Identitäten, auch gegengeschlechtliche, anzunehmen und so verschiedene Lebensmuster auszuprobieren. Sie können sozusagen "Online" probehandeln und dabei Erfahrungen für ihr Handeln im wirklichen Leben ("Offline") gewinnen.

Welche Folgen es hat, wenn ein Kind mehrere "Fassaden" aufbaut und so ein multiples Selbst entwerfen kann, ist noch nicht erforscht. Agieren diese Kinder z. B. vielleicht im wirklichen Leben rücksichtsloser, weil sie im Netz gelernt haben, daß das, was man tut, nicht immer Folgen hat. Im Netz kann das Kind tatsächlich wie eine Katze 7 und mehr Leben haben, in der wirklichen Welt klappt das nicht - beim Test durchgefallen heißt eben durchgefallen, beleidigt man einen Freund, hat man ihn vielleicht für immer verloren. Allerdings hat auch die Aufgabe eines Internet-Ichs ihre Folgen. Ein Kind kann auch im Netz einen Freund verlieren. Wenn es als eine neue Persönlichkeit in einer Chatgroup neu einsteigt, hat es damit seine alten Bekanntschaften aufgegeben. Kinder sind daher gezwungen, über die Folgen ihres Online-Verhaltens nachzudenken und mit ihren "Ichs" bewußt umzugehen.

Sherry Turkle ist der Ansicht, daß, wenn sich Kinder im Netz verschiedene Identitäten zulegen, sie bessere Beziehungen entwickeln und ein Mehr an Kommunikation mit mehreren Identitäten erleben. Für Turkle beinhalten die Aktivitäten im Netz keine Abspaltung einzelner Ich-Aspekte, sondern hier geht es um Akzeptanz und Harmonie. Don Tapscott zieht den Schluß, daß somit die Netz-Generation zur ersten Generation werden könnte, die die zahlreichen Facetten des Ichs, die wir in uns tragen, akzeptieren und gezielt steuern kann.

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