LR Bauer: Ist Niederösterreich noch zu bremsen?

Mit begleitenden Maßnahmen Wirtschaftsentwicklung absichern und Defizite beseitigen

St. Pölten, (SPI) - Die Entwicklung der NÖ Wirtschaft zeigt im letzten Jahrzehnt eine deutlich höhere Wachstumsdynamik als die übrigen Bundesländer. Als Grund dafür gelten die Ostöffnung, der EU-Beitritt Österreichs und die verstärkte Auslagerung von Produktionsstandorten aus Wien. Dies führte dazu, daß die Rohwertschöpfung der NÖ Wirtschaft von 1988 bis 1996 in Niederösterreich um durchschnittlich 6,2 % anstieg, bei einem österreichischen Durchschnittswert von 5,7 %. Niederösterreich lag damit an der Spitze aller Bundesländer. Die Folge davon war auch ein Anstieg der Zahl der unselbständig Erwerbstätigen im Zeitraum von 1988 bis 1997 um 15,3 % (Österreich + 8,7 %). Bis 1994 entsprach die Entwicklung der Rohwertschöpfung dem üblichen Konjunkturverlauf, der in Niederösterreich durch überproportionale Schwankungen gekennzeichnet ist. So lag der Durchschnittswert in der Hochkonjunkturphase Ende der 80er-Jahre um 0,5 % über dem Bundesdurchschnitt. In der Periode 1994 bis 1996 übertraf der NÖ Wachstumsfaktor den Bundesdurchschnitt wieder deutlich mit 2,3 bzw. 1,8 %. Insgesamt trug Niederösterreich 1996 16,2 % zur österreichischen Gesamtrohwertschöpfung bei.

Nach Aussage von namhaften Wirtschaftsforschern beruht das positive Wachstumsdifferential der NÖ Wirtschaft im Vergleich zum österreichischen Durchschnitt im Beobachtungszeitraum von 1988 bis 1996 vor allem auf einer Verbesserung der Standortbedingungen und weniger auf Brancheneffekten. Niederösterreich ist zumeist von Branchen dominiert, die österreichweit eine unterdurchschnittliche Wachstumsdynamik aufweisen, wie etwa Bergbau, Mineralölindustrie, aber auch die Landwirtschaft. Betrachtet man aber die Wertschöpfung pro Einwohner, so liegt diese in Niederösterreich deutlich unter dem österreichischen Durchschnitt und betrug 1996 247.385,-- S oder 85,7 % des Bundesdurchschnitts.

"Diese Wachstumsdaten der NÖ Wirtschaft dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es innerhalb unseres Bundeslandes enorme regionale Wohlstandsunterschiede gibt. So liegt etwa das Weinviertel in einer Rangordnung der NÖ NUTS-3-Regionen am unteren Ende mit einer Wertschöpfung pro Einwohner von etwa 65 % des österreichischen Durchschnitts. Im Mostviertel, Waldviertel, der Region NÖ Süd und dem nördlichen Wiener Umland erreichte die Bruttowertschöpfung immerhin 80 bis 90 % des österreichischen Durchschnitts und das südliche Umland lag mit 156 % sogar deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Diese regionalen Divergenzen spiegeln sich auch in den Wachstumsraten der einzelnen Regionen wider", stellt Landesrat Dr. Hannes Bauer im Rückblick auf die gestrige Aktuelle Stunde des NÖ Landes zum Thema Beschäftigung.

Ein weiterer Faktor, der durch die starken regionalen Differenzen geschönt wird, sind die Medianeinkommen der unselbständig Erwerbstätigen in Niederösterreich. Zweifellos stellt dieser Bereich kein Ruhmesblatt für unser Land dar, wenn das Durchschnittseinkommen 1997 19.554,-- S betrug und damit nur um 0,03 % oder 6,-- S über dem Wert von 1996 lag. Dies führte auch dazu, daß Niederösterreich an die sechste Stelle der Bundesländer absackte und nicht nur deutlich hinter dem Spitzenwert Wiens mit 21.285,-- S, sondern auch dem Bundesdurchschnitt mit 20.110,-- S zurückbleibt. Aber auch dieser keineswegs beeindruckende Wert des NÖ Durchschnittseinkommens muß unter Betrachtung der regionalen Einkommensverteilung noch relativiert werden. So darf das Durchschnittseinkommen im Bezirk Mödling mit 21.307,-- S nicht darüber hinwegtäuschen, daß in insgesamt 13 NÖ Bezirken das Durchschnittseinkommen unter 18.000,-- S liegt, wobei der Bezirk Hollabrunn mit 16.274,-- S das Schlußlicht bildet.

Notwendige Maßnahmen sind daher:

Geld in die Hand nehmen!
Angesichts der im EU-Vergleich unterdurchschnittlichen Forschungsquote in Österreich (1,5 % des BIP zu 2,0 % in der EU) wären zusätzliche Landesmittel zur Aufstockung der Forschungsquote ("regionale Technologiemilliarde") zu überlegen.

Infrastruktur in weitesten Sinne!
Herstellung der Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur, Anbindung an internationale Netze.

Selbsttragende Prozesse einleiten!
Diese Mittel wären angesichts des besonders niedrigen Anteils privater F & E-Ausgaben im EU-Vergleich so einzusetzen, daß sie mit möglichst großer Multiplikatorwirkung Anreize für F & E im Unternehmenssektor schaffen und so einen selbsttragenden Prozeß einleiten.

Private Mittel mobilisieren!
Unter diesem Aspekt sind Rahmenbedingungen und Maßnahmen für die Mobilisierung von Privatkapital für innovationsorientierte Unternehmen, insbesondere von Unternehmensneugründungen, zu evaluieren und zu optimieren.

Technologietransfer sichern!
Besonderer Stellenwert sollte der Verbesserung der Kooperationsbeziehung zwischen den Unternehmen und dem Forschungssektor zukommen, da sich wesentliche Defizite vor allem im "Technologietransfer" zwischen Universitäten bzw. externen Forschungseinrichtungen einerseits und dem klein- und mittelbetrieblich strukturierten Unternehmensbereich andererseits zeigen.

Bewußtsein schaffen!
Die Zertifizierung nach gängigen und konzernspezifischen Standards wird zunehmend Voraussetzung für Eintritt und Verbleib im europäischen Produktionssystem. Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es daher, das Bewußtsein über die Notwendigkeit dieses Schrittes der Professionalisierung herzustellen.

Netzwerke fördern!
Geschäftserfolge in von Großbetrieben dominierten Märkten sind für Klein- und Mittelbetriebe nur durch Zusammenarbeit und Vernetzung zu sichern. Entsprechende Kooperationsplattformen (Netzwerk für Produktion und Dienstleistungen) sind zu unterstützen.

Anwendungs- und Marktorientierung fördern!
Angesichts der vorrangigen Herausforderung, das Gros der niederösterreichischen Anbieter für ein Agieren im europäischen Raum "fit" zu machen, sollte die Ausrichtung der Technologiepolitik weniger auf vereinzelte "Spitzenleistungen" abheben, sondern diffusionsorientiert vor allem anwendungsorientiert Innovationen fördern bzw. Probleme der Marktüberleitung lösen.

Mut zum Abschaffen!
Das regionale Förderungssystem wäre noch stärker als bisher auf technologie- und innovationspolitisch wünschenswerte Aktivitäten zu fokussieren, unspezifische Investitionsförderungen und Förderungen für einzelne Branchen wären im Gegenzug auch vor dem Hintergrund knapper Budgets und der Beschränkung des EU-Wettbewerbsrechts weiter abzubauen.

Förderdesign optimieren!
Ein zukunftsorientiertes Förderdesign wird nicht zuletzt auch den Aufbau eigenständiger Strategiefähigkeit des klein- und mittelbetrieblich strukturierten Unternehmenssektors durch Aufwertung firmenspezifischer Kompetenzen wie Marketing, Design und Controlling in den Vordergrund zu stellen haben.

Von der Idee bis zum Produkt fördern!
Angebotsseitig werden dazu Dienstleistungsunternehmen, die diese Kompetenzen am Markt anbieten, in den traditionell auf den industriell-gewerblichen Bereich beschränkten Adressatenkreis von Förderungen aufzunehmen sein. Nachfrageseitig wären die gängigen Förderungsinhalte konsequent um Aktivitäten der Fertigungsüberleitung, des Marketing von externer Schulung und Beratung ("immaterielle Investitionen") zu ergänzen.

Spezialstandorte entwickeln!
Der Ausbau einiger (weniger) höchstwertiger "Spezialstandorte" mit optimaler Infrastruktur könnte im Sinne einer selektiven Technologiepolitik Ausgangspunkte für technologieorientierte Cluster auch in ausgewählten Entwicklungszentren sein. Die Entwicklung des RIZ Wiener Neustadt könnte hierbei als Vorbild dienen.

EU-Programme nutzen!
Die Teilnahme niederösterreichischer Unternehmen an den einschlägigen EU-Programmen sollte durch entsprechende Beratungs- und Informationsleistungen der regionalen Förderstellen stärker unterstützt werden.

Gemeinsam vorgehen!
Letztlich wäre die regionale Technologiepolitik stärker in das "Technologiepolische Konzept der Bundesregierung" einerseits, aber auch in entsprechende Initiativen der EU einzubetten, um Doppelgleisigkeiten zu vermeiden und eine optimale Effizienz des Gesamtsystems bei beherrschbarer Kosten zu garantieren.

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