Skandal um Gen-Lebensmittel oder um den Umgang mit wissenschaftlichen Daten?

(Wien, 19. Feb. 99) - Wieder schlagen die Wellen hoch über befürchtete Risken gentechnisch veränderter Lebensmittel. Veranlaßt durch die aktuelle britische Genkartoffel-Debatte werden neuerlich ein Freisetzungsmoratorium sowie ein Verbot des Einsatzes der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion gefordert. Liegen neue wissenschaftliche Erkenntnisse vor, die diese Forderungen rechtfertigen? Die Österreichische Gesellschaft für Genetik und Gentechnik (ÖGGGT) sieht sich zu folgenden Feststellungen veranlaßt:

I. Zuerst zur Chronologie der Ereignisse:
Im August 1998 vermeldete Prof. Arpad Pusztai vom schottischen Rowett Forschungsinstitut im britischen TV, daß die Verfütterung von gentechnisch veränderten Kartoffeln bei Ratten Störungen des Wachstums und des Immunsystems verursache. Da die zugrundeliegenden Daten in einer hausinternen Überprüfung als nicht ausreichend abgesichert beurteilt wurden, wurde daraufhin Prof. Pusztai vom Dienst suspendiert. Allerdings waren - wie sich in der Folge zeigte -auch die Ergebnisse der hausinternen Überprüfung nur zum Teil haltbar.

Der Bericht über diese Überprüfung und ein von Prof. Pusztai selbst verfaßter Bericht lag nun einer Gruppe von über 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor. In ihrer letzte Woche veröffentlichten Erklärung stellten sie sich hinter Prof. Pusztai und forderten eine lückenlose Veröffentlichung der vorliegenden Daten. Sie stellten fest, daß die Daten von Prof. Pusztai in den wesentlichen Punkten nachvollziehbar seien. Der Verzehr von rohen Kartoffeln, denen ein Gen für das Lektin aus Schneeglöckchen eingebracht wurde, ist demnach für Ratten gesundheitsschädlich. Ob die schädigende Wirkung durch das in den verfütterten Kartoffeln enthaltene Lektin selbst oder durch eine eventuelle andere Wirkung des gentechnischen Eingriffes verursacht wurde, ist nach dem gegenwärtigen Stand der Untersuchungen nicht zu beantworten.

II. Wie sind diese Ergebnisse nun zu interpretieren?
Lektine sind eine Gruppe von Kohlenhydrat-bindenden Eiweißen (Proteinen), die in allen pflanzlichen und tierischen Organismen vorkommen. Sie sind somit ein mengenmäßig bedeutender Nahrungsbestandteil. Lektine haben aber sehr unterschiedliche Eigenschaften. Viele davon sind harmlos, manche für Mensch und Tier bekanntermaßen giftig. Trotzdem haben wir gelernt damit umzugehen, indem wir etwa Bohnen oder Holunderbeeren vor dem Verzehr kochen, um die natürlicherweise in diesen Pflanzen enthaltenen giftigen Lektine zu zerstören. Die Ergebnisse der Fütterungsversuche von Prof. Pusztai sind also nicht überraschend, sie waren zu erwarten.

Manchen Lektinen wird eine Rolle in der natürlichen Schädlingsabwehr von Pflanzen zugeschrieben. Ziel des Forschungsprogrammes am Rowett-Institut ist es, Lektin- Gene zu finden, welche, in Kulturpflanzen eingebracht, diese widerstandsfähig gegen Insekten und Fadenwürmer machen.

Im Zuge eines solchen Forschungs- und Entwicklungsprogrammes muß selbstverständlich die Verträglichkeit der Pflanzen als Nahrungsmittel überprüft werden. Diese Vorgangsweise stellt sicher, daß gesundheitlich bedenkliche Lebensmittel erkannt werden, lange bevor das Produkt zur Marktreife entwickelt wird. Die in Schottland untersuchten Kartoffel dienten lediglich als Modellpflanze und sind weder am Markt noch wurde eine Marktzulassung beantragt.

Die Vorfälle zeigen, daß vorbeugender Verbraucherschutz wichtig ist und auch wirksam umgesetzt wird. Verbraucherinnen und Verbraucher wurden und werden also nicht als "Versuchskaninchen" verwendet, wie manche behaupten.

Aus den Vorfällen für alle Beteiligten offensichtlich zu lernen ist der verantwortungsvolle politische Umgang mit wissenschaftlichen Daten :

1. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen wir die Verantwortung und Verpflichtung, auch mit schwer erklärbaren oder gar unliebsamen Daten offen umzugehen - selbstverständlich immer unter Beachtung der wissenschaftlichen Qualitätsansprüche. Deswegen müssen wissenschaftliche Daten auch immer veröffentlicht und damit kritisierbar werden. 2. Die Verwirrung um die widersprüchlichen Meldungen und Gutachten zu den Forschungen von Prof. Pusztai wurde benutzt, um unter Verdrehung von Tatsachen und Fehlinterpretation von wissenschaftlichen Gutachten gentechnisch veränderte Lebensmittel pauschal als gefährlich darzustellen. Eine gentechnische Veränderung als solche kann aber weder als gefährlich noch als ungefährlich eingestuft werden. Ob sie gefährlich ist, hängt davon ab, welche Veränderung gentechnisch herbeigeführt wird. Eine gentechnische Veränderung bespielsweise, die dazu führt, daß eine Pflanze einen giftigen Stoff produziert, birgt naturgemäß Gefahren in sich. Das heißt aber keineswegs, daß die Gentechnik oder gentechnische Veränderungen von Lebensmitteln grundsätzlich gefährlich sind.

Für ein Freisetzungsmoratorium oder ein Verbot des Einsatzes der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion besteht also kein Anlaß. Anlaß besteht vielmehr zu seriöser Information und verantwortungsvoller Diskussion.

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