HINTERGRUND – Arzneimittelausgaben - Schatten ohne Licht ?

Wien (OTS) - Kurz vor dem Jahreswechsel 98/99 gab der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger die von ihm erwarteten Ausgabensteigerungen für frei verschreibbare Arzneimittel für das Jahr 1998 bekannt. Diese liegen - genauere Analysen bleiben nach wie vor abzuwarten - jedenfalls über der 10 Prozent-Marke, und das hält der Hauptverband, wie in den Medien nachzulesen war, für "nicht akzeptabel".

Die Frage ist allerdings, ob es sich bei dieser Entwicklung nicht
um eine logische handelt, und ob dieses Ausgabenwachstum nicht
auch sein Gutes hat, allerdings alles unter der Prämisse, daß die Verordnungen für die PatientInnen medizinisch sinnvoll getätigt wurden (wovon wohl ausgegangen werden muß), und unter der Voraussetzung, daß man das Gesundheitswesen in seiner Gesamtheit betrachtet.

1. Das Älterwerden der Menschen, das seine Wurzeln zu einem nicht unerheblichen Teil im medizinisch-pharmazeutischen Fortschritt
hat, bedingt eine wesentlich intensivere Nutzung der medizinischen Möglichkeiten, was sich selbstverständlich - und das ist nicht neu - auch bei der Verordnung von Arzneimitteln niederschlägt. Dies schafft natürlich der Sozialversicherung aufgrund ihres gesetzlichen Auftrags einer einnahmenorientierten Ausgabenpolitik Probleme, steigt doch das Beitragsvolumen der Sozialversicherung aufgrund der bekannten Faktoren nur sehr gering. - Die "Gewinner" dieser Entwicklung sind jedoch die Patienten, die dank moderner Arzneimitteltherapien nicht nur länger (über)leben, sonder auch eine weit bessere Lebensqualität erfahren.

2. Die Arzneimittelindustrie stellt dank intensiver Forschungstätigkeit unter hohem unternehmerischem Risiko regelmäßig neue, innovative Medikamente zur Verfügung, die - weil sie ja ganz offensichtlich gebraucht werden- auch in vielen Fällen von der Sozialen Krankenversicherung ohne den für die Patienten mißlichen "Gang zum Chefarzt" rückerstattet werden. Da die Entwicklung eines einzigen neuen Medikaments den Unternehmen durchschnittlich mit 4,5 Milliarden Schilling (ca. 327 Millionen EUR) kostet, sind diese neuen Produkte auch teurer als ältere Präparate, allerdings nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten stellt man nämlich fest, daß gerade durch die Verordnung teurerer Medikamente es wiederum Gewinner gibt: wieder stehen dabei die Patienten an vorderster Front (Stichworte: Chance auf Heilung/Linderung der Leiden, Lebensqualität). Auf den "Rängen" folgen hierbei bei einer ganzheitlichen Betrachtung das Gesundheitswesen, das sich öfter als man denkt, zusätzliche oder teurere Behandlungsformen ersparen kann, und die Volkswirtschaft, weil z.B. Arbeitnehmer nach einer Krankheit früher an ihren Arbeitsplatz zurückkehren oder - bei chronischen Leiden - trotz ihrer Erkrankung ihrem Beruf nachgehen können.

3. Stichwort Arbeitsplatz: Dieser ist heute für viele Menschen mit einem großen Unsicherheitsfaktor behaftet. Als eine Folge davon sinkt die Zahl der Krankenstandstage, wie statistisch nachzulesen, ständig. Die Zahlen für 1998 liegen noch nicht vor, doch gehen Statistiker davon aus, daß sich an der Tatsache nichts geändert hat. Gleichwohl mußten die ArbeitnehmerInnen auch im vergangenen Jahr ohne Zweifel an kleineren oder größeren Unpäßlichkeiten, gelitten haben, denen in vielen Fällen wahrscheinlich allein aufgrund der Arbeitsmarktlage eher mit Medikamenten denn mit Krankenstand begegnet wurde. Gewinner in diesem Bereich: das Gesundheitswesen und die Volkswirtschaft, die sich Krankenhausaufenthalte, Krankenstandstage, usw. erspart haben.

4. Stichwort "Bettruhe": Arzneimittel, die bei einem Krankenhausaufenthalt gegeben werden, werden öfter denn je auch dann weiter verordnet, wenn der Patient aus der Klinik entlassen wurde. Das trifft insbesondere bei chronischen Erkrankungen zu,
die - und das ist bekannt - seit Jahren im Zunehmen begriffen
sind. Im Regelfall handelt es sich hierbei wiederum um "teurere" -innovative und hochwirksame - Arzneimittel, die für den
Betroffenen aber oft lebenswichtig sind. Hier geht wiederum der Patient als Gewinner Nummer Eins hervor; Gesundheitswesen und Volkswirtschaft folgen neuerlich auf dem "Siegerpodest".

5. Stichwort "Begehrlichkeit, überschießende": Diese wird PatientInnen immer wieder nachgesagt, wenn es um die Forderung
einer Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen geht, und in manchen Fällen wohl auch zu Recht. Hier gilt es, medizinisch sinnvolle und medizinisch nicht notwendige Interventionen zu unterscheiden. - Die Steigerung der Arzneimittelausgaben 1998 -soviel zeigen schon vorliegende Grobdaten - ist jedenfalls in der Hauptsache auf 1997 noch nicht kassenfrei mögliche Therapien zurückzuführen.

Zwt.: Pharmig fordert Analyse und Diskussion

Fazit: "Wo Schatten ist, da ist auch Licht". Was dem einen (in diesem Fall: der Sozialversicherung) Probleme bereitet, davon profitieren, wie man sieht, andere. Ganz wesentlich wäre es aber, im Vorfeld einer möglicherweise sich anbahnenden Debatte über Ausgabeneinsparungen, die (üblicherweise) allein auf dem Rücken der Arzneimittelwirtschaft ausgetragen werden, folgende Punkte interdisziplinär zu analysieren und ernsthaft zu diskutieren:

? Ist es immer noch haltbar, Arzneimittelausgaben isoliert zu betrachten, oder muß es nicht endlich eine ganzheitliche Analyse des Gesundheitssystems angestellt werden, damit schließlich klar wird, daß Arzneimittel tatsächlich andere Segmente des Gesundheitswesens und die Volkswirtschaft insgesamt entlasten, und wo darüber hinaus festgestellt wird, wo es tatsächliche Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen gibt (Effizienzsteigerungen, Evidence-based-medicine, etc.) ?
? Den AUSGABEN für Arzneimitteln muß ihr WERT für das Gesundheitswesen und die Gesellschaft gegenübergestellt werden.
? Die "Gretchenfrage", nämlich, was allen Gesundheit wirklich wert ist, MUSS im Sinne einer zukunftsorientierten Weiterentwicklung
des Gesundheitswesens beantwortet werden.

Zwt.: Pharmig: Wir brauchen kreative Lösungen!

Die Pharmig plädiert daher im Sinne des von ihr erarbeiteten Integrierten Gesundheitssystems (IGS) für eine Zusammenarbeit
aller am Gesundheitswesen Beteiligten, um das heute bestehende und grundsätzlich gute heimische System "zukunftsfit" zu machen.

Wir brauchen kreative und innovative Lösungen für die anstehenden Herausforderungen, und das bald. Und warum sollten kreative und innovative Wege, wie sie etwa die Pharmawirtschaft und der Hauptverband gemeinsam mit ihrer erfolgreichen Initiative Arznei & Vernunft begonnen haben, allein auf weiter Flur bleiben? Wir haben viele gescheite Köpfe und viel kreatives Potential in diesem Land. Es zu nutzen, wird eine verantwortungsvolle Aufgabe aller am Gesundheitswesen Beteiligten sein. Die Pharmig ist bereit, dazu beizutragen, daß Österreich erspart bleibt, was in anderen Ländern zum Nachteil der Bürger/Patienten
heftig diskutiert wird oder bereits Realität geworden ist:
Rationierung bis hin zur Triage.
**/rm

Hinweis: Dieser Artikel der Zeitschrift Pharmig info 1-2/99 (heute erschienen) entnommen.

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