EU-Präsidentschaft Österreichs geht zu Ende

ÖAW legte mit einer Konferenz zum Thema "Analphabetismus" den Grundstein für die Befassung mit diesem sozialen, politischen und wissenschaftlichen Problem / konkreter Beitrag der Wissenschaft zu den österreichischen Bemühungen im Rahmen der EU-Präsidentschaft

Wien (OTS) - Ein dramatisches Bild der Entwicklung der modernen Informationsgesellschaft zeichneten Wissenschaftler aus aller Welt bei der Konferenz "Kommunikationsverlust im Informationszeitalter", die die österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Rahmen der EU-Präsidentschaft Österreichs Ende November in Wien veranstaltet hat. Die Fähigkeit, gesprochene oder geschriebene Texte zu verstehen, ist selbst in der Bevölkerung der Industriestaaten überraschend gering. Eine französische Zeitschrift meldete vor kurzem: "40% unserer Kinder können nicht lesen!" In Österreich schätzt man die Zahl der "funktionalen" oder "sekundären" Analphabeten auf 300.000. Die an der Konferenz beteiligten Wissenschaftler fassten das Ergebnis ihrer Beratungen in einer Resolution zusammen, die den Grundstein für eine intensive Befassung mit diesem sozialen, politischen und wissenschaftlichen Problem bieten soll. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften glaubt diese Abschlusserklärung ihrer Konferenz als konkreten Beitrag zu den österreichischen Bemühungen im Rahmen der EU-Präsidentschaft Österreichs verstehen zu dürfen.

KOMMUNIKATIONSVERLUST IM INFORMATIONSZEITALTER

Abschlusserklärung der Wiener Konferenz vom 26. - 28. November 1998

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat vom 26.-28. November 1998 die Konferenz "Kommunikationsverlust im Informationszeitalter" veranstaltet, an der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus europäischen Ländern sowie aus Australien und den USA, aus Indien, Kanada und Südafrika teilgenommen haben. Die Wissenschaftler zeichnen ein dramatisches Bild der Entwicklung der modernen Informationsgesellschaft: Der rasante technologische Fortschritt führte und führt zu höheren Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit des Individuums. Die europäischen Bildungssysteme reagieren jedoch nur unzureichend auf diese Situation. Nur eine Minderheit von Bürgern ist in der Lage, die Möglichkeiten der technologischen Neuerungen effektiv zu nutzen und die Fülle von Information im "globalen Dorf" für die eigene Lebensgestaltung fruchtbar zu machen. Auf diese Art wächst der "funktionale" oder "sekundäre" Analphabetismus. Dieser äussert sich in der Unfähigkeit, Alltagstexte wie Rundfunknachrichten, Gebrauchsanweisungen oder Beipacktexte zu verstehen. Er zeigt sich ebenso in der zunehmenden Schwierigkeit, schriftliche Eingaben zu verfassen oder die technischen Möglichkeiten von Fax, E-mail oder Internet zu nutzen. Der "funktionale" oder "sekundäre" Analphabetismus ist ein arbeitsmarktpolitisches Problem. Den Betroffenen stehen bestenfalls unqualifizierte Arbeitsplätze offen. In den "Guidelines for Employment 1997" der EU wird gerade die "employability" als eine der Säulen aktiver Beschäftigungspolitik betont. Die ausreichende kommunikative Qualifikation von Arbeitskräften spielt in der Folge eine entscheidende Rolle im wirtschaftlichen Wettbewerb.

Analphabetismus ist ferner ein demokratiepolitisches Problem: von Arbeitslosigkeit bedroht, Verlierer der Modernisierung und Globalisierung, eingeschränkt in ihrer Möglichkeit, am öffentlichen und politischen Leben teilzuhaben, sind "spracharme" Menschen für vereinfachende, radikale Ideologien besonders anfällig. In grundsätzlichen Willenserklärungen (u.a. in den Verträgen von Maastricht und Amsterdam sowie in der Entscheidung des Europäischen Rates über ein Programm "zur Förderung der sprachlichen Vielfalt der Gemeinschaft in der Informationsgesellschaft" vom 21.11.1996 sowie in der Forderung einer "Schule der zweiten Chance" im EU-Weissbuch 1995) hat die Europäische Union dieses Problem und die Notwendigkeit, darauf zu reagieren, erkannt, ohne dass bisher ausreichend Folgen daraus gezogen wurden. Die auf der Konferenz präsentierten Studien haben gezeigt, dass es sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch in einigen Staaten erfolgreich erprobte Modelle zur wirksamen Bekämpfung von Spracharmut gibt. Die verstärkte Umsetzung derartiger Erkenntnisse und exemplarischer Massnahmen in nationale und europäische Aktionsprogramme ist dringend zu fordern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Wiener Konferenz ersuchen, dass die österreichische und die anschliessende deutsche Ratspräsidentschaft zu einer Initiative genutzt werden, um auf europäischer Ebene nachhaltige Strategien zur Überwindung der neuen Formen von "Analphabetismus" zu entwickeln.

Als Grundsätze für längerfristige Aktionsprogramme sowie als unmittelbare Massnahmen werden von der Wiener Konferenz folgende Punkte genannt:

1. Bildungsprogramme zur Erhöhung der Kommunikationsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger sind DIE zentrale Investition in das "human capital". Sie sichern die Teilhabe ALLER an der Weiterentwicklung demokratischer Gesellschaften. Kommunikationsfähigkeit ist keine Garantie gegen Arbeitslosigkeit, sie stellt aber eine wichtige Voraussetzung für deren Vermeidung oder Überwindung dar. Kommunikationsfähigkeit trägt zur Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter der Globalisierung bei. Sozialpolitik, Bildungspolitik und Wissenschaft sind gleichermassen aufgerufen, das umzusetzen, was der Vertrag von Amsterdam als Antwort auf die Sprachverarmung in Europa vorsieht, "to promote the development of the highest possible level of knowledge for their peoples through a wide access to education and its continuous updating".

Eine dichte Vernetzung von Wissenschaft, Arbeitswelt und Bildungspolitik unter Einbeziehung der Institutionen der Erwachsenenbildung ist anzustreben. Die Einrichtung von Clearing-Stellen auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene ist ein dringendes Desiderat. Für diese Einrichtungen sollten die nationalen Haushalte Mittel vorsehen. In gleicher Weise ist der Aufbau eines europäischen Netzwerkes und europäischer Clearing-Stellen (europäische Observatorien) zu fordern. Im Haushalt der Europäischen Union sind Mittel dafür vorzusehen.

2. Die Anforderungen an Kommunikation gehen heute weit über das herkömmliche Sprachenlernen hinaus und umfassen sprachliche Fähigkeiten (in der Erstsprache wie auch in Zweit- und Fremdsprachen) ebenso wie kulturelle und mediale Kompetenzen. In Schule und Erwachsenenbildung müssen Lehr- und Lernangebote entwickelt werden, die auf die Ausbildung einer umfassenden schriftlichen und mündlichen Kommunikationsfähigkeit innerhalb der EIGENEN KULTUR und ZWISCHEN DEN KULTUREN abzielen. Das umfasst die Fähigkeit zum Umgang mit kultureller Verschiedenheit ebenso wie die Fähigkeit zur Nutzung von Kommunikations- und Informationsmedien über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg. Angesichts der rasanten Entwicklung im Bereich der modernen Kommunikationstechnologien und der zunehmenden Bedeutung von Sprachfähigkeit sind v.a. im Bereich der beruflichen Weiterbildung und der Erwachsenenbildung - im Sinne des lebensbegleitenden Lernens - besondere Anstrengungen nötig.
Von den Problemen der Sprachkompetenz sind aber auch die Textproduzentinnen und Textproduzenten angesprochen. Wie zahlreiche Studien nachweisen, sind Texte von, für und in Institutionen und Medien für viele Betroffene oft schwer verständlich. Schulungen für Textproduzenten sind zu fordern, um "lesbare" Texte zu gewährleisten.

3. Forderungen an die Schule:
Programme der sprachlichen Förderung in Kindergarten und Vorschulerziehung, insbesondere dort, wo andernfalls bei Schuleintritt Defizite vorliegen. Auf diese Sprachförderung müssen Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher spezifisch vorbereitet werden.

Kleine Klassen, damit alle Schülerinnen und Schüler aktiv einbezogen werden: Kommunikationsfähigkeit lässt sich in Klassen mit mehr als 15 Schülern nicht aktiv trainieren. Schulen müssen über die Möglichkeit des Kleingruppentrainings im Fachbereich Sprache verfügen.
Kontinuierlich zu aktualisierende Ausstattung der Schulen
und Hochschulen mit moderner Hard- und Software. Film, Fernsehen und Computer müssen als zentrale Elemente der Information und Kommunikation in verstärktem Masse Gegenstand und Instrument schulischer Ausbildung werden.

Neue Curricula, die die Fähigkeit zur Selektion aus dem Informationsangebot der neuen Medien nicht nur im Sprachunterricht, sondern in allen Unterrichtsfächern zu einem zentralen Lernziel machen.

Ausbau der Erwachsenenbildung in den Bereichen der Alphabetisierung und Medienkompetenz.

4. Förderung von Minderheiten und gesellschaftlichen Randgruppen: Die Zweisprachigkeit von Angehörigen von (sprachlichen) Minderheiten ist als Reichtum, nicht als Behinderung zu sehen:
Erforderlich ist eine Alphabetisierung in beiden Sprachen, die verhindert, dass durch die Vernachlässigung der Erstsprache die Kommunikationsfähigkeit insgesamt beeinträchtigt wird bzw. bleibt. Hiezu liegen erprobte Modelle vor, die ins Regelschulwesen übernommen werden sollten. Schulische Angebote müssen durch Angebote an jene Angehörigen der älteren, zugewanderten Migrantengeneration ergänzt werden, die im Herkunftsland nicht ausreichend lange die Schule besucht haben und daher im Aufnahmeland einer eventuellen berufsbegleitenden Alphabetisierung bedürfen.

Gehörlose Kinder und Erwachsene sind nicht als Behinderte abzuschieben. Vielmehr soll durch die Entwicklung und Vermittlung von Gebärdensprachen und die Einrichtung von bilingualen Schulen eine Teilhabe an der Informationsgesellschaft erreicht werden. Für Legastheniker sind geeignete Diagnoseinstrumente und pädagogische Programme zu entwickeln, um ihnen eine volle Ausbildung ihrer Kommunikationsfähigkeit zu ermöglichen.

Arbeitslose Jugendliche bedürfen einer gezielten Förderung ihrer Textkompetenz. International erprobte Modelle hiefür liegen vor. Vielfach fehlt es jedoch an einer entsprechenden Koordinierung und Qualitätskontrolle.

5. Neue Sprachenpolitik:
Die Globalisierung erfordert eine Ausweitung des Sprachenspektrums wie auch spezifische Angebote, um neue Ausgrenzungen zu verhindern. Im Vertrag von Maastricht haben sich die europäischen Staaten daher erneut auf SPRACHLICHE VIELFALT für die EU festgelegt und verpflichtet, den Fremdsprachenunterricht zu fördern. Allerdings berücksichtigen die europäischen Programme und Erklärungen bislang zu wenig, dass sprachliche Vielfalt in Europa weit mehr bedeutet als Vielfalt von Staatssprachen. Zum Sprachenreichtum in Europa gehören auch die vielen Sprachen von Minderheiten. Es ist an der Zeit, dass europäische Sprachenpolitik auch diese einbezieht. Notwendige Massnahmen sind: Entwicklung spezieller Lehr- und Lernangebote, die auf vorhandener Mehrsprachigkeit ebenso wie auf Fremdsprachenkenntnissen aufbauen und die bereits vorhandenen Lernerfahrungen nutzen. Kürzere Lehrgänge in Sprachen wie Englisch, um Platz für weitere Fremdsprachen zu schaffen. Entwicklung sprachdidaktischer Konzepte, die die Beziehungen zwischen verschiedenen gelernten Sprachen für das weitere Leben systematisch nutzen. Förderung von Mehrsprachigkeit bei Angehörigen der alten und neuen sprachlichen Minderheiten. Schulen sollten spezifische Sprachenprofile entwickeln, in denen eine gegebene Sprachenvielfalt effizient genutzt und weiterentwickelt wird. Differenzierung des Sprachenangebots nach regionalen Bedürfnissen (Nachbarsprachen, Minderheitensprachen auch für Angehörige der Mehrheit, grenzüberschreitende Unterrichtsformen). Verbindung von sprachlichem und beruflichem Lernen (Fremdsprachen als Arbeitssprachen, Sprachenpraktika, Fremdsprachen für die Nutzung elektronischer Medien u.ä.). Spezielle Förderung von Fremdsprachenangeboten in der beruflichen und innerbetrieblichen Weiterbildung. Spezielle Fremdsprachenangebote für Lernungewohnte in der Erwachsenenbildung.

6. Forderungen an die Wissenschaft:
Unterstützung und Ausweitung von Forschungen im Bereich der Kommunikationswissenschaften, der angewandten Sprachwissenschaften, der Sprachlehrforschung und der Erziehungswissenschaften, die sich mit den Ursachen und Folgen von Spracharmut und eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit auseinandersetzen. Grundausbildung in kommunikativen "skills" für alle Berufsgruppen (Juristen, Ärzte, Ökonomen, u.a.). Wissenschaftsgestützte Entwicklung und
Evaluation von Curricula zur Förderung von Textkompetenz und Kommunikationsfähigkeit. .Wissenschaftliche Erforschung der europäischen Standardsprachen und Erarbeitung von Grundlagen für eine zukunftsorientierte europäische Sprachenpolitik.

Für die wissenschaftliche Planung und Leitung der Konferenz:
Univ.-Doz. Dr. Rudolf DE CILLIA, Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien
Univ.-Prof. Dr. Hans-Jürgen KRUMM, Institut für Germanistik der Universität Wien
Univ.-Prof. Dr. Ruth WODAK, Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien

Für die österreichische Akademie der Wissenschaften:
Univ.-Prof. Dr. Werner WELZIG, Präsident der österreichischen Akademie der Wissenschaften

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