Bartenstein: Familie als Drehscheibe der Solidarität

EU-Konferenz zu Altern in Europa Generationensolidarität "Wiener Deklaration" als Leitlinie für künftige Seniorenpolitik der EU

Wien (OTS) - "Eine neue, moderne Seniorenpolitik geht über die Pensionssicherung weit hinaus. Sie muß die gesellschaftliche Teilhabe und Mitsprache älterer Menschen enthalten, die Stärkung der Generationensolidarität fördern, Freiräume für ehrenamtliches, generationsübergreifendes Engagement öffnen und die Familien bei der Pflege älterer Angehöriger unterstützen", sagte Familienminister Dr. Martin Bartenstein, anläßlich der vom Familienministerium veranstalteten EU-Konferenz Altern in Europa:
Generationensolidarität eine Basis des sozialen Zusammenhaltes.

In Österreichs Familien besteht ein erstaunlich hohes Solidaritätspotential zwischen den Generationen. Es gibt so gut
wie niemanden, der weder Verwandte noch Freunde hat, also
niemanden ohne jegliches Potential an Beziehungen. Nur 0,5 %
können niemanden angeben, auf den sie sich in kleineren Notlagen stützen könnten. In finanziellen Notlagen wären nur 5 % der Befragten ohne Hilfe. Auch in schwererwiegenden Notfällen gibt es nur wenige Menschen, die ohne jede Unterstützung durch Verwandte oder Freunde dastünden, nämlich 1,7 %. Zu diesem Ergebnis kommt eine von Fessel und GFK im Auftrag des Familienministeriums durchgeführte Studie.

Es wäre aber falsch, wegen des guten innerfamiliären Verhältnisses Entwarnung etwa für die Pflegeproblematik der Zukunft zu geben, sagte Familienminister Dr. Martin Bartenstein.
Im Gegenteil: "Gerade weil die Familie derzeit diese Aufgabe so überzeugend wahrnimmt, ergeben sich Risken für die Zukunft. Was wir brauchen, ist ein echtes Care- und Case-Management zur Verbesserung der Hilfsleistungen im Pflegefall."

Absolut wie relativ zur Gesamtbevölkerung wird die Zahl der älteren Menschen immer größer - bei gleichzeitig sinkender Kinderzahl. Die Haltung der Altengeneration, die der Hilfsbereitschaft der Jüngeren entgegenkommt, kann so ohne
weiteres für die Zukunft nicht fortgeschrieben werden. Historisch bedingt wird jede künftige Altengeneration einen immer besseren Bildungsgrad aufweisen, damit sind Haltungsänderungen in Richtung mehr Selbstbewußtsein, mehr Ansprüche und mehr Durchsetzungsfähigkeit verbunden.

Die Seniorenpolitik der Zukunft muß nach Ansicht Bartensteins von folgenden Eckpfeilern getragen werden:

verbessertes Hilfs- und Informationsangebot für pflegende Angehörige

Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
größeres Angebot an Tages- und Kurzzeitpflege zur Entlastung pflegender Angehöriger

reaktivierende Pflege zur Aufrechterhaltung eines
selbstbestimmten Lebens im Alter (z.B. nach Schlaganfall, Herzinfarkt)

Gesundheitsförderung im mittleren und höheren Alter zur Verbesserung der Gesundheit im Alter und zum zeitlichen Hinausschieben und Verkürzen der Pflegebedürftigkeit

größeres Angebot an intergenerativen Wohnformen zur Förderung des außerfamiliären Transfers von Hilfeleistungen zwischen Alt und Jung

Rahmenbedingungen zur Förderung des ehrenamtlichen Engagements insbesondere nach der Pensionierung zur Förderung der Solidarität zwischen Jung und Alt

Care- und Case-Management zur Verbesserung der Hilfsleistungen
im Pflegefall

Die Ergebnisse der Studie "Generationenbeziehungen" im Detail

In kleineren Notlagen (z.B. einmal einen Nachmittag auf ein
Kind aufpassen, ab und zu eine Besorgung oder einen Amtsweg erledigen) ist die Mutter die zentrale Person. Auf sie könnten 40
% aller Befragten zählen. Mit einigem Abstand folgen die übrigen Mitglieder der Kernfamilie: Schwestern zu 30 %, Töchter und Söhne zu jeweils 28 %, Väter zu 26 %, Brüder zu 22 %. Freunde und Nachbarn treten - speziell bei Frauen - in nahezu 25 % der Fälle als Helfer auf.

1,7 % stünden in schwererwiegenden Notfällen (z.B. vorübergehend die Kinder zu sich nehmen, wenn man zwei Wochen
krank ist, oder täglich beim/bei der Erkrankten vorbei-schauen,
mit Essen versorgen) ohne jede Unterstützung da. Wieder ist es die Mutter, auf die man sich in erster Linie verlassen kann, jene, die (noch) eine Mutter haben, können zu 67 % mit ihrer Hilfe rechnen. Töchter (54 %), Söhne (50 %), Vater (48 %) und Schwestern (40 %) folgen. Immerhin noch 18 % dürfen Hilfe von Freundinnen und 11 % von befreundeten Nachbarinnen erwarten.

In finanziellen Notlagen wären 5 % der Befragten völlig ohne Hilfe. Unter jenen, die Mutter bzw. Vater haben, würden 52 % Unterstützung von der Mutter und 61 % vom Vater erhalten. In relevantem Ausmaß stehen außen ihnen nur noch die Kinder (Söhne und Töchter zu jeweils 33 %) und die Geschwister (ebenfalls zu jeweils 33 %) zur Verfügung. Die Bedeutung der
Freunde/Freundinnen, der befreundeten Nachbarn und Arbeits- oder Studienkollegen geht bei dieser Art von Notlage stark zurück.

Hilfen bei der Hausarbeit leisten vor allem Mütter (35 %), Töchter (24 %) und Söhne (17 %). Die diversen Sozialdienste wurden kaum genannt. Hilfe bei Arbeiten im Haus und in der Wohnung (Reparaturen) leisten vor allem Söhne (21 %), Väter (20 %), Mütter (17 %), (männliche) Freunde (17 %), Brüder (12 %) und Töchter (12 %). Bei langen Krankheiten und dauerhafter Pflege leisten Hilfe
vor allem die Mutter (25 %), Töchter (25 %), Söhne (15 %) und Schwestern (13 %). Auch hier wurden Sozialdienste kaum genannt.

Hilfe bei der Beaufsichtigung von Kindern leisten hauptsächlich Mütter (56 %), Schwiegermütter (38 %), Väter (22 %), Schwestern (20 %), Freundinnen (17 %), Schwiegerväter (15 %) und befreundete Nachbarinnen (14 %).

Befragt nach der Pflegebereitschaft, würden über 40 % ihre Eltern pflegen und betreuen. Als Haupthindernis für die Übernahme der Pflege wird die eigene Berufstätigkeit genannt. Die familiäre Solidaritätsbasis ist besonders von Alt zu Jung sehr stark ausgeprägt: nahezu 1/3 der über 60-Jährigen würde sich zugunsten der Jüngeren einschränken.

Bei der Einstellung zu Werthaltungen waren hohe Eltern-Kinder-Übereinstimmungen bei Werten zu verzeichnen, die allgemein als ausgesprochene Materialismus-Postmaterialismus-Konfliktfelder gelten: richtiges Benehmen anderen Menschen gegenüber; Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung; Arbeit, Beruf und Karriere; der Umgang mit Geld und die Einstellung gegenüber Sparsamkeit und Schuldenmachen; die Einstellung zu Familie, Scheidung und "neuen" Formen des Zusammenlebens.

Utl.: "Wiener Deklaration" als Leitlinie für künftige Seniorenpolitik der EU

Die Fachkonferenz in Wien wird eine Deklaration verabschieden, die die Leitlinien für eine künftige Senioren- und Bevölkerungspolitik skizziert. Ziel ist die Aufnahme dieser Ergebnisse in die geplante "Mitteilung über das Altern und ältere Menschen" der Europäischen Kommission. Als roter Faden zieht sich durch die Deklaration die Betonung der Solidarität zwischen den Generationen als Basis für den sozialen Zusammenhalt. Demnach ist es notwendig:

das Alter als aktiven Lebensabschnitt zu thematisieren, um zu einem positiven öffentlichen Bild älterer Menschen beizutragen und zu verhindern, daß der steigende Anteil älterer Menschen als Last dargestellt wird

materielle und ideelle Transfers zwischen den Generationen zu thematisieren, um das Bewußtsein auf das gegenseitige aufeinander angewiesen sein zu stärken

das Verständnis und die Kooperation zwischen den Generationen durch die kontinuierliche Unterstützung intergenerationeller Initiativen zu fördern

die Medien zu motivieren, den Wert aller Lebensalter durch realistische Darstellungen von Menschen in allen Lebensphasen zu betonen

das Prinzip des lebenslangen Lernens auch für ältere Menschen zur Geltung zu bringen, um ihre gesellschaftliche Teilhabe zu sichern.

das Ehrenamt aufzuwerten, um Foren der
generationenübergreifenden Solidarität auch außerhalb der Familie zu schaffen

die Bedeutung der Familien für die Generationensolidarität zu thematisieren und Maß-nahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger zu entwickeln (Tageszentren, Kurz-zeitpflege, Aus- und Weiterbildung, Supervision, soziale Absicherung etc.)

den Senioren die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Interessen und Anliegen im Rahmen neuer Formen der Beteiligung auf allen Ebenen selbstverantwortet wahrzunehmen

die Rolle älterer Menschen als Bewahrer und Überlieferer von kulturellem Erbe, erlebter Geschichte und spezifischen Kenntnissen im Interesse der jüngeren Generation zu fördern

die Gesundheitsförderung im mittleren und höheren Alter zur Verbesserung der Gesundheit und zur Verkürzung einer Pflegebedürftigkeit auszubauen.

Schluß

Rückfragen & Kontakt:

Jugend & Familie
Dr. Ingrid Nemec
Tel.: (01) 515 22 DW 5051

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