Grenzen des Wissens erkennen

Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr beim 4. Wiener Kulturkongreß über "Gott, den Menschen und die Wissenschaft"

Wien (OTS)- "Die Naturwissenschaft überschätzt ihren Wahrheitsanspruch" stellte der emeritierte Universitätsprofessor für Physik Hans-Peter Dürr anläßlich des Vierten Wiener Kulturkongresses fest. Die Physik befinde sich damit in der gleichen Situation wie die Kirche. Um die Jahrhundertwende habe mit der Quantentheorie mehr als nur ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Die Kernaussage dieser Revolution des physikalischen Weltbildes sei die Anerkennung prinzipieller, echter und unüberschreitbarer Grenzen des Wissens, betonte Dürr. "Wir können bei einigen Dingen nur etwas glauben", so der Physiker weiter, das Wissen hingegen bleibe uns versperrt.

Im Gegensatz zum "neuen" physikalischen Weltbild habe die in der klassischen Physik vorherrschende Betonung der Materie die geistige Dimension vernachlässigt, erläuterte Dürr. Ein komplexes Problem habe man dadurch zu lösen versucht, indem man es in seine kleinsten Teile zerlegte. Auf diese Weise sei man bei der Untersuchung der Materie schließlich auf die Atome gestoßen. Die Atome selber seien jedoch keine Materie, sondern "Gestaltswesen". Materie sei somit nicht aus Materie zusammengesetzt, meinte der Physiker. Auch die Welt lasse sich nicht in Teile aufteilen, sondern stelle sich als etwas Einheitliches und Unzerlegbares dar. "Aufteilen hat etwas mit unserer materiellen Sicht zu tun." ist Dürr überzeugt. Die Wirklichkeit sei keine dingliche Realität und die wahre Information stecke nicht in der Materie, sondern in der Form.

Dürr beseitigte auch den Mythos der Voraussehbarkeit. Die Zukunft sei im wesentlichen offen, die Welt werde in jedem Augenblick neu erschaffen, allerdings auf der Basis dessen, wie sie vorher war. Die Gestaltungsmöglichkeit der Zukunft berge somit auch etwas Hoffnungsvolles in sich, eine Chance für den Menschen, der sich von den anderen Lebewesen eben durch das Bewußtsein, kreativ eingreifen zu können, unterscheide. Die Unmöglichkeit, langfristige Prognosen zu erstellen, heiße jedoch nicht, daß es keine Ordnungsstrukturen gebe, so Dürr. In der Chaostheorie sei beispielsweise das interessante Phänomen zu beobachten, daß durch die Koppelung von Chaos mit Chaos nicht etwa ein Superchaos entstehe, sondern ein Muster, eine Ordnungsstruktur.

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