Nicaragua: Situationsbericht des Regionalbüros d. Österr. Entwicklungszusammenarbeit

(Wien, Managua, Regionalbüro d. Österr. Entwicklungszusammenarbeit, 5.11.1998) Nicaragua ist
Schwerpunktland der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit in Zentralamerika und nach
Honduras das am stärksten durch die Naturkatastrophe betroffene Land dieser Region. Die letzten
Zahlen und Ereignisse aus Nicaragua sind erschütternd. Offiziell sind mittlerweile über 700.000
Menschen obdachlos, 1350 gestorben und noch immer werden fast 2000 vermißt; aus zwei
Vulkanen steigt Rauch auf und ein kleineres Erdbeben hat am Mittwochabend die Stadt
Chinandega erschüttert.

In diese Stadt im Westen von Nicaragua hat Österreich am Mittwoch zwei Tonnen Lebensmittel
entsenden können. Ein kleines zweimotoriges Flugzeug, das nur eine Tonne laden kann, ist
zweimal auf der kurzen und beschädigten Piste in Chinandega gelandet. Victor Sevilla,
Koordinator der Städtepartnerschaftsorganisation Wels-Chichigalpa hat die Güter in Namen seiner
obdachlosen Mitmenschen angenommen. ”Wir danken dem österreichischen Volk für diese rasche
Hilfsmaßnahme. Bis jetzt haben wir noch nichts von der Regierung erhalten und 15000 unserer
Leute sind obdachlos", begrüßte Sevilla die Sendung aus Österreich. Er und seine Kollegen , die
meisten völlig ermüdetet, unter Schock und mit ersten Zeichen von Augeninfektionen, hatten
einen Lastwagen organisiert, der durch die noch immer schwer zugängliche Gegend den Weg zum
Flughafen geschafft hat.

Die österreichische Hilfe stützt sich in diesen Tagen auf die Organisationsstruktur, die in den 80er
Jahren zwischen Nicaraguanern und Österreichern geschaffen wurde, um die von Bürgerkrieg und
Wirtschaftsembargo betroffene Bevölkerung Nicaraguas direkt zu unterstützen. Diese
Organisation, bekannt als Städtepartnerschaft ist seither noch immer intakt geblieben, die Stadt
León ist mit Salzburg verbunden, Chichigalpa mit Wels. Auch in den ruhigeren Zeiten wurden
noch immer in Österreich Hilfsgüter für die Schwächsten der Bevölkerung dieser Städte
gesammelt und seit ein paar Jahren werden auch Studenten aus den beiden Ländern ausgetauscht.

Die Lieferung von Lebensmitteln per Flugzeug nach Chichigalpa, die vor allen den Obdachlosen
und der noch wenigen Überlebenden des Erdrutsches am Vulkan ”El Casita" zugute kommen
sollen, wird von den Mitarbeitern des Regionalbüros für Entwicklungszusammenarbeit in
Managua noch bis zum Wochenende aufrechterhalten. Bis dann, so nimmt man an, werden einige
der Brücken zumindest für Lastwagen passierbar sein und somit ermöglichen, mehr Hilfe auf
weniger kostbare Art und Weise zu senden.

Die Ausmaße der Katastrophe sind noch immer nicht absehbar, da die andauernden Regenfälle
Helikopterflüge in die von”Mitch" betroffenen Regionen fast verunmöglichen. Hilfsaktionen aus
aller Welt laufen langsam an, Mexiko hat am Mittwoch drei Großraumflugzeuge mit
Medikamenten und 5 Helikopter entsandt, die USA verteilt mit Großhelikoptern Lebensmittel an
die Bevölkerung, die noch immer völlig vom Verkehr abgeschnitten ist. Von allen drei
Tageszeitungen und vielen Radiostationen wird die Hilfeleistung der nicaraguanischen Regierung
als zu langsam und zu unkoordiniert kritisiert, vielleicht ein Grund dafür, daß Präsident Aleman
jetzt die offizielle Hilfeleistungen an die Bischöfe und Kirchen im Land übergeben hat.

In Nicaragua wankt und zittert nicht nur die Erde, auch das soziale System steht auf wackeligen
Beinen. Schon vor dem Unwetter lebten über 80% der Bevölkerung in tiefster Armut, in den
Städten gibt es Hunderte von Jugendlichen, die sich zu Banden zusammengeschlossen haben, da
sie weder Arbeit haben noch einem Studium nachgehen können. Hunderte von Menschen, die in
den letzten Tagen alles verloren haben, strömen jetzt - oft zu Fuß -der Hauptstadt zu, auf der
Suche nach Familienangehörigen in der Stadt oder Hilfsgütern, die in den abgelegenen Gegenden
nicht ankommen.

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