67 000 österreichische Familien sind arm

Küberl fordert nationalen Plan zur Armutsbekämpfung

Wien, 2.11.1998 (car-pd) 67 000 österreichische Familien sind arm, 152 000 Kinder leben in Armut. Caritaspräsident Franz Küberl warnt vor den Folgen der Verarmung von Familien: äViele dieser Kinder werden ihr Leben lang nur Zaungäste der Wohlstandsgesellschaft sein. Sie werden zusehen, wie eine Minderheit ein aufregendes Be-rufsleben hat und immer neue Erlebniswelten entdeckt. Ihre Eltern werden nicht einmal das Geld fürs Kino aufbringen können oder für Nachhilfestunden, wenn die berufliche Zukunft auf dem Spiel steht. Die Computerwelt wird ihnen fremd sein, weil ihre Eltern vom eigenen PC nur träumen können und kein Geld für Kurse da ist. Armut ist zu einem Wettbewerbsnachteil geworden, der Zukunft unmöglich macht.

Armut ist kein Schicksal
äEs darf einfach nicht so sein, daß Kinder scheinbar unaufhaltsam in die Armut schlittern. Denn Armut ist kein Schicksal. Sie ist die direkte Folge der ungerechten Verteilung von Lebenschancen in einer Ge-sellschaft der verschiedenen Geschwindigkeiten. Das muß aber nicht tatenlos hingenommen werden. Gegen die gesellschaftliche Wunde
der Armut kann man etwas tun, - in der persönlichen Begegnung, in der finanziellen Unterstützung und in der Veränderung politischer Strukturen."

Armut ist heilbar
Die Caritas hat ihre Inlandssammlung unter das Motto äArmut ist heilbar" gestellt. In Plakaten und Fernsehspots mit Anzeigen und Ak-tionen in den Pfarren will die Caritas in provokanter Art darauf hinwei-sen, daß sich die Armutsproblematik nicht von selbst löst. Eine Mutter mit Kind, vor dem Hintergrund eines Pflasters abgebildet, steht als Symbol dafür, daß man etwas gegen Armut tun kann. Im Fernsehspot wird eine Geschichte erzählt, die sich täglich in unserem Land wie-derholt: Eine scheinbar heile Familienwelt bricht gnadenlos unter dem Druck von Arbeitslosigkeit und Armut zusammen. Es ist keine Kata-strophe zu sehen, sondern ein unauffälliger aber kontinuierlicher Abstieg: Zuerst ist der Job weg, dann die Einrichtung, dann der Mann. Zurück bleibt die Frau mit dem Kind. Es ist ungewiß, ob sie nicht schon längst auf der Straße gelandet ist. Denn der nächste Schritt wäre die Delogierung.

Franz Küberl: äMit der Symbolik der Kampagne verweisen wir auch auf die Grenzen unserer eigenen Arbeit: Oft können wir nur äPflaster kleben". Wenn Familien zu uns kommen, haben sie schon viel durchgemacht. Die Caritas ist ihre letzte Hoffnung. Die Situationen sind so festgefahren, die Ursachen für die Armut so vielschichtig, daß die Caritas häufig nur Erste Hilfe leisten kann. Wir können die Situati-on stabilisieren und einen weiteren Abstieg verhindern. Um wirkliche Zukunftschancen zu eröffnen brauchen die Familien aber eine zweite Chancen, die ihnen die Caritas alleine nicht geben kann.

Armut braucht politische Maßnahmen
Derzeit gibt es so etwas wie eine Armutspyramide:

28 % der Gastarbeiter sind arm
25 % der Arbeitslosen sind arm
12 % der Alleinerzieherinnen sind arm
10 % der Familien mit mindestens drei Kindern sind arm
9 % der Bauern und Hilfsarbeiter sind arm
8 % der Kinder sind arm

Gerade diese Gruppen seien in den letzten Jahren von der Politk
mehr als stiefmütterlich behandelt worden und damit äHauptzielgruppen" der Caritasarbeit, betonte Küberl äDie Privatisie-rung ihrer Not ist jedoch keine Dauerlösung. Damit sie nicht langfristig von einem menschenwürdigen Leben ausgeschlossen werden, brau-
chen sie eine zweite Chance. Weil die Caritas das alleine nicht lei-sten kann, muß es hier heißen: äWeniger privat - mehr Staat."

Armut muß Chefsache werden
Küberl zeigt sich beunruhigt, daß einerseits tausende sozial schlech-ter gestellt werden, zum Beispiel wenn sie statt Arbeitslosengeld nur mehr Pensionszuschuß beziehen oder ganz aus dem Sozialsystem
fallen und andererseits junge Menschen nicht einmal in die Nähe so-zialer Absicherung geraten, weil sie noch nicht arbeiten konnten. äEs ist an der Zeit, daß Armut endlich zur Chefsache wird. Es reicht nicht aus, zur Kenntnis zu nehmen, daß es Armut gibt, wenn gleich-zeitig unkoordiniert Kostendruck auf Einzelbausteine des Sozialsy-stems ausgeübt wird . Es ist jetzt dringend nötig, daß die Regierungs-spitze eine umfassende, koordinierte Initiative zur Armutsbekämpfung startet. Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik und Existenzsicherung müssen vor allem auf jene Gruppe ausgerichtet werden, die am stärksten öffentliche Hilfe brauchen, auch wenn sich das nicht sofort in Statistiken niederschlägt."

Caritas-Inlandssammlung 1998: Hilfe für Familien in Not
PSK 7 700 004

Rückfragen & Kontakt:

01/87812-138

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | CAR/05