Presseaussednung Österreichischer Presserat

Wien (OTS) - Das Präsidium des Presserates hat sich heute mit dem "Presse"-Artikel "Der Presserat ergreift Partei Jugoslawiens........" (Die Presse vom 30.9., Seite 30) beschäftigt und stellt dazu folgendes fest:

1. Das Präsidium des Presserates ist erstaunt darüber, daß "Die Presse" über einen Zeitungsbeitrag die Zusammenarbeit mit dem Presserat aufkündigt und nicht den üblichen Weg des Schriftverkehres oder persönlichen Gespräches sucht. Bis heute ist kein derartiges Schreiben beim Presserat eingegangen.

2. Unklar ist für das Präsidium des Presserates, was "Die Presse" mit der Feststellung meint, sie werde ihre Kooperation mit dem Presserat sistieren. Sollte damit gemeint sein, daß "Die Presse" ihre abgegebene Verpflichtungserklärung zur Einhaltung der Grundsätze der Österreichischen Presse (Ehrenkodex) widerruft, wäre das äußerst bedauerlich. Damit würde sich "Die Presse" auf die selbe Stufe begeben wie jene wenigen Zeitungen, die sich bisher zu einem uneingeschränkten Bekenntnis zum Ehrenkodex nicht durchringen konnten. Hingegen haben inzwischen mehr als hundert österreichische Medien eine unmißverständliche Verpflichtung zur Einhaltung der Grundsätze abgegeben.

3. Unzufriedenheit mit einem Spruch sollte nicht zu Überreaktionen führen. Kritik an einer Entscheidung ist selbstverständlich legitim.

4. Zur Klarstellung der "Presse"-Replik auf den Presserats-Spruch hält das Präsidium fest: Inkriminiert wurde lediglich der Umgang mit einem konkreten Fehler in der Berichterstattung. Insbesondere der Vorwurf, daß mehr als 400 Kinder in Massengräbern in Oharovac gefunden worden seien, hat keine Bestäftigung erfahren und hätte daher in der Folge korrigiert werden müssen. Darum ging es und um nichts anderes. Langatmige Ausführungen und allenfalls zynische Diskussionen ab welcher Größenordnung nun der Begriff Massengrab zutreffend ist, erübrigen sich damit.

Auf dieser Ebene wurde auch im Presserat nicht diskutiert. Es ging um die Richtigkeit behaupteter Fakten, wie etwa, ob mehr als 400 Kinder in Massengräbern in Oharovac gefunden worden sind.

Ausdrücklich hieß es daher im Spruch, daß nicht die Jugoslawien-Berichterstattung der "Presse" insgesamt, sondern der Umgang mit einem konkreten Fehler relevant gewesen sei. Dazu, einen solchen zuzugeben, hat sich "Die Presse" bisher nicht durchringen können. Eine Anhörung des Korrespondenten Rathwallner war nicht erforderlich, der Presserat hatte ihm nichts vorzuwerfen, da in seinem Bericht die notwendige Differenzierung zwischen Fakten und Verdachtsmomenten ausreichend gegeben war. Daß die geladenen Vertreter der Presse nicht zur Sitzung des Senates erschienen, ist bedauerlich.

5. Gleichzeitig mit dem Spruch gegen "Die Presse" hat sich der Presserat in einer Erklärung (gerichtet an den Botschafter Jugoslawiens in Wien; verbreitet über die APA) auch gegen die Einschränkung der Pressefreiheit und Behinderungen bei Untersuchungen von Kriegsverbrechen gewandt. Der Titel "Presserat ergreift Partei Jugoslawiens......" in der Presse vom 30. September wird daher dem Sachverhalt nicht gerecht.

6. Das Präsidium des Presserates stellt abschließend fest, daß die von der "Presse"-Redaktion kritisierte Entscheidung im Senat II einstimmig erfolgte. Das Präsidium hält diesen Beschluß für inhaltlich und formal richtig.

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Vorsitzender
Auch im Namen der Präsidiumsmitglieder
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Tel.: 0732/7616-300

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