Internationaler Anästhesiekongreß in Wien (2)

Erstmalig in Österreich: Computer-Simulationsprogramm

Im Rahmen des "3rd Vienna International Congress 1998" wird auch eine für Österreich besonders innovative Einrichtung erstmals vorgestellt: das "1. Österreichische Computer-Simulationszentrum für Anästhesie und Intensivmedizin". Dieses Simulationszentrum ist Lehr-und Behandlungsgerät in einem: Einerseits wird damit die Qualität der Ausbildung laufend kontrolliert, andererseits hilft das Computersystem dem behandelnden Intensivmediziner, noch rascher als schon bisher die notwendigen und meist auch lebensrettenden Schritte am Patienten zu setzen.

Vergleichbar ist das Computer-Simulationszentrum am ehesten mit einem Flugsimulator. Wie in der Flugsicherheit werden auch im Bereich der Intensivmedizin an menschlichen Puppen, sogenannten Dummies, alle möglichen Komplikationen simuliert. Der übende beziehungsweise auszubildende Arzt kann so sein Wissen überprüfen beziehungsweise sich Fertigkeiten aneignen. Er kann erkennen, in welchen Bereichen er möglicherweise im Ernstfall nicht die richtige Entscheidung getroffen hätte und dementsprechend sein Wissen und seine Erfahrungen aktualisieren. Das Dummy ist technisch so hochentwickelt, daß praktisch alle möglichen organischen Fehlfunktionen bei Intensivpatienten simuliert werden können.

Einer der ersten, der sich im AKH mit diesem Computersystem beschäftigt hat, ist Univ.-Prof. Dr. Heinz Steltzer. Er sieht durch das Computer-Simulationszentrum vor allem eine entscheidende Frage für den Arzt geklärt: "Wo liege ich wirklich mit meinem Können?". Letztendlich sei das Computer-Simulationsprogramm eine permanente Wissenskontrolle auf dem Weg zum Facharzt und auch danach.

Computer bietet Therapien an - der Arzt entscheidet

Das System kann aber auch für die Praxis eingesetzt werden; es nennt sich dann "1. Österreichisches Computer-Expertensystem für Anästhesieund Intensivmedizin". Dieses Expertensystem wurde von Ärzten mit einer Unzahl von Informationen und Daten versehen. Kommt nun ein Intensivpatient, etwa nach einem schweren Unfall, auf die Station, erstellt der behandelnde Arzt die ersten Laborbefunde, gibt diese Werte in das System ein und erhält innerhalb von Sekunden eine Reihe von differentialdiagnostischen Therapievorschlägen. Das System kann - viel schneller als bislang - gewisse Diagnosen ausschließen und so den Arzt rascher in die richtige Richtung lenken.

Ein Beispiel: Ein Patient wird nach einem Unfall mit unbekannten inneren Verletzungen im Schock mit Mikrozirkulationsstörungen eingeliefert. Hier besteht jedenfalls akut die Gefahr einer Minderdurchblutung im Darm, was zu einem multiplen Organversagen führen kann. Allerdings weiß der erstbehandelnde Intensivmediziner nie, wo genau etwas passieren könnte.

Laborparameter weisen aber auf bestimmte Gefahren hin. Der Arzt gibt in das Computersystem die anthropomorphischen Daten wie Größe, Gewicht und Alter des Patienten ein und ergänzt diese Daten mit den labordiagnostischen Tests (Blutbild, immunologische Reaktionsparameter, Leber- und Nierenfunktion, Blutzucker, Laktatwerte). Der Computer ordnet die Daten und bietet einige Therapievorschläge an.

Der Computer geht sogar noch einen Schritt weiter: Er wird kommunikativ. Das heißt, daß beispielsweise der Arzt von der Maschine angewiesen wird, noch weitere bestimmte Werte zu erheben, um so gewisse Diagnose- und Therapiemöglichkeiten auszuschließen beziehungsweise in die engere Wahl zu nehmen. Auch hier gilt der Vergleich mit der Luftschiffahrt. Steltzer: "Das Expertensystem ist ähnlich der Checkliste eines Piloten. Mit Hilfe der Checkliste kann der Pilot bei Störfällen sorgsam die nächsten Schritte planen. Nun gibt es so etwas in der Medizin auch."

Also übernimmt die Maschine die Behandlung? Steltzer widerspricht sofort: "Wie dem Piloten, so ist auch der Arzt letzte und unverzichtbare Instanz des Denkens und Handelns." Letztlich entscheide noch immer der Arzt und nicht der Computer, in welche Richtung die weitere Behandlung gehe. Das "1. Österreichische Computer-Expertensystem für Anästhesie und Intensivmedizin" sei eine zusätzliche Hilfe für den Intensivmediziner, könne jedoch dessen Fähigkeiten und Wissen keineswegs ersetzen, relativiert Steltzer.

Erste Untersuchungen haben ergeben, daß die Trefferquote des Systems bei 95 Prozent liege. Auch der Zeitfaktor spricht für das System. Steltzer: "Während durchschnittlich 30 bis 60 Minuten bei einem herkömmlichen Akutlabor vergehen, bis der Arzt entsprechende Behandlungsschritte umsetzen kann, können beim Computersystem die Werte innerhalb weniger Minuten eingegeben werden, und innerhalb weniger Sekunden erhält der Arzt bereits differentialdiagnostische und therapeutische Interventionsvorschläge."

Und noch einen Vorteil hat das Computersystem: Bedient sich der Intensivmediziner von Anfang an dieses Systems, so wird automatisch alles dokumentiert. Steltzer: "Das ist dann von Bedeutung, wenn im nachhinein beispielsweise von Kollegen oder auch vom Patienten Vorwürfe erhoben werden, man hätte selbst nicht alles getan oder falsch reagiert."

Aber nicht nur die Intensivmedizin bedient sich eines solchen Expertensystems. Am Wiener AKH wird seit kurzem ein ähnliches Computer-Expertensystem für die Schmerzdiagnostik und -therapieentwickelt. Auch hier soll das Programm dem Schmerztherapeuten helfen, rasch und effizient die nötigen therapeutischen Schritte zu setzen. (Forts.)

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