Internationaler Anästhesiekongreß in Wien (1)

"Mehr als nur Narkosearzt"

Wien (OTS) - "In den letzten Jahren hat sich die Rolle des Anästhesisten während der Operation immer stärker vom bloßen "Chirurgiegehilfen" weg - und in Richtung kurative Medizin bewegt. Die Anästhesie ist mittlerweile eine echte perioperative Disziplin geworden." Das betonte der stellvertretende Leiter der Abteilung für Anästhesie und allgemeine Intensivmedizin der Universität Wien sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anaesthesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI),Univ.-Prof. Dr. Alfons Hammerle, anläßlich des "3rd Vienna International Congress1998" vom 29. September bis 2. Oktober 1998 im Austria Center Vienna.

Hammerle kritisierte, daß der Anästhesist trotz des sich massiv ausbreitenden Tätigkeitsbereichs noch immer in der Öffentlichkeit als bloßer Narkotiseur ("Betäuber") angesehen wird. Es sei schwer, von diesem Image wegzukommen, sagte Hammerle. Hier hätten auch die medizinischen Kollegen Schuld, die selber allzu oft die umfassenden Aufgabenbereiche des Anästhesisten vergessen: Intensivmediziner, Schmerztherapeut, Rehabilitationsmediziner, Manager der gesamten perioperativen Behandlungsperiode, Notfallmediziner.

"Anesthesiology & Perioperative Care" lautet daher auch das Hauptthema des diesjährigen Kongresses, an dem in den kommenden Tagen mehr als 2500 Experten teilnehmen werden. Hammerle: "Wir haben dieses Thema deshalb gerade jetzt gewählt, weil wir Anästhesisten endlich Kompetenzen in der perioperativen Medizin einfordern." Hammerle nennt hier als Beispiel den Bereich der Tageskliniken, in dem immer weniger internistische Freigaben erfolgten und immer mehr der Anästhesist die gesamte medizinische Betreuung übernehme.

Entsprechende Kompetenz leitet Hammerle auch aus der Tatsache ab, daß in Österreich die Anästhesie das einzige Fach sei, daß die Intensivmedizin in die Ausbildung integriert habe. Allerdings räumt Hammerle auch ein, daß "die Anästhesie einer der unbedanktesten Jobs" sei. Vom Patienten gebe es einen Dank an die Chirurgen, einen Dank an das Pflegepersonal, aber sehr selten bis nie einen Dank an die Anästhesiologen.

Ein besonderes Problem sieht Hammerle derzeit in der Patientenaufklärung vor einer Operation. Laut dem ÖGARI-Präsidenten klärten Operateure heutzutage immer weniger in den Spitälern auf, und wenn, dann oft nur durch Formulare. "Die Patienten rennen dann verzweifelt zum Anästhesisten, um von ihm zu erfahren, was denn bei der Operation überhaupt so alles passiere", sagte Hammerle. Letztendlich sei es der Anästhesist, der die Patienten zumindest über die anästhesiologischen Risken aufkläre. Hammerle: "Das anästhesiologische Risiko bei einer Operation ist bereits das geringste, verglichen mit den sonstigen Operationsrisken. Trotzdem haben alle vor der Narkose am meisten Angst."

Die seiner Meinung nach ungerechtfertigt geringe Stellung der Anästhesisten innerhalb der Medizin will Hammerle auch durch Ungleichheiten bei den Gehältern belegt wissen: "Anästhesiologen bekommen in Österreich durchschnittlich ein Drittel des Honorars der Chirurgen". Auch darin spiegle sich die "Mißachtung der anästhesiologischen Verantwortlichkeit", so Hammerle.
(Forts.)

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