"Ich sah Zerstörung in großem Ausmaß" / STERN-Interview mit Jiri Dienstbier über die katastrophale Lage im Kosovo

Hamburg (ots) - Der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte, Jiri Dienstbier, hält einen Einsatz von Nato-Bodentruppen im Kosovo "im Extremfall für unvermeidbar, um eine Art Dayton-Abkommen zu erreichen". In einem Gespräch mit dem Hamburger Magazin STERN, das in der neuen Ausgabe am Dienstag erscheint, betonte er aber zugleich, daß er dagegen sei, die Serben an den Verhandlungstisch zu bomben:
"Bomben sind im Kosovo nutzlos. In Bosnien zum Beispiel konnte man die serbischen Stellungen um Sarajevo bombardieren, denn von dort aus wurde die Zivilbevölkerung beschossen. Im Kosovo gibt es keine militärischen Ziele."

Der Kosovo, so Dienstbier weiter, sei das extreme Beispiel dafür, in welchem Zustand sich das ehemalige Jugoslawien befinde. "Es geht ja nicht nur um Menschenrechtsverletzungen, sondern um zwei sich ausschließende politische Konzepte: Die eine Seite will den Zusammenhalt, die andere Unabhängigkeit um jeden Preis." Wie sehr darunter vor allem die Zivilbevölkerung leidet, habe er bei seiner zehntägigen Erkundungsreise durch den Kosovo bemerkt. "Ich sah Zerstörung in großem Ausmaß. Verantwortlich dafür sind vor allem serbische Truppen."

Nach UN-Schätzungen sind laut Dienstbier allein etwa 15 000 Menschen aus dem Kosovo nach Montenegro geflohen, 40 000 nach Albanien. Zehntausende harrten in den Wäldern aus. Der UN-Sonderberichterstatter befürchtet, daß sich die Lage im bevorstehenden Winter noch verschlimmert. "Schon jetzt wird es kalt in den Bergen. Darum ist es so wichtig, daß möglichst alle zu ihren Häusern zurückkönnen", sagte Dienstbier dem STERN.

Die vom Weltsicherheitsrat verabschiedete Resolution sowie Sanktionen und das Flugverbot können nach Meinung des UN-Berichterstatters den Druck auf Serbiens Präsident Milosevic nicht verstärken. "Das nützt gar nichts. Es stellt nur die Schwäche der internationalen Gemeinschaft bloß und hilft den Nationalisten in Belgrad.". Dienstbier zum STERN: "Wir sollten die Serben nicht völlig isolieren. Denn je mehr Kontakte es gibt, umso besser für die Entwicklung der Demokratie."

Diese Vorabmeldung ist mit Quellenangabe STERN zur Veröffentlichung frei.

ots Originaltext: STERN
Im Internet recherchierbar: http://www.newsaktuell.de

Bei Rückfragen steht STERN-Redakteurin Katja Gloger, Telefon 040-3703-3595, zur Verfügung.

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | EUN/OTS