"Christliche Soziallehre keineswegs unmodern"

Wirtschaftspolitische Blätter; Heft 5/98: Die christliche Soziallehre und ihre Bedeutung für die Wirtschaftspolitik

Wien (PWK) - In der aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion scheint die Christliche Soziallehre (in der Folge: CSL) keinen allzu großen Stellenwert zu besitzen, möglicherweise weil ihre Thesen und Argumente kaum je in mathematisch-formaler Sprache vorgebracht wurden und werden. Dazu kommt, dass die wirtschafts- und sozialpolitischen Äußerungen mancher ihrer Exponenten in deutlichem Gegensatz zu einem unternehmerisch orientierten Marktwirtschaftssystem zu stehen scheinen, wenngleich es durchaus auch Vertreter der CSL gibt, die mit Hinweis auf die Soziale Marktwirtschaft die Vereinbarkeit von CSL und Marktwirtschaft betonen. Es ist daher nicht zu verwundern, dass die CSL derzeit eher in der Soziologie und der Politikwissenschaft diskutiert wird als im Bereich der Mainstream-Ökonomie. ****

Gleichzeitig gewinnen jedoch zentrale Elemente der CSL wie etwa Ethik, Solidarität und Subsidiarität ständig an gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Bedeutung. Die Subsidiarität spielt spätestens seit Maastricht eine wesentliche Rolle in der institutionellen Neuordnung der EU. Gerade in den letzten Monaten befaßten sich immer mehr Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt mit Fragen der Ethik im Wirtschaftsleben sowohl auf einzel- als auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Die Solidarität ist einer der wichtigsten Begriffe in der Lehre des Kommunitarismus bzw. der civil society, die aus den USA kommend in Europa viele Anhänger oder zumindest Sympathisanten innerhalb und außerhalb der unterschiedlichsten politischen Lager gefunden hat.

Es war daher angesichts dieser divergierenden Entwicklung naheliegend, in den Wirtschaftspolitischen Blättern die Frage zu diskutieren, ob bzw. in welchem Ausmaß Grundaussagen der CSL Bedeutung für die Wirtschaftspolitik an der Wende zum 21. Jahrhundert haben können bzw. sollten. In dem soeben erschienenen Heft 5/1998 gehen zahlreiche Autoren und Autorinnen aus Österreich, Deutschland, Italien und Australien dieser Frage nach. Dabei zeigt sich, dass die CSL durchaus auch bei der Bewältigung wirtschaftspolitischer Probleme helfen kann. Sie ist keineswegs so unmodern, wie gemeinhin angenommen wird, wobei man sich aber stets in der wirtschaftlichen Realität bewegen muss und die CSL nicht fundamentalistisch mißbrauchen darf.

Die mehr theologisch orientierten Autoren (wie etwa Herms oder Hengsbach) stellen die Berücksichtigung ethischer Fragen in der Wirtschaft in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, während Smekal und Stadler den Einfluss der CSL auf die Ordnungspolitik durchleuchten. Schulmeister weist nach, dass die CSL durchaus auch zu einem effizienten Wirtschaften führen kann, was Werner Teufelsbauer veranlasst, ihrer Wiederbelebung (nach Anpassung an die neue ökonomische Sprache) das Wort zu reden. Wirtschaftsminister Farnleitner - selbst seit vielen Jahren durch die CSL geprägt - sieht in der realen österreichischen Wirtschaftspolitik zahlreiche Prinzipien der CSL verwirklicht, glaubt aber, dass eine noch stärkere Umsetzung möglich wäre, würden sich kirchliche Stellen stärker mit Sachfragen als Lamentos befassen.

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