Zur Zeit-Chefredakteur Andreas Mölzer - Offener Brief an die Israelitische Kultusgemeinde

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Muzikant!

In Reaktion auf Ihren offenen Brief an die Redaktion "Die Presse" vom 4. Sept. 1998 möchte ich Ihnen mitteilen, daß aus keiner von mir in Büchern, Buchbeiträgen und Zeitungsartikel jemals geschriebenen Zeile, geschweige denn aus dem von Ihnen angesprochenen Beitrag in der "Presse" jemals die von Ihnen behauptete "Schuldhaftigkeit der Holocaustopfer an ihrem eigenen Schicksal" behauptet wurde oder gefolgert werden könnte. ****

Mir ging es in dem gegenständlichen Beitrag keineswegs um die Aufrechnung der Opfer des Bombenkrieges gegenüber den Opfern der NS-Rassenpolitik - kein einziges Wort und keine einzige Zeile ließe darauf schließen -, sondern um das Aufzeigen der Fragwürdigkeit des US-amerikanischen Rechtsinstituts der Sammelklage.

Darüber hinaus aber bin ich der Meinung, daß jedes menschliche Opfer von Unrecht, Willkür, Krieg, Rassen- oder Klassenhaß gleich welcher Hautfarbe, gleich welcher Religions- oder Nationszugehörigkeit gleichermaßen zu bedauern ist. Die Opfer des gegenwärtigen Völkermordes im Kongo, die Opfer des Steinzeitkommunismus a la Pol Pot in Kambodscha, die Opfer des NS-Rassenwahns, aber auch die Opfer der Vertreibung der Sudentendeutschen und natürlich auch die Bombenopfer der Kriege, sei es in Coventry oder in Dresden erfüllen mich gleichermaßen mit Entsetzen und Trauer. Solchen Untaten für die Gegenwart und Zukunft zu wehren und sie für die Vergangenheit nach den Postulaten humanitärer Moral und historischer Wahrhaftigkeit aufzuarbeiten, ist für mich unabdingbar.

In diesem Zusammenhang darf ich Sie, Herr Doktor, oder andere Persönlichkeiten Ihrer Gemeinschaft zu einem offenen und vorbehaltlosen, von Toleranz getragenen Dialog einladen. Das von mir redigierte konservative Wochenblatt "Zur Zeit" steht Ihnen diesbezüglich vorbehaltlos als Plattform zur Verfügung. In unserer Nummer vom 21. August d.J. haben wir in unserem Beitrag über die jüdische Kultusgemeinde und in dem Interview mit dem Direktor der Kultusgemeinde, Herrn Hodik, bereits gezeigt, daß es uns um ehrliche und positive Diskussion geht.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Mölzer

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