Jeden Tag sterben Kinder

Bericht aus dem Kosovo von Marion Feik, Caritas Wien

Wien, 8.9.1998 (car-pd). Marion Feik, Kosovo-Verantwortliche der Caritas Wien ist sichtlich von ihren Erlebnissen im Kosovo ge-schockt. "Im Kosovo herrschen Chaos und Not. Hunderttausende
sind auf der Flucht. Frauen und Kinder müssen wochenlang auf dem nackten Wiesenboden ausharren. Viele werden krank. Die Kleinsten beginnen als erste, unter ständigem Durchfall zu leiden. Und jeden Tag sterben Kinder."

Was sie besonders wütend macht, ist die scheinbare Gleichgültig-keit, mit der die Politiker in Ost und West mit dem Leid und der Ver-zweiflung der Zivilbevölkerung umgehen. "Das ist blanker Zynismus. Frauen und Kinder werden wie Schachfiguren im Machtspiel hin und
her geschoben."

Marion Feik erzählt die Geschichte von zwei Kindern: Aliu, der Bub ist sechs Jahre alt, Elire, seine Schwester, zehn Jahre. Sie wohnten mit ihren Eltern und zwei kleinen Geschwistern in einem kleinen Dorf bei Drenica. In einer heißen Sommernacht Anfang August wurde ihr Elternhaus mit Granaten beschossen. Nach einigen Stunden kam
die "Sonderpolizei" mit großen LKWs und nahm alles Verwertbare
aus dem Haus der Lehrerfamilie mit. Als nichts mehr da war, was
man zu Geld machen könnte, versprühten sie ein Spezialgas, das alles in Brand steckte. Innerhalb von kürzester Zeit standen vom Haus nur mehr die Außenwände. "Nicht einmal das Dach war noch
da", bestätigte ein Nachbar der Kleinen. "Es sah aus, als hätte eine riesige Bombe in das Haus eingeschlagen."

Glücklicherweise gelang der Familie die Flucht und sie fand Unter-schlupf bei Verwandten im Nachbardorf. Nach wenigen Tagen ge-
schah auch dort das Unfaßbare: Das Haus des Onkels wurde eben-
so zur Beute der Sonderpolizei wie das Elternhaus. Wie durch ein Wunder konnte sich die Familie auch diesmal retten. Mit den klein-sten Geschwistern auf dem Arm und den größeren an der Hand marschierten die Eltern eine Woche lang durch das Kriegsgebiet, bis sie sich nach Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo durchgeschlagen hatten.

Das Tragische an der Flucht: Bis die Familie in Prishtina ankam war das jüngste Kind, ein einjähriges Baby, durch die Strapazen so ge-schwächt, daß es an den Folgen eines schweren Durchfalls starb.

Durch die Vermittlung der Mutter Teresa Vereinigung bewohnt die Familie gemeinsam mit sechs anderen Flüchtlingen ein Zimmer in Prishtina und ist vorläufig in Sicherheit. Die Mutter Teresa Vereini-gung, die einzige anerkannte private Hilfsorganisation im Kosovo, kann nicht zuletzt durch die Unterstützung aus Wien für die leidge-prüften Geschwister sorgen.

Marion Feik, die seit 1990 intensiv mit der Mutter Teresa Vereini-gung zusammenarbeitet und mehrere Hilfsprojekte aufgebaut hat, ist über die Entwicklung der letzten Monate zutiefst bestürzt: "In den 25 Jahren, die ich bei der Caritas tätig bin, habe ich noch nie etwas so Schreckliches gesehen. Umso bewundernswerter ist der Einsatz der ehrenamtlichen Helfer der Mutter Teresa Vereinigung. Rund um die
Uhr sind sie unterwegs, um Leben zu retten. Oft sind sie stunden-lang zu Fuß, mit dem Auto oder zu Pferd unterwegs, um die Flücht-linge, die auf der nackten Erde kampieren, mit dem wenigen, das sie haben, zu versorgen. Der Druck auf die Helfer ist jedoch fast un-menschlich, berichtet Marion Feik. "Was würden sie tun, wenn sie auf hundert hungrige Kinder treffen und Sie haben nur für fünf von ihnen Brot?" Von den Einsätzen kommen die Helfer weinend zurück.

Der Leiter der Mutter Teresa Vereinigung, Jak Mita, hat Marion Feik gebeten, in Österreich vom Elend der Vertriebenen zu erzählen. "Denn wir sind auf Ihr Mitgefühl und auf Ihre Hilfe angewiesen. Hel-fen Sie uns zu verhindern, daß im Winter tausende an Hunger und Kälte sterben müssen."

Kontonummer: PSK 7.700.004, Kennwort: Kosovo

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