Israelitische Kultusgemeinde - Offener Brief an die Redaktion "Die Presse"

Wien (OTS) - Sehr geehrte Herren,

Frieden gibt es nicht ohne Gerechtigkeit, Gerechtigkeit nicht ohne Wahrheit.

Vor einigen Monaten hat die Israelitische Kultusgemeinde die Schaffung einer unabhängigen Historikerkommission angeregt, welche die historische Wahrheit über die im Zeitraum 1938 - 45 erfolgten Vermögensentwendungen und Arisierungen sowie die sogenannten "Rückstellungen" (1945 - 58) nach dem Kriege erforschen sollte.

In diesem Zusammenhang ist es uns unverständlich wie eine Zeitung Ihres Formats, mit Anspruch auf christlich-bürgerliche Wertvorstellungen mit dem kommentarlosen Abdruck von Beiträgen rechtsnationalen Inhalts zur Plattform revisionistischen und völkischen Gedankenguts zu verkommen droht.

Die Gleichstellung der zielstrebigen, vorsätzlich geplanten Erniedrigung, Entrechtung, Enteignung, Vertreibung und Vergasung wehrloser Männer, Frauen und Kinder, durchgeführt nicht von abstrakten Nazis aus Berlin und Hamburg, sondern in vielen Fällen auch von "österreichischen Mitbürgern", Nachbarn oder Konkurrenten, mit Opfern eines noch so grausamen Krieges, spottet nicht nur jeden gängigen Geschichtsverständnisses, sondern ist nur mit bewußter Geschichtsfälschung mit dem Ziel der Verhetzung nachzuvollziehen.

Es ist daher auch sicherlich überflüssig, darauf hinzuweisen, daß jene Opfer die Österreich zum Unterschied zu anderen Täternationen nie für effektiv entwendetes Vermögen entschädigt hat, weder jemals eine Kriegserklärung abgegeben haben, noch in irgendeiner anderen Form Angriffskriege vom Zaun gebrochen haben. Gerade aber solch eine vermeintliche Schuldhaftigkeit der Holocaust Opfer an ihrem eigenen Schicksal ist notwendigerweise die pervertierte Schlußfolgerung aus dem von Ihnen verbreiteten Machwerk des Herrn Mölzer und sollte als solche eher in der Nationalzeitung zu finden sein als in Ihrem Blatt.

Generell fällt uns in Ihrer Berichterstattung zum Thema Restitution auf, daß Sie der Meinungsmache a la Mölzer häufig den Vorzug über historisch richtige Recherche geben. Insbesondere wo Sie auf das angeblich schon so viel von Österreich in dieser Hinsicht Geleistete verweisen, ohne darauf einzugehen wie mangelhaft die damaligen Rückstellungsgesetze in ihrer Konzeption, ihrer Fristensetzung und in ihrer Durchführung waren.

Von einem Blatt Ihres Anspruches und Ihrer Geschichte wäre wohl etwas mehr geschichtliche Akkuratesse und vor allem mehr moralisches Feingefühl zu erwarten gewesen.

Mit besten Grüßen
Das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
und des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs

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Israelitische Kultusgemeinde
Frau Erika Jakubovits
Tel.: 01-531 04/70

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