Stummvoll: "EU-Osterweiterung langfristig strategisches Muß"

Reformstaaten werden als Handelspartner Österreichs immer wichtiger

PWK - Österreich hat von der bisherigen Integration der mittel-und osteuropäischen Reformstaaten besonders profitiert und ist heute mit diesem Wirtschaftsraum besonders verflochten - daher aber auch besonders verwundbar, so der gemeinsame Tenor der Teilnehmer an der heutigen Diskussion zum Thema Österreichs wirtschaftliche Verflechtung mit den mittel- und osteuropäischen Reformstaaten im Rahmen der heurigen Alpbacher Wirtschaftsgespräche. ****

Die wirtschaftliche Verflechtung läßt sich anhand der Zahlen eindrucksvoll belegen, führt Wolfgang Duchatczek von der Österreichischen Nationalbank aus: Die Reformstaaten wurden mittlerweile zu Österreichs wichtigstem Handelspartner; Österreich kann auf ein Aktivum von 40 Mrd. Schilling verweisen, die Direktinvestitionen belaufen sich auf 50 Mrd Schilling - das sind 30 Prozent aller österreichischen Direktinvestitionen.

"Diese Zahlen belegen die Dynamik der Entwicklung dieses Wirtschaftsraumes", konstatiert auch Günter Stummvoll, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich, der gleichzeitig drei Megatrends ortet: "Die politische Neugestaltung Europas ist dynamisch wie nie; das investive Kapital ist so mobil wie nie; der technische Fortschritt ist rasant wie nie. Das oft-zitierte "global village" wird damit zur Realität - und die ehemaligen Oststaaten werden daran teilhaben", ist der Generalsekretär überzeugt.

Als Beispiele verweist Stummvoll auf einige Daten zur wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Österreich und den osteuropäischen Reformstaaten: So habe sich der Handelsbilanzüberschuß innerhalb von neun Jahren verfünffacht und mit ca. 15.000 Joint Ventures in den benachbarten Reformstaaten habe Österreich einen "Marktanteil" von sechs Prozent erorbert. Auch die Wirtschaftskammer Österreich selbst ist am neuen Markt aktiv: Die Wirtschaftsförderungsinstitute (Wifis) der Wirtschaftskammer haben in über 2.000 Weiterbidlungsveranstaltungen bisher bereits über 42.000 Teilnehmer geschult. "Dabei rechnen wir damit, daß sich ein Schilling Investition ins Humankapital mit sieben bis 15 Schilling Exportsteigerung niederschlägt", begründet Stummvoll das Engagement der Wirtschaft.

Bei all diesen Positivmeldungen will der Kammergeneral aber auch die potentiellen Gefahren bzw. Ängste nicht verschweigen: Die Sorge um den Arbeitsplatz oder vor einem unfairen Wettbewerb müßten ernst genommen werden. "Auch wenn Auslagerungen manchmal dazu notwendig sind, um den Wirtschaftsstandort Österreich langfristig abzusichern", gibt Stummvoll zu bedenken. Als größte Probleme sieht Stummvoll das Pendlerwesen sowie das Arbeiten über die Grenze im Dienstleistungssektor.

Dies werde auch durch eine bisher unveröffentlichte Studie der WU im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich belegt: Nach ihrer Befindlichkeit im Bezug auf eine Osterweiterung befragt wurden etwa 700 Betriebe in Grenzregionen in fünf Bundesländern. Dabei zeigten sich 25 Prozent einem solchen Schritt gegenüber positiv, 25 Prozent negativ eingestellt; 50 Prozent sind neutral. Allerdings sehen 75 Prozent der befragten Betriebe eher mehr Nachteile als Vorteile aus einer Osterweiterung resultieren. Dabei lassen sich erhebliche Unterschiede nach Regionen, Branchen und Betriebsgrößen erkennen. Ist Niederösterreich das am negativsten eingestellte Bundesland, zeigen sich die Kärntner und Steirer optimistisch. Die größten Vorbehalte existieren in der Baubranche, während sich der Tourismus optimistisch gibt. Und wenig überraschend: große Betriebe erkennen eher Vorteile als kleine.

Stummvoll schließt daraus, daß es in nächster Zeit nicht nur darum gehen wird, die Beitrittsverhandlungen inhaltlich weiter zu bringen, sondern sieht die Bundesregierung wie auch die Wirtschaftskammer Österreich vor allem auch vor eine riesige kommunikative Herausforderung gestellt, um vorhandene Informationslücken zu schließen. "Die Wirtschaftskammer Österreich wird sich dieser Aufgabe stellen. Nun ist auch die Bundesregierung aufgefordert, eine ernsthafte Informationsoffensive zu starten. Denn die Osterweiterung ist ein langfristig strategisches Muß; und das nicht nur aus politischen, sondern auch aus guten ökonomischen Gründen. Diese historische Chance darf daher nicht verspielt werden", schließt Kammergeneral Stummvoll.

Bestätigt wird diese Sicht auch von Hugo Michael Sekyra, Manager in der Chemischen Industrie in Tschechien.
(Schluß) RH

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