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Wien (OTS) - Aus aktuellem Anlaß übermitteln wir Ihnen folgende Stellungnahme des Wissenschaftlerkreis "Grüne Gentechnik" , verfaßt vom Koordinator,Herrn Prof. Dr. Klaus - D. Jany zu den Pressemeldungen hinsichtlich der Fütterungsversuche mit gentechnisch veränderten Erdäpfeln an Ratten am Rowlett Research Institute in Bucksburn, Aberdeen (UK).

Die Studie: Beobachtungen am Rowett Research Institute in Bucksburn, Aberdeen (UK)von negativen Auswirkungen auf Wachstum und Immunsystem von Ratten nach Fütterung mit gentechnisch veränderten Kartoffeln.

Prof. Arpad Pusztai hat mit einer bilanzierten Diät fünf (5) Ratten!! für 110 Tage mit gentechnisch modifizierten Kartoffeln gefüttert. In der Untersuchung wurde festgestellt, daß die Tiere in ihrem Wachstum retardierten und eine Schädigung des Immunsystems aufwiesen. Die Kartoffeln erhielten zwei neue Gene, eines aus Schneeglöckchen und eines aus einer tropischen Bohnenart (jack bean). Beide Gene codieren für Lectine, wahrscheinlich des Concanaval in A-Typs (Con A). Lectine weisen in hohen Konzentrationen eine insektizide Wirkung auf. Sie sollen den untersuchten Kartoffeln Insektenresistenz vermitteln. Obwohl noch keine genaueren Einzelheiten zu dem Versuch veröffentlicht bzw. bekannt gegeben worden sind, so scheint es, daß die Lectine aus den transgenen Kartoffeln isoliert oder angereichert wurden und in hoher Dosis mit der Diät verfüttert worden sind.

Lectine kommen in sehr vielen Organismen vor, reich sind insbesondere Hülsenfrüchte. Die Gehalte variieren stark und bewegen sich zwischen 10 - 400 mg / kg. Mit diesen Konzentrationen wird jedoch keine in sektizide Wirkung erzielt.

Lectine sind eine definierte, aber dennoch, eine sehr heterogene Gruppe von Glykoproteinen mit sehr variablen Zuckergruppen. Sie binden sehr spezifisch an Kohlehydratgruppen bzw. Zuckern an den Zelloberflächen und lösen vielfältige physiologische Reaktionen aus. Die einzelnen Lectingruppen müssen unterschiedlich bewerten werden.

Von einigen pflanzlichen Lectinen ist seit langem bekannt, daß sie antinutritive Wirkungen aufweisen, zu Verdauungsstörungen führen und einen Einfluß auf das Immunsystem haben. Eine gute Übersicht liefern Pusztai, A. und Bardocz, S. "Biological Effects of Plant Lectins on the Gastrointestinal Tract: Metabolic Consequences ans Applications " in Trends Glycosci. Glycotechnol. 8, 149-165 (1996).

Bekannt ist, daß viele pflanzliche Lectine, aber insbesondere die des Con-A-Typs, im Magen-Darm-Trakt proteolytisch nicht abgebaut werden und fest an Darmzellen binden. Die Bindung dieser toxischen Lectine kann zum Absterben der Zellen führen, was wiederum eine verstärkte Zellregeneration bedingt. Auch kann eine Verkürzung oder Abschieferung der Mikrovilli erfolgen, was die Aufnahme von Nahrungsmittelinhaltsstoffen stark beeinträchtigt. Beides zusammen führt zu den entsprechenden negativen Auswirkungen auf das Wachstum.

Lectine des Con-A-typs sind als starke Mutagene bekannt, die in Nagern die Produktion von B-Lymphocyren stimulieren. Somit ist der negative Effekt auf den Immunstatus nach der langen Fütterunsperiode mit einer hohen Dosis an den Lectinen nicht verwunderlich.

Resultate: 1.

Die Ergebnisse von Pusztai sind nicht überraschend oder völlig unerwartet. Sie entsprechen unseren Kenntnissen über die physiologischen und toxikologischen Eigenschaften von Lectinen. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen!

2. Die von Pusztai verwendeten Kartoffeln sind weder im Verkehr, noch stehen sie kurz vor einer Zulassung. Es sind Kartoffeln aus einem frühen Experimentierstadium bei denen die Wirkungen der transferierten Lectine auf den Säugerorganismus untersucht worden sind. Solche frühen Untersuchungen zur gesundheitlichen Bewertung der eingeführten Gene bzw. Genprodukte sind nicht ungewöhnlich. Einerseits vermeiden sie finanzielle "Flops" für die Firmen noch im einem frühen Stadium. Andererseits diesen sie der Sicherheit von Verbrauchern; mögliche risikobehaftete Produkte werden nicht bis zur Marktreife entwickelt.

3. Die Versuche zeigen, daß unsere Sicherheitsforschung einem hohen Stand erreicht hat und gesundheitlich bedenkliche Erzeugnisse sicher identifiziert werden können. Nach unseren gesetzlichen Regelungen (Ausführungsbestimmungen zur Novel Food Verordnung) wurden diese Kartoffeln mit den aufgezeigten toxikologischen Auswirkungen niemals eine Marktzulassung erhalten. Verbraucher sind nicht die Versuchskaninchen, die gesundheitliche Unbedenklichkeit von gentechnischmodifizierten Lebensmittel wird vorab überprüft und sicher gestellt!

Fazit:

Die Kartoffeln sind nicht auf dem Markt und sollten auch nicht in Verkehr gebracht werden. Hier wurde wieder einmal Panik gemacht und in unseriöser Weise gentechnisch modifizierte Lebensmittel generell als gefährlich dargestellt. Die Untersuchungen beweisen eigentlich genau das Gegenteil, nur unbedenkliche Produkte werden eine Marktzulassung erhalten.

11. August 1998 Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany Molekularbiologisches Zentrum der Bundesforschungsanstalt für Ernährung Tel.: 07247-822 194 Fax.: 07247-22820

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