Hintergrundinformation zur dpa Meldung von Dieter Baukloh

Hamburg (ots) - Der STERN wird 50. Dieter Baukloh (dpa) führte für dpa Information Medien Nr. 27 ein Interview mit STERN Chefredakteur Dr. Werner Funk. Der Wortlaut dieses Interviews in Ergänzung zum dpa Beitrag vom 22.07.98:

Die Hamburger Illustrierte «Stern» steht nach Ansicht ihres Chefredakteurs Dr. Werner Funk (61) heute wieder so gut da wie vor dem Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher 1983. Der «Stern» sei in seinem Segment, dem Markt der illustrierten Magazine, mit Abstand der Größte geblieben, sagte Funk in einem Interview mit den «dpa-informationen für Medien» zum 50jährigen Bestehen des Blattes am 1.August. Den 1996 gestorbenen Henri Nannen, den Gründer, langjährigen Chefredakteur, «Stern»-Herausgeber und Verlagsvorstand bei Gruner+Jahr, nannte Funk einen der herausragenden Journalisten seiner Zeit, den er uneingeschränkt bewundere. Der Chefredakteur räumte im übrigen ein, daß heute junge Menschen nicht mehr wie früher mit Sexgeschichten und nackten Frauen auf dem Titelblatt zu locken seien. Funk: «Wir versuchen nicht, diesen Teil unserer Tradition fortzusetzen, sondern machen moderne, wie ich finde, intelligente Titel, kaum noch nackte Mädchen.»

dpa: 50 Jahre «Stern» am 1. August 1998 - wenn es ihn noch gibt, haben Sie eine Ahnung, wie er aussehen könnte in zehn oder gar in 50 Jahren?

Funk: Natürlich wird's ihn noch geben. Er ist stark wie selten. Er erfreut sich großer Beliebtheit bei seinen Lesern, bei den Anzeigenkunden. Wie er in zehn Jahren aussehen wird? Wahrscheinlich wird er dann genauso à jour sein wie er heute à jour ist als das auflagen- und reichweitenstärkste Wochenmagazin in Deutschland und Europa. Aber wer kann schon präzise zehn Jahre vorausschauen? In 50 Jahren, das muß ich Ihnen zugeben, da bin ich schon längst, längst unter der Erde. Wie da dieses Land aussieht, wie die Welt aussieht, wie der «Stern» aussieht, da lasse ich mich zu keiner Voraussage hinreißen.

dpa: Seine größte Krise hatte der «Stern» 1983 wegen der gefälschten Hitler-Tagebücher. Köpfe rollten, Auflage und Ansehen sanken. An die goldenen Zeiten des Gründers, Chefredakteurs und Herausgebers Henri Nannen konnte er nie mehr anknüpfen. Hängt der Skandal dem «Stern» vielleicht heute noch an?

Funk: Das finde ich nicht: der «Stern» hat wieder an seine große Tradition anknüpft. Er hat in den 15 Jahren nach den Hitler-Tagebüchern hervorragende Ausgaben gemacht, er hat viele Scoops gelandet, er hat viele Affären aufgedeckt, er hat großartige Fotoreportagen gemacht. Zu der Tagebuch-Affäre: Sicherlich war es 1983 der GAU, der größte anzunehmende Unfall in der Zeitschriftengeschichte, das ist schon richtig. Ich war damals beim «Spiegel», kannte aber natürlich viele Kollegen vom «Stern». Natürlich war das Ganze für die Redaktion ein Schock. Denn sie hatte, wie Sie wissen, die Tagebuch-Affäre nur zum geringen Teil zu vertreten. Die Redaktion ist in den Folgejahren sicherlich noch professioneller geworden, als sie es ohnehin war. Und danach, denke ich, hat der «Stern» nicht nur seinen Platz unter den großen Medien behauptet, sondern er hat ihn souverän behauptet. Der "Stern" ist in seinem Segment, dem Markt der illustrierten Magazine, mit Abstand der Größte geblieben. Die anderen sind verschwunden, der «Stern» ist nach wie vor stark. Er hat sich im Laufe der Jahre immer mehr in Richtung eines aktuellen Wochenmagazins entwickelt. Das hat er, so finde ich, gut gemacht. Nicht umsonst ist er nach wie vor die größte und ertragreichste deutsche Zeitschrift.

dpa: Zählen Sie, der seinerzeit beim «Spiegel» in der Chefredaktion saß, zu den Bewunderern Nannens?

Funk: Ja, uneingeschränkt. Nannen hat mir freundlicherweise Ende der 70er Jahre mal ein Angebot gemacht, zum «Stern» zu kommen als stellvertretender Chefredakteur. Ich konnte diese verlockende Offerte damals nicht annehmen, weil ich gerade beim «Spiegel» einen langen Vertrag als Korrespondent in New York abgeschlossen hatte, und Rudolf Augstein mich nicht gehen ließ. Und davor und danach hatten wir dann häufiger noch Kontakte. Gewissermaßen als Kontrastprogramm zu Augstein war Nannen einer der herausragenden Journalisten seiner Zeit.

dpa: Ihr Vorgänger Rolf Schmidt-Holtz wollte, wie er 1994 sagte, den «Stern» als «Enthüllungsblatt» ausbauen. Wenige Wochen später wurden Sie Chefredakteur. Was ist daraus geworden, was haben Sie und Ihre Mannschaft seitdem enthüllt?

Funk: Ich weiß nicht, ob das richtig zitiert ist. Ich kenne dieses Zitat von Schmidt-Holtz nicht. Die Enthüllung von Affären ist sicher eine Aufgabe von Journalismus, aber ob es die primäre ist, weiß ich nicht. Der «Stern» ist ein politisches und ein unterhaltendes Magazin. Er muß jede Woche seine siebeneinhalb Millionen Leser informieren, sie zum Nachdenken bringen, sie auch unterhalten. Wenn wir dabei die eine oder andere Affäre aufgedeckt haben, dann freut mich das natürlich. Und wir haben eine Menge enthüllt.

dpa: Was will der «Stern» sein - ein Vergnügungsdampfer als bunte Illustrierte, ein auch politisch engagiertes Magazin - wie er sich gern nennt - oder beides und noch viel mehr?

Funk: Lassen Sie uns über die Prioritäten sprechen. Für mich ist der «Stern» in erster Linie ein engagiertes politisches Magazin. Deshalb ist er so stark geblieben. Er hat sich nicht wie die anderen Illustrierten der 60er Jahre auf flaches Entertainment und Bettgeschichten von mäßig begabten Stars konzentriert, sondern er hat sich als politische Zeitschrift verstanden. Daß er daneben aus seiner Geschichte, aus seinem Selbstverständnis auch unterhalten will, Leute amüsieren will,widerspricht dieser Priorität nicht.

dpa: Der «Stern» war wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein kritischer Begleiter etwa des ersten Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer (CDU) und ein Förderer der späteren Ostpolitik zu sozialliberalen Regierungszeiten Willy Brandts (SPD). Ist das Blatt immer noch so eindeutig im linksliberalen Lager einzuordnen?

Funk: Es ist ganz sicher ein liberales Blatt, ein zutiefst liberales Blatt. Linksliberal, da zögere ich. Sie müssen ja bedenken, daß die ganzen Ost-West-, die Links-Rechts-Kategorien sich in den letzten Jahren weitgehend aufgelöst haben, Journalisten sind nicht mehr als Reflektoren der Gesellschaft, in der sie leben. Insofern paßt dieses Links-Rechts-Schema nicht mehr. Guter liberaler Journalismus muß immer den jeweils Herrschenden gegenüber kritisch sein. Wenn es zum Beispiel mal ein Kabinett Schröder geben sollte, können Sie sicher sein, daß der «Stern» auch bei der Berichterstattung über dieses Kabinett genauso kritisch sein wird, wie er es die vielen Jahre bei Kanzler Kohl war. Primär ist für uns unsere Berichtspflicht, und die kann nur aus einem liberalen Grundverständnis von Journalismus kommen.

dpa: «Der Spiegel» hat ernste Konkurrenz durch «Focus» erhalten, aber der «Stern»-Verlag Gruner+Jahr ist mit dem «Tango»-Projekt gescheitert, ihnen hausintern Konkurrenz zu machen. Gibt der Markt keine Illustrierte mehr her, die dem «Stern» das Leben schwer machen könnte?

Funk: Es scheint so zu sein, es gibt ja eine Menge großer und potenter Verlage in Deutschland. Keiner hat ihnen verboten, am Donnerstag ein Blatt wie den «Stern» zu machen. Daß es dieses nicht gibt, muß einem ja zu denken geben. Es hat Überlegungen gegeben bei Bauer, bei Springer, vergleichbare Blätter zu machen. Man hat dann davon Abstand genommen. Warum? Sicherlich hat der «Stern» eine sehr starke Marktposition. Und gegen einen Marktführer anzutreten, ist nicht leicht. Vor allem ist es extrem teuer. Das ist der eine Punkt.

Der zweite: alle Zeitschriften leben nicht zuletzt von der Werbung. Und seit zehn Jahren haben sich dieWerbe-Geldströme verlagert. Sie treffen zwar immer auch noch die Zeitschriften, aber ein großer Anteil der Gelder geht ins Fernsehen. Deshalb glaube ich, daß in absehbarer Zeit keine unmittelbare Konkurrenz zum «Stern» entsteht - wie wohl mit einer Einschränkung: Natürlich sind wir mittelbar alle Konkurrenten - wir wollen die Zeit unserer Leser, wir wollen das Geld unserer Leser. Und dieser Konkurrenzkampf ist im Lauf der Jahre gewiß nicht leichter geworden.

dpa: Beim «Spiegel» funktioniert der Austausch mit «Spiegel TV» augenscheinlich gut, bei «Stern» und «Stern TV» scheint dieses redaktionelle Miteinander weniger ausgeprägt zu sein. Woran liegt's?

Funk: Das liegt an der Geschichte von «Stern-TV». Es wurde in Köln gegründet, es war nie am selben Platz wie die «Stern»-Redaktion. Herr Jauch ist ein Fernsehmann von besonderem Talent und besonderer Attraktivität, und ich finde, daß wir so im Geleitzug zwar nicht unmittelbar nebeneinander, aber doch in Sichtdistanz miteinander gut fahren.

dpa: Gibt es noch Auseinandersetzungen zwischen Verlag und Redaktion um das Redaktionsstatut, das den Redaktionsbeiräten schon lange kein Vetorecht mehr bei der Berufung von Chefredakteuren einräumt? Funk: Nein. Es gibt einen Redaktionsbeirat, den ich über wichtige Entwicklungen beizeiten informiere. Nach meinem Wissen gibt es im ganzen Haus Gruner+Jahr keine Diskussion um ein neues Redaktionsstatut.

dpa: Der «Stern» ist mit seinen ersten Lesern alt geworden. Sind heute noch junge Menschen mit Sextiteln und nackten Frauen auf dem Titelblatt zu locken?

Funk: Nein. Erstens sind wir nicht alt geworden und zweitens locken wir nicht mit Sextiteln und nackten Frauen auf dem Titelblatt. Der «Stern» hatte früher ungleich mehr nackte Mädchen auf dem Titelbild. Wir versuchen nicht, diesen Teil unserer Tradition fortzusetzen, sondern machen moderne, wie ich finde, intelligente Titel, kaum noch nackte Mädchen. Die Gesellschaft hat sich verändert und, da stimme ich Ihnen zu, junge Leute kann man mit diesen Titeln der Vergangenheit ganz gewiß nicht locken.

dpa: Wie verteilt sich die Auflage zwischen Abonnenten und Käufern am Kiosk?

Funk: Ganz grob gerechnet, Hälfte, Hälfte: Wir haben ungefähr die Hälfte im Einzelverkauf und die andere Hälfte über Abonnements und Lesezirkel - macht zusammen rund 1,15 bis 1,2 Millionen Exemplare pro Woche.

dpa: Welcher Titel hat in Ihrer Amtszeit die meiste Auflage gemacht - also am Kiosk überdurchschnittlich viele Spontankäufer gefunden - und welches war der größte Flop?

Funk: Die beiden besten waren ein Titel über Katzen - Killer auf Samtpfoten - und einer, der vor einigen Wochen erschienen ist, über Depressionen und wie man mit dem Druck, der ja oft Depressionen auslöst, umgeht. Ein großer Flop war der - leider, leider - so hübsche Titel über den Boxer Axel Schulz. Schulz hatte seinerzeit an einem Wochenende geboxt, und ist vermöbelt worden, hatte sich nicht gewehrt. Und danach wollte kein Mensch mehr den «Stern» mit diesem Titel kaufen. Wir hatten ihn zum Helden stilisiert. Doch er war einfach 'ne Flasche - halbleer: 'Ich hatte fertig'.

dpa: Spielt da eine Rolle, daß wir noch einen geteilten Markt Ost-West haben?

Funk: Ja, wir teilen leider das Schicksal aller seriösen meinungsbildenden Zeitungen in Deutschland, daß wir im Osten noch ungenügend verkaufen. Das geht dem «Spiegel» so, das geht auch den großen Tageszeitungen so. Es ist nach wie vor ein geteilter Markt. Wir haben immer wieder - und werden das auch in Zukunft tun -besondere Anstrengungen unternommen, uns den Ost-Leser geneigt zu machen. Aber es ist sehr, sehr schwer. Wenn sie eine Zeitung machen, die im Osten richtig gut gefällt, werden sie im Westen scheitern und umgekehrt.

dpa: Das Hauptziel aus kaufmännischer und verlegerischer Sicht muß sein, daß Auflage und Umsätze nicht weiter sinken. Mit welchem Konzept wollen Sie gegensteuern, um neue Leserschichten zu gewinnen und das Anzeigengeschäft zumindest zu halten?

Funk: Leser gewinnen wollen wir dadurch, daß wir gute Hefte machen und versuchen, uns den jungen Themen und den jungen Leuten zu nähern. Und das, denke ich, klappt auch. Wir sind regelmäßig im Einzelverkauf auf oder leicht über Vorjahresniveau, was man von unserem Konkurrenten aus München nicht sagen kann. Wir liegen stabil im Vertriebsmarkt. Und bei den Anzeigen haben wir glücklicherweise eine Wende geschafft. Wir haben jetzt Zuwächse von knapp 20 Prozent mehr Anzeigenvolumen.

dpa: Können Sie sich den «Stern» mit einer Auflage unter einer Million Exemplaren unter Ihrer Leitung vorstellen?

Funk: Nein, das kann ich nicht.

Dieter Baukloh (dpa-inf.27/2.7.98)

ots Originaltext: STERN
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