Israelitische Kultusgemeinde Wien: Anregung für Historikerkommission im Sinne der guten Zusammenarbeit mit der Republik Österreich

Wien (OTS) - Die Republik Österreich hat auf dem Gebiet der Entschädigung von Nazi-Opfern internationale Standards gesetzt. In Fortsetzung der vorbildlichen Zusammenarbeit zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der Republik Österreich -Mauerbach, Nationalfonds und Kommission für Kunst und öffentliche Gebäude - regt die Israelitische Kultusgemeinde an, daß die Vertreter der Republik Österreich von sich aus die Initiative ergreifen, um die gesamte Frage der Arisierung, der Vermögensverschiebungen (1938 -1945) und der Restitution (1945 -1958) durch eine mit Fachleuten besetzten Kommission überprüfen zulassen, um eine öffentliche Aufarbeitung des gesamten Themas zu ermöglichen.

Die Israelitische Kultusgemeinde und die Republik Österreich haben ein gemeinsames Interesse, die Vergangenheit aufzuarbeiten und zu verhindern, daß Auseinandersetzungen entstehen, wie sie z.B. in der Schweiz (Banken), den Versicherungen oder dem Nazigold bereits entstanden sind.

Der durch die Nationalsozialisten erfolgte systematische Entzug jüdischen Vermögens wurde in Österreich bislang nur bruchstückhaft erfaßt. Die Darstellung Österreichs als erstes Opfer Hitler-Deutschlands prägte jahrzehntelang die öffentliche Diskussion um die Restitutionsproblematik und verhinderte nachhaltig die materielle Entschädigung der jüdischen NS-Opfer.

Der Begriff der "Wiedergutmachung" an den Opfern des Nationalsozialismus wurde in Österreich durchwegs außerhalb des materiellen Bereichs definiert und beschränkte sich dementsprechend in erster Linie auf die s.g. Opferfürsorge, deren Leistungen sich lediglich nach sozialer Bedürftigkeit oder körperlicher Schädigung richtete.

Der im Jahre 1991 erstmals öffentlich einbekannten moralischen Mitverantwortung der Republik Österreich an den Verbrechen des Nationalsozialismus folgte bislang keine umfassende Aufarbeitung von der eine gerechte Entschädigung der Opfer abgeleitet hätte werden können: vor allem die Quantifizierung der entzogenen jüdischen Vermögenswerte sowie deren Schicksal nach 1945 wurden bislang nur unvollständig dokumentiert.

Als Folge dieser Umstände und um der historischen Wahrheit gerecht zu werden wäre die Republik Österreich wohl beraten, eine unabhängige Expertenkommission zu bestellen, die den systematischen Entzug jüdischen Vermögens in Österreich zwischen 1938 und 1945 dokumentiert. Sie soll einen Überblick über den Gesamtwert der entzogenen Vermögen ermöglichen sowie die Maßnahmen der II. Republik zur Rückerstattung dieser Vermögenschaften nach 1948 festhalten.

Besonderes Augenmerk sollte hierbei der s.g. "Arisierung", Beschlagnahme oder Zwangsverkauf von
Unternehmungen,
Liegenschaften,
Kapitalvermögen (Bar- u. Bankguthaben, Depotkonti,

Wertpapiere u. Versicherungen),
Safeguthaben,
s.g. "nicht monetären" Goldwerten (Juwelen, Zahngold o.ä.), beweglichem Vermögen, insbesondere Kunst- und Kulturgut,

sowie der Verlust der Lebensgrundlage durch die Auflösung von Mietverhältnissen,
Dienstverhältnissen und
Patentrechten.

Zur umfassenden Erfassung dieser wirtschaftlichen Schäden sollen allein Österreich bzw. Deutschland verfügbaren Quellen herangezogen werden, vorderrangig die Bestände des

Staatsarchiv / Archiv des Republik, insbesondere die Bestände der sogenannten Vermögensverkehrsstelle, der Sammelstellen A & B sowie des Bundesministeriums für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung;

Wiener Stadt- und Landesarchiv, insbesondere die Bestände der Magistratsabteilung 62
über die Anmeldung entzogenen Vermögens und Rückstellungsverfahren;

Archiv des Bundesdenkmalamt, bezüglich der Erfassung entzogenen Kunst- und Kulturguts; und dem

Archiv des Bundesministeriums für Finanzen.

Rückfragen & Kontakt:

Israelitische Kultusgemeinde
Tel.: (01) 53 104/0

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | IKG/OTS