Unternehmen müssen Langsamkeit lernen

ViKOM warnt vor der Zeitfalle und empfiehlt die Entwicklung neuer Rituale

Wien (ViKOM) - In knapp zwei Jahren sind wir alle Menschen aus
einem vorigen Jahrtausend. Ein sonderbares Gefühl, wenn man bedenkt, daß jede Zeitenwende ganz scharf zwischen alt und neu differenziert. So wird verständlich, warum viele Entscheidungen jetzt mit hoher Energie zurückgehalten werden, um nicht den
Stempel der Überalterung verpaßt zu bekommen. Auf der anderen Seite arbeiten wir pathologisch an der Pausenlosigkeit von
Abläufen und Prozessen.

Früher war Zeit ein Gottesgeschenk, und vor 300 bis 400 Jahren lebte die Menschheit überhaupt nach der Natur. Der Hahnenschrei
gab das Zeichen zum Aufstehen, und mit dem Einbruch der Dunkelheit zog man sich in seine vier Wände zurück. Mit Zeit zu handeln war sündhaft, was sich im Zinsverbot niederschlug. Mit dem Beginn des Protestantismus wurde dieses aufgehoben, weil sich die Fürsten aus der Verbindung von Arbeit und Gelderwerb - zu Recht - Fortschritt, Erfolg und Reichtum erwarteten. Die Entdeckung der Elektrizität machte vom Tageslicht unabhängig, und man konnte arbeiten, so
lange man wollte.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung begann der maschinelle Takt die Zeit zu bestimmen. Die Räderuhr löste die Sanduhr ab, und die Abstraktion der Zeit machte eine Zeiteinteilung möglich. Heute ist Zeit ein markttechnisches Regulativ, das mit dem Begriff Geschwindigkeit untrennbar verbunden ist. Dabei ist unsere Gesellschaft, die seit 200 Jahren kontinuierlich beschleunigt, an die Grenzen des Machbaren gestoßen. War die Übermittlung von Information die längste Zeit der Menschheitsgeschichte an die Geschwindigkeit von Lebewesen gebunden, agieren unsere Kommunikationssysteme mittlerweile mit Lichtgeschwindigkeit.

Die einzige Möglichkeit, die wir heute haben, um Zeit zu gewinnen, ist Abläufe und Prozesse zu verdichten. Dabei, so der Verband für interne Kommunikation (ViKOM), verfallen wir immer häufiger dem fatalen Irrtum der totalen Zeitbenutzung, der Pausenlosigkeit.

Schnelligkeit stößt an ihre Grenzen

Erfolg hängt aber nicht nur von der Schnelligkeit, von der Beschleunigung ab. Sie ist dort angebracht, wo sie wertschöpfend ist, aber sie kann auch eine äußerst destruktive Kraft sein. Durch Schnelligkeit wird vieles übersehen, vieles überrannt, vieles nicht gehört, nicht verstanden und schon gar nicht erfühlt. Deshalb ist es ganz wichtig, so ViKOM-Präsident Ernst Primosch, sich der Vielfalt der unterschiedlichen Zeitmuster bewußt zu
werden wie zum Beispiel der Langsamkeit, dem Warten, der Wiederholung oder der schöpferischen Pause.

Geschwindigkeit ist als ökonomische Produktivkraft weitgehend ausgereizt, wogegen die Langsamkeit noch viele unentdeckte Potentiale in sich trägt. Es hat fast den Anschein, daß unsere Gesellschaft nach Sicherheits- und Stabilisationselementen
verlangt, daher empfiehlt es sich, den produktiven Umgang mit diversen Zeitformen näher zu betrachten.

Jede Arbeit braucht ihren spezifischen Zeitaufwand, und jeder Mensch hat seinen individuellen Rhythmus. Wer rast, ist nur auf
das Ziel fixiert. Dieses ist zwar entscheidend, aber der Weg dorthin, mit allen seinen Details, ist zumindest genauso
bedeutsam. Wenn der Mensch die Zeitmuster der Natur überstrapaziert, kollabieren sie. BSE ist ein Resultat dieser Beschleunigung, weil man Rindfleisch schneller produzieren wollte. Wer sich daher Zeit läßt, hat auch den Weg - und damit potentiell kreative Umwege - vor Augen.

Warten ist mehr als ein Handlungsverzicht

Wenn man in alten Lexika blättert, findet man unter dem Begriff "Warten" durchaus positive Erklärungen wie pflegen und sich
sorgen. Erst vor hundert Jahren etwa entwickelte sich diese Negativbesetzung, obwohl Warten weitaus mehr als ein bloßer Handlungsverzicht sein kann und auf jeden Fall blindwütigem Aktionismus vorzuziehen ist. So kann bei einer Produkteinführung das Warten auf den richtigen Zeitpunkt über Erfolg und Mißerfolg der Kampagne entscheiden.

Keine Gesellschaft, keine Kommunikation kann ohne Pausen auskommen. Aber wir sind vehement bestrebt, sämtliche Lücken zu schließen und ja keine Freiräume ungenutzt zu lassen. Dabei können Pausen ein unglaubliches Kreativitätspotential darstellen, weil
sie es uns ermöglichen, zu beurteilen, was gelungen ist und was nicht. Bewußtes Pausieren als ritueller Übergang zwischen zwei Arbeitsgängen erlaubt uns, vom Alten Abschied zu nehmen und Neues wirklich zu beginnen. Sonst kann es passieren, daß wir gar nicht wahrnehmen, ob und wann etwas aufgehört hat. Lernen wir, Geduld wieder als Tugend zu begreifen - nicht nur von Menschen, sondern auch von Unternehmen.

Rituale sind das alte und neue Erfolgsgeheimnis

Die Verknüpfung von Zeit und Geld hat sich erst in unserem Jahrhundert entwickelt und bringt uns in das Dilemma, daß Geld keinen Maßstab für das Genug abgibt. Aber Zeit ist nicht immer Geld - und der Wert eines persönlichen Gesprächs, der Erfahrungsaustausch und die kommunikative Vermittlung von Wissen lassen sich - im Gegensatz zum mechanistischen
Informationsaustausch - nicht in klingender Münze ausdrücken. Gerade in der heutigen Zeit, so ViKOM-Präsident Primosch, ist Wissen die einzige Ressource der Zukunft, die sich durch Gebrauch vermehrt. Wobei implizites Wissen auf der subjektiven Erfahrung
des einzelnen Mitarbeiters beruht und auch Softfacts wie persönliche Überzeugung und Wertsysteme einschließt. Es entwickelt sich aus der Praxis heraus und läßt sich nicht so einfach dokumentieren oder protokollarisch festhalten. Dieses Wissen wird
am besten in Situationen weitervermittelt, die dem Gespräch, dem Miteinander, genügend Zeit einräumen.

Der Schritt in die Postmoderne ist gekennzeichnet durch die Individualisierung der Zeit. Kulturelle Eigenheiten aus der "Taktzeit", wie zum Beispiel Rituale, gehen zunehmend verloren. Rituale aber sind Orientierungshilfen zwischen Abschluß, Übergang und Neuanfang. So sind wir zunehmend gezwungen, diese Dinge selbst für uns zu organisieren - eine Freiheit, die auch sehr viel persönliche Belastung und Streß mit sich bringt.

Der heute herrschende Flexibilisierungsdruck macht die Orientierung an Rhythmen notwendiger denn je. Denn Handlungsabläufe, die ständig unterbrochen werden, machen uns kaputt. Nur die Regelmäßigkeit, die Wiederholung von Strukturen, entlastet uns und mindert unseren Streß. Arbeitskultur drückt sich daher auch im Arbeitsrhythmus aus, in der Abfolge von
Arbeitszeiten und Pausen, im Wechsel von Beschleunigung und Verlangsamung. So wird der Rhythmus zum stabilen Element der Flexibilität.

Beschleunigung ist der Todfeind jeder Kreativität

Zur Zeitenvielfalt gehören auch Wiederholungen. Rhythmische, spiralische Wiederholungen, ähnlich wie sie uns die Natur immer wieder vor Augen führt, sollten wir als produktive Form der Unterschiede betrachten. So lebt zum Beispiel unsere Kommunikation von Wiederholungen und jeder Mensch unterliegt diesem Zeitmuster.

Vor allem jene Mitarbeiter und Abteilungen, wo die Entfaltung
des kreativen Potentials eine wesentliche Rolle spielt, brauchen zeitliche Freiräume. Denn Kreativität braucht Frei-Zeit und Frei-Raum. Diese Produktivität des Umwegs, so der ViKOM, wird heute schon verschiedentlich in Entwicklungsabteilungen ganz bewußt eingesetzt, um innovative Prozesse zu initiieren.

Schnelle bestraft oft das Leben

Der ViKOM empfiehlt daher allen Unternehmen, ihren Zeitmustern und Ritualen eine neue und intensivere Betrachtung zu widmen. Die Natur arbeitet mit einer Vielfalt an Zeit, während wir fast nur
auf Beschleunigung gesetzt haben. Langsam sollten wir uns darauf besinnen, auch die anderen Zeitformen, die wir bis jetzt ziemlich vernachlässigt haben, für uns produktiv zu gestalten. Wer zu schnell ist, den bestraft das Leben, denn man kann das Zeitliche auch als Lebendiger segnen.

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Ernst Primosch
Tel.: (01) 71104-254
http://www.vikom.at/vikom/

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