Ergebnisse der Studie 'Einwanderung und Niederlassung' in Wien

Stellungnahme von Max KOCH, Geschäftsführer des Wiener Integrationsfonds

Wien (OTS) - In Wohnungsfragen fühlen sich die in Wien ansässigen Ausländerinnen und Ausländer mehr als in allen anderen Bereichen diskriminiert. Dies geht aus einer kürzlich vom Institut für Höhere Studien (IHS) und vom Institute for Social Research and Analysis (SORA) im Auftrag des Wiener Integrationsfonds (WIF) fertiggestellten Studie zur "Einwanderung und Niederlassung in Wien" hervor.

Aufgrund der spürbaren Benachteiligungen brauchen Ausländer lange Zeit, um sich in Wien heimisch zu fühlen. Auch die wirtschaftliche Integration weist noch Defizite auf: Rund 17 % der in Wien ansässigen Ausländer sind armutsgefährdet. Angesichts des Aufholbedarfs an Integration ist es nicht überraschend, daß nur relativ wenige Migranten auf Dauer in Wien bleiben wollen. Allerdings erweist sich die Absicht, wieder ins Herkunftsland zurückzukehren, bei näherem Hinsehen oft alswenig wahrscheinlich: Die familiären und materiellen Bindungen zum Herkunftsland sind in vielen Fällen bereits so schawch, daß eine Niederlassung in Wien eher zu erwarten ist. Am meisten spüren türkische Zuwanderer Wohnungsprobleme: Sie gaben zu 77 % an, sich in Wohnungsfragen "stark diskriminiert" zu fühlen. An zweiter Stelle in der Hitliste der Probleme folgen die Ausländergesetze. Diese wurden zwar seit dem Zeitpunkt der Befragung (1995) reformiert, allerdings nur im Bereich Aufenthalt und noch nicht in Hinblick auf Beschäftigung, Einbürgerung und politischer Mitbestimmung. Das drittwichtigste Problem der Ausländer ist nach eigenen Angaben deren finanzielle Situation. Die Armutsgefährdung trifft wieder die türkischen Haushalte besonders hart: Mehr als ein Viertel hat ein so niedriges Haushaltseinkommen, daß laut Definition des Statistischen Zentralamtes (ÖSTAT) Armutsgefährdung vorliegt. Geringfügig besser ist die Situation bei kroatischen und bosnischen Familien, während bei den Einwanderern aus Rest-Jugoslawien (Serbien und Montenegro) "nur" jeder zehnte Haushalt armutsgefährdet ist. Zum Vergleich: Bei den österreichischen Haushalten ist etwa jeder zwanzigste Haushalt betroffen. Ursache für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind einerseits der Kinderreichtum der ausländischen Familien, andererseits das geringere Einkommen der Eltern. Ausländische Vollzeitbeschäftigte verdienen im Schnitt um rund 5000,- weniger als inländische, wobei zugewanderte Frauen doppelt - als Ausländerinnnen und als Frauen - diskriminiert werden: Ihr Gehalt beträgt durchschnittlich 12.100,- (netto) und liegt damit um 9.400,- unter dem Durchschnittsgehalt inländischer Männer. Die Einkommensschere zwischen In- und Ausländern kann teilweise durch die geringere Ausbildung der Zuwanderer erklärt werden, letztendlich bringt aber ein ausländischer Paß auch bei gleicher Qualifikation mit hoher Wahrscheinlichkeit unmittelbar Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Die Erfahrung, in vielen Bereichen - Arbeit, Wohnung und rechtlicher Status - diskriminiert zu sein, ist das Haupthindernis für eine tiefere emotionale Bindung der Zuwanderer an Wien und Österreich Das Gefühl, von der österreichischen Gesellschaft akzeptiert zu werden, ist für das Entstehen von "Heimatgefühl" wesentlich wichtiger als die bereits in Österreich verbrachten Jahre. Mit anderen Worten, wenn die Integation in den Arbeits- und Wohnungsmarkt gelingt, kann eine emotionale Niederlassung auch in wenigen Jahren erfolgen. Angesichts der stark empfundenen Integrations-Hindernisse ist es nicht überraschend, daß nur ein Viertel der Befragten angegeben hat, auf Dauer in Österreich bleiben zu wollen. Dieser Wert ist allerdings bereits wesentlich höher als vor 15 Jahren, wo nur jeder dreißigste Ausländer vorhatte, sich für immer in Österreich niederzulassen. Unter den Türken will bereits fast jeder zweite hier bleiben, bei den Kroaten will dagegen nur jeder zwanzigste seinen Lebensabend in Wien verbringen.

Es ist aber zu vermuten, daß die Mehrheit der Zuwanderer trotz aller Schwierigkeiten und trotz Rückkehrabsicht in Wien bleiben wird. Daher ist in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auch mit einer steigenden Zahl ausländischen Pensionisten zu rechnen - für die öffentlichen Stellen heißt das insofern Handlungsbedarf, als bereits jetzt die Integration dieser Gruppe in das System der Altenbetreuung vorbereitet werden müßte. Was die Eingliederung in die österreichische Gesellschaft und die Zukunftspläne der Ausländerinnen und Ausländer betrifft, k önnen wir letztlich drei Typen unterscheiden:

1. "Integrierte", die sich am wenigsten benachteiligt fühlen, bereits ein Heimatgefühl in Wien entwickelt haben und auch in überdurchschnittlichem Maße bleiben wollen,

2. "Kämpfer", die oft bleiben wollen, sich aber noch stark diskriminiert sehen und daher um ihre Integration kämpfen, sowie

3. "Rückkehrer", die fest davon überzeugt sind, Österreich wieder zu verlassen und deswegen auch vergleichsweise wenig Diskriminierung und soziale Kälte empfinden. Typ 1 ("Integrierte") sind meist lange in Österreich ansässige Ausländer, am häufigsten darunter:
Zuwanderer aus Rest-Jugoslawien. Typ 2 ("Kämpfer") ist einerseits für die zuletzt Gekommenen typisch, in besonders hohem Maße aber auch für die türkischen Einwanderer, die sich trotz hohen Integrationswillens und durchschnittlich längerer Aufenthaltsdauer am meisten Hindernissen bei der Eingliederung in die österreichische Gesellschaft ausgesetzt sehen. Typ 3 ("Rückkehrer") sind sowohl bereits sehr lange in Österreich Ansässige - die frühen "Gastarbeiter", die Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre gekommen sind - als auch die Einwanderer der jüngsten Zeit, überdurchschnittlich oft finden sich darunter Kroaten und Polen. Max Koch, der Geschäftsführer des Wiener Integrationsfonds wörtlich dazu:
"Die Ergebnisse der Studie bestätigen viele der Vorschläge und Konzepte, die der Wiener Integrationsfonds seit Jahren vorlegt. Dazu gehören", so Koch weiter, "die Öffnung der Gemeindewohnungen für nicht österreichische Staatsbürger und das Konzept einer Wohnbürgerschaft." "Die Ausländerbeiräte sind an sich ein altes Konzept aus der Zeit der sogenannten 'Gastarbeiter'- Politik. Heute könnten Sie in Verbindung mit dem kommunalen Wahlrecht für nicht österreichische Staatsbürger Sinn machen", nimmt Koch zu einem weiteren aktuellen Thema Stellung. "Die Integrationspolitik müsse sich insgesamt auf Europa zu bewegen und an positiven Beispielen, wie Schweden oder den Niederlanden orientieren", meinte Max Koch abschließend.

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Integrationsfonds
Peter Oberdammer
Tel. (01) 4000/81543

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF/OTS