Vor 60 Jahren: Machtübernahme im NÖ Landhaus

St.Pölten (NLK) - Vor genau 60 Jahren fand in Österreich die "Machtübernahme" durch die Nationalsozialisten statt. Der niederösterreichische Historiker Dr. Ernst Bezemek (Landesarchiv) schildert aufgrund von Quellenstudien die Ereignisse vor 60 Jahren in Niederösterreich und im NÖ Landhaus:

Am 11. März 1938 waren die Nationalsozialisten bereits auf Befehl des illegalen Gauleiters, Dr. Roman Jäger, in Niederösterreich unterwegs. Landeshauptmann Reither gehörte zu jenen Politikern, die immer wieder eine Aussöhnung mit dem sozialdemokratischen Lager gefordert und um ein gemeinsames
Vorgehen gegen die Nationalsozialisten gerungen hatten. Als er am Abend des 11. März vom Haus des Bauernbundes in der Schenkenstraße in die Herrengasse ging, wehten bereits an beiden Häusern Hakenkreuzfahnen. Innerhalb weniger Stunden schien ganz Niederösterreich nationalsozialistisch geworden zu sein. Bald zeigte sich, wie sehr Landesregierung und Landesverwaltung schon nationalsozialistisch unterwandert waren: Als Reither sein Arbeitszimmer betreten wollte, erklärte ihm der seit 1935 als "Landesstatthalter" amtierende Payerbacher Hotelier Julius Kampitsch, er habe die Amtsgeschäfte übernommen und für Reither gebe es nichts mehr zu tun. In der Präsidialabteilung amtierten schon Nazis, die die administrativen Maßnahmen zur "Machtübernahme" einleiteten. Am 12. März vormittags wurde den Bezirkshauptmannschaften per Telefonrunderlaß bekanntgegeben, daß Kampitsch über Auftrag des Bundeskanzlers die Geschäfte des Landeshauptmannes übernommen habe. Zwei Spitzenbeamte, die
illegale Nationalsozialisten waren, wurden mit der vorläufigen Leitung des Amtes betraut. Eine "einschlägige" Kundgebung für die Beamten fand schon am 12. März statt, der Gruß war bereits "Heil Hitler". Dabei wurde der Beamtenschaft versichert, daß die NSDAP nicht nachtragend sei und man auf jedes Rachegelüst verzichten wolle. Bald darauf wurden schon personelle Veränderungen angedeutet. Für die Beamten jüdischer Herkunft setzte in den folgenden Tagen zunächst eine berufliche Diskriminierung ein, die bis zur totalen physischen Vernichtung führte. Unter "Neuordnung des Berufsbeamtentums" verstand man in der Folge die "Säuberung" der österreichischen Verwaltung. Am Nachmittag des 12. März übernahm Dr. Roman Jäger selbst die Funktion des Landeshauptmannes und bestätigte Kampitsch als Landesstatthalter sowie die
Bestellung der leitenden Beamten. Die bisherigen Landesräte Bachinger, Haller, Heitzinger, Prader und Steinböck wurden des Dienstes enthoben und ihre Posten mit Nazis besetzt. Am 13. März hielt die neue Landesregierung ihre erste Sitzung ab, in der Maßnahmen wie die Absetzung von Bürgermeistern und die Verhaftung von Lokalpolitikern sanktioniert wurden. Der bisherige Sicherheitsdirektor Dr. Gautsch wurde verhaftet und ins Konzentrationslager eingeliefert, die NÖ Landes-Landwirtschaftskammer wurde aufgelöst. Der "bruchlose" Übergang in das NS-Regime war gelungen. Ab Mai amtierte dann als
Landeshauptmann und Gauleiter Dr. Hugo Jury, ein St.Pöltner Lungenfacharzt. (Auszug aus einer Darstellung von Dr. Bezemek, die in der Februar-Ausgabe der NÖ Kulturberichte veröffentlicht wurde).

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