Die Überwindung der Utilität

Dagobert Peche und die Wiener Werkstätte

Wien (OTS) - Pressepreview: Dienstag, 10. Februar 1998, 10.30 Uhr Ausstellungsort: MAK-Ausstellungshalle Obergeschoß Ausstellungsdauer: 11. Februar - 17. Mai 1998
Öffnungszeiten: Di - So 10.00 - 18.00 Uhr
Do 10.00 - 21.00 Uhr, Mo geschlossen

Mit der Ausstellung Die Überwindung der Utilität - Dagobert Peche und die Wiener Werkstätte zeigt das MAK erstmals eine umfassende Personale von Dagobert Peche (1887 - 1923), einer der Schlüsselfiguren des österreichischen Kunstgewerbes. Dagobert Peche hat mit seinen Entwürfen neben Josef Hoffmann und Koloman Moser die Produktion der Wiener Werkstätte maßgeblich geprägt. Die Ausstellung, die vom 11. Februar bis 17. Mai 1998 in der MAK-Ausstellungshalle Obergeschoß zu sehen ist, präsentiert über 400 Entwürfe und Werkzeichnungen sowei 200 Beispiele aus allen Sparten der angewandten Kunst: Möbel, Metallgegenstände, Schmuck, Keramiken, Gläser, Stoffe, Spitzen und Tapeten. Durch Leihgaben aus Museen und Sammlungen, besonders aber auch aus Privatbesitz, kann ein nahezu vollständiger Überblick über Peches Werk gewonnen werden. Bisher noch nicht öffentlich präsentierte oder verschollen geglaubte Stücke - wie der Kasten der Wiener Kunstschau von 1920 - bilden die Höhepunkte der Ausstellung.

Josef Hoffmann, anfangs Orientierung für Peche, später selbst stark beeinflußt von ihm, schrieb 1923: "Dagobert Peche war das größte Ornamentgenie, das Österreich seit der Barocke besessen hat. (...) Ganz Deutschland ist durch Peche-Muster zu einer neuen Stilepoche gelangt." Auch aus heutiger Sicht erlebt Dagobert Peches Werk nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Postmoderne eine Neueinschätzung. Dagobert Peches Extravaganz, sein phantasievoller Eklektizismus, die formale Kühnheit, der Mut zur Verspieltheit und die Gabe, Gegensätze mit traumwandlerischer Sicherheit zu verbinden, lassen eine große Künstlerpersönlichkeit erkennen. Ziel der Ausstellung ist es, das Bild vom österreichischen Kunstgewerbe am Anfang des 20. Jahrhundert zu erweitern und Peches Werk den ihm gebührenden Platz in diesem Kontext zu sichern.

Dagobert Peche, 1887 in St. Michael im Salzburger Lungau geboren, 1923 in Wien gestorben, war zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn der Malerei zugeneigt. Auf Wunsch seines Vaters jedoch studierte er zunächst an der Technischen Universität und dann bei Friedrich Ohmann an der Akademie der Bildenden Künste am Schillerplatz in Wien Architektur. Nach Abschluß des Studiums 1911 arbeitete er als Entwerfer unter anderem für die Vereinigte Wiener und Gmundner Keramik, Johann Backhausen & Söhne und die Wiener Parzellanmanufaktur Böck. Eine Reise mit dem Architektenverein nach England 1910 ließ Peche möglicherweise auf Graphiken von Aubrey Beardsley aufmerksam werden, dessen Zeichenstil sein Frühwerk prägt. Zwei Jahre später wurde er während eines Aufenthaltes in Paris mit dem zeitgenössischen französischen Geschmack konfrontiert und konnte gleichzeitig seine Auseinandersetzung mit historischen Stilen intensivieren. Peches Umgang mit dem von ihm bevorzugten Formenvokabular des Rokoko und Klassizismus erfolgte in einer Weise, die die Bezüge noch erkennen läßt, zugleich aber etwas gänzlich Individuelles hervorbringt. Dies wird möglich durch ein freies, unkonventionelles, ironisierendes, aber nie respektloses Umgehen mit den Vorbildern, zu denen auch die religiöse Volkskunst als wichtige Quelle gehört. Im bewußten, intelligenten und schöpferischen Eklektizismus liegt eine der wesentlichen Qualitäten Dagobert Peches.

Dem Zusammentreffen mit Josef Hoffmann 1911 folgte die Mitarbeit in der Stoffabteilung der Wiener Werkstätte. Peche stand dieser ab 1915 offiziell als Entwerder zur Verfügung und bestimmte in Folge maßgeblich deren Produktgestaltungen. Seine Arbeiten in allen Bereichen der angewandten Kunst - Möbel, Metall, Keramik, Glas, Textil und Tapeten - bedeuten eine Abkehr vom programmatisch formulierten Ziel der Wiener Werkstätte, einfache Gebrauchsgegenstände zu erzeugen. Der rationale Zugang zum Objekt wird durch den emotionalen ersetzt. Diese Neudefinition des Funktionsbegriffes, die Sinnlichkeit und Gefühl als Funktionswerte einbezieht, stellt eine Verbindung zur Postmoderne des späten 20. Jahrhunderts her. Widersprüchlichkeit, Irritation, Spiel - all das bietet Peche als Alternative zur rein utilitären Lösung an. Gartenskulpturen aus Blech, Pyramiden aus Karton als Schmuckkästchen, durch Holzposamentrie zu Textil entstofflichte Möbel, Keramik, die wie aus Papier gefaltet oder aus Metall gebogen erscheint - derartige Freiheiten waren und sind nicht kompatibel mit der Auffassung, Kunsthandwerk habe zweckmäßig und materialgerecht zu sein. Seine romanisch-katholisch inspirierte, von der anglo-amerikanischen Pragmatik unberührte Vorstellung von Innendekoration demonstrierte Peche 1914 auf der Werkbundausstellung in Köln sowie mit der Gestaltung der österreichischen Räumlichkeiten auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom.

Von 1917 - 1919 wurde Peche die Leitung der neugegründeten Filiale der Wiener Werkstätte in Zürich übertragen. Abseits des Kriegsgeschehens und ausgestattet mit Material und Mitarbeiterinnen ist dies die Phase größter Produktivität, deren Ergebnisse auf der Wiener Kusntschau 1920 präsentiert wurden. Inmitten seines schöpferischen Lebens stirbt Dagobert Peche 1923 in Wien an den Folgen eines bösartigen Sarkoms. Ein halbes Jahr später fand im Museum für Kunst und Industrie, dem heutigen MAK, eine Gedächtnis-Ausstellung für Dagobert Peche statt.

Pressepreview Dienstag, 10. Februar 1998, 10.30 Uhr
Ort MAK-Ausstellungshalle Obergeschoß Ausstellungsdauer 11. Februar - 17. Mai 1998 Öffnungszeiten Di - So 10.00 - 18.00 Uhr
Do 10.00 - 21.00 Uhr, Mo geschlossen

MAK-Kurator Christian Witt-Dörring
Gastkurator Anne-Katrin Rossberg
MAK-Projektleitung Bettina M. Busse
Ausstellungsgestaltung Peter Noever, Harlad Trapp, Philip Krummel

Katalog Die Überwindung der Utilität - Dagobert Peche und die Wiener Werkstätte. Mit Beiträgen von: Hanna Egger, Gabriele Fabiankowitsch, Rainald Franz, Waltraud Neuwirth/Claudia Trauth, Sabine Plakolm-Forsthuber, Ernst Ploll, Anne-Katrin Rossberg, August Ruhs, Nikolaus Schaffer, Elisabeth Schmuttermeier, Nancy J. Troy, Angela Völker, Christian Witt-Dörring. Hrsg. Peter Noever/MAK. 362 Seiten, 350 Farbabbildungen, 130 s/w Abbildungen. Hatje Verlag, Stuttgart.

Führungen Donnerstags, 19.00 Uhr
Sonntags, 16.00 Uhr
12., 15., 19., 22., 26. Februar 1998
1., 5., 8., 12., 15., 19., 22., 26., 29. März 1998
2., 5., 9., 12., 16., 23., 26., 30. April 1998
3., 7., 10., 14., 17. Mai 1998
MINI MAK-Führungen, jeweils 11.00 Uhr 15. Februar 1998
15. März 1998
19. April 1998
Schulklassen, Gruppen und Sondertermine gegen Anmeldung: Gabriele Fabiankowitsch, Tel. (+43-1)711 36-298.

Feiertage 12. April 1998 Ostersonntag
10.00-18.00 Uhr
13. April 1998 Ostermontag
10.00-18.00 Uhr
1. Mai 1998 Tag der Arbeit geschlossen

Freier Eintritt 14. April 1998 Geburtstag Rudolf von Eitelberger
17. Mai 1998 Internationaler Museumstag

MAK-Eintritt gesamt öS 90,-/öS 45,- ermäßigt für Schüler, Studenten, Senioren ab 60, Soldaten, Zivildiener, Gruppen ab 10 Personen. Freier Eintritt für Kinder bis 10, Mitglieder der Ges. f. Österr. Kunst, Studenten der Hochschule für angewandte Kunst, Museumspaß, Arbeitslose, österr. Schulklassen.

Rückfragen & Kontakt:

Dorothea Apovnik
Tel. (+43-1)711 36-233
Fax (+43-1)711 36-227
e-mail: presse@mak.at

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