Caritaspräsident Küberl fordert "Sozialführerschein" für Behörden

"Familien in Not verlieren sich im Labyrinth der Institutionen"

"Insgesamt kommen jedes Jahr 120 000 Menschen zur Caritas, weil sie Hilfe brauchen. Diese Hilfe ist sehr vielfältig und beschränkt sich nicht auf materielle Not. Wenn jedoch diese Notsituation eintritt, ist es para-dox, daß unsere Sozialberater einen Großteil ihrer Kapazität dazu brauchen, um Wegweiser im Behördendschungel zu sein," sagt Cari-taspräsident Franz Küberl. "Unser Sozialsystem wird immer komplizier-ter. Gleichzeitig kommt zum Kampf ums Überleben ein Marathon an Behördenwegen: Eine Institution fühlt sich nicht zuständig und verweist an die nächste. Die folgende Behörde schickt die Betroffenen wieder zum Ausgangspunkt zurück."

Immer wieder verzweifeln Menschen an den Tücken des Labyrinths, berichtet Küberl. "Eine Mutter, die in Karenz ist und von ihrem Mann verlassen wird, muß beispielsweise bis zu fünf verschiedene Ämter aufsuchen und bis zu fünf Monate Wartezeit auf sich nehmen, um die ihr zustehenden Sozialleistungen zu erhalten. Ihr Behördenweg lautet dann: Jugendamt, Gericht, Arbeitsamt, Sozialamt und Finanzamt - in austauschbarer Reihenfolge. Durch die monatelangen Bearbeitungs-zeiten kommt die Mutter in eine finanziell aussichtslose Lage und lan-det schließlich bei der Caritas."
Er hätte den Verdacht, sagte Küberl, daß die Bürokratie oft als ver-deckte Sparmaßnahme gegen jene eingesetzt werde, die sich nicht wehren können. Ein "sinnvoller Umgang mit Steuergeld" wäre es je-doch, Verarmung und deren Folgen möglichst früh zu bekämpfen.

Damit Menschen in Not nicht unter die Räder geraten, fordert die Cari-tas:

1. Erhöhung der Notstandshilfe, Karenzgeld, Familienbeihilfe und an-derer überlebensnotwendiger Sozialleistungen, damit unnötige Här-tefälle vermieden werden.
Daher appelliert Caritaspräsident Küberl an die Parlamentarier, die gerade über das Budget 1998 beraten, nicht gegen die Schwächsten in unserem Land zu entscheiden.

2. Mehr Unterstützung für Alleinerzieherinnen.
Sofortmaßnahme: Zwei Jahre erhöhtes Karenzgeld für Bedürftige.

3. Vereinheitlichung im Sozialsystem dort, wo es wichtig ist: Einheitli-che gesetzliche Regelungen der Sozialleistungen für ganz Öster-reich, analog zum Schulsystem. Denn wirksame Armutsbekämpfung
ist nur im Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Gemeinden
möglich. Die Caritas möchte, daß unser Sozialsystem nicht aus Mühlsteinen besteht, zwischen denen Menschen in Not zermalmt werden, sondern daß es Zahnräder sind, die ineinander greifen und etwas in Bewegung bringen.

4. Bindende Richtlinien ("Sozialführerschein") für den Umgang mit un-serem Sozialsystem und mit Menschen in Not. Das heißt: Serviceo-rientierung von sozialen Einrichtungen: Flexiblere Öffnungszeiten, kürzere Bearbeitungszeiten, Einführung von Sanktionen, wenn Min-deststandards nicht eingehalten werden. Sozialleistungen sind Ser-viceleistungen für den Bürger und müssen kundenorientiert sein. Wer in Not gerät, soll nicht als Bittsteller behandelt werden, sondern als Kunde, für den die Sozialeinrichtungen eigentlich da sind.

5. Vorurteilsfreie Diskussion über flexible Formen des Grundeinkom-mens.
(Forts.)

Rückfragen:
Dr. Elisabeth Hotter
Öffentlichkeitsarbeit & Information
Tel. 01/878 12 - 138, Fax: 01/ 876 75 38
4

ORIGINALTEXT-SERVICE UNTER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | CAR/01