Österreichische Gesellschaft für Genetik und Gentechnik Österreichische Gesellschaft für Humangenetik österreichische Gesellschaft für klinische CHemie

Wien (OTS) - Gemeinsame Stellungnahme zur Firma 'Genetics Austria"=

Vor einigen Wochen ist eine Meldung durch die Presse
gegangen, daß eine österreichische Firma Gentests zur Erfassung der Leistungsfaehigkeit von Arbeitnehmern anbietet. Im Zuge von Nachforschungen von Wissenschaftlern unserer Gesellschaften konnte eine Firma ausfindig gemacht werden, die zwar nicht die Durchführung solcher Gentests explizit anbietet, jedoch eine Verbindung zu solchen Gentests herstellt. In einer Broschüre der Firma 'Genetics Austria' wird unterstellt, daß durch sog. Gentests angeblich genetisch festgelegte Verhaltensmerkmale des Menschen exakt bestimmt werden können. Grundsaetzlich ist festzustellen, daß sich das publizierte Material der Firma 'Genetics Austria' als bizarres Gemisch scheinwissenschaftlicher Behauptungen für jeden Gebildeten selbst disqualifiziert. Da die Broschüre ein gewisses Medieninteresse geweckt hat und als 'Beweis' mißbraucht werden könnte, daß in österreich bereits Gentests bei Arbeitnehmern zur Feststellung von 'Verhaltensprofilen' durchgeführt werden, kommen wir nicht umhin, zu diesem Text wie folgt Stellung zu nehmen:

1) Die Verfasser der Werbeschrift stellen den Menschen als ein in seinem Verhalten durch Gene programmiertes Wesen dar. Dieses Bild entspricht in keiner Weise den Erkenntnissen der modernen naturwissenschaftlichen Anthropologie und Humangenetik.

2) Inwieweit Gene (Erbanlagen) normales menschliches Verhalten mitbestimmen oder beeinflussen, ist derzeit völlig unklar. Einzelne Gene, die nachgewiesenermaßen direktdas normale Verhaltensmerkmale des Menschen steürn, sind nicht bekannt. Es ist unwahr, daß mittels Genanalyse Leistungsverhaltensweisen meßbar seien. Weder ist ein Gen für Neugierde, noch für Aufgeschlossenheit, noch für Aggressionsverhalten oder Kreativitaet erfaßt oder meßbar. Berichte in Fachzeitschriften über angebliche Zusammenhaenge zwischen Genvarianten und Verhaltensmerkmalen (z.B. Dopamin D4-Rezeptor und Neugierverhalten) haben zwar eine breite Medienresonanz gefunden, sind aber inzwischen widerlegt oder bedürfen zumindest der Bestaetigung. Auch wenn sich einige dieser statistischen Zusammenhaenge bestaetigen sollten, würden sie in keinem Fall erlauben, individuelle Voraussagen auf der Basis eines Gentests zu machen.

3) Es wird zunehmend klar, daß selbst bei einfach vererbten ('Mendel'schen') Krankheiten die Kenntnis der Mutation (Veraenderung in der Erbanlage) nur selten eine sichere Aussage über den Phaenotyp (Auspraegung und Schweregrad der Erkrankung) zulaeßt. Bei komplexen Erkrankungen, wie Arteriosklerose oder Diabetes, die durch ein Zusammenspiel von nur teilweise bekannten erblichen und Umweltfaktoren verursacht werden, ist eine Diagnose oder Voraussage der Erkrankung auf der Basis eines 'Gentests' nur in seltenen Faellen/Situationen möglich. Schlüsse vom Genotyp auf den Phaenotyp sind derzeit bei komplexen Erkrankungen oder Merkmalen praktisch nicht möglich. Es ist daher absurd anzunehmen, daß komplexe Verhaltensmerkmale durch einfache Gentests erkannt werden könnten.

4) Die bereits vor 15 Jahren abgeschlossene Diskussion über die Bedeutung des Y-Chromosoms wird in fataler Weise wieder aufgegriffen und das Y-Chromosom mit Aggressionsverhalten in Verbindung gebracht.

5) Die gesamte Argumentation der Fa. 'Genetics Austria' zeichnet sich durch Inkompetenz im Fach Genetik, eine unzulaessige Vermengung von Psychologie und Genetik und die unübersehbare und fatale Intention aus, Genetik im Sinne Aldous Huxley's 'Schöner Neuer Welt' zu verkaufen. Völlig unsinnige, pseudowissenschaftliche Schemata sollen wohl Wissenschaftlichkeit vortaeuschen. An mehreren Stellen sind gefaehrliche, zudem unverstaendliche und unbegründete Aussagen über das angeblich genetisch bedingte unterschiedliche Leistungspotential der österreichischen und der deutschen Bevölkerung angesprochen.

6) Die Fa. 'Genetics Austria' bietet zwar nicht konkret die Durchführung von Gentests bei Firmenmitarbeitern bzw. Stellenbewerbern zur Bestimmung der Leistungsfaehigkeit an. Die in der Informationsschrift getroffenen Aussagen stellen aber derartige Untersuchungen als optimalen Weg dar. Entsprechend dem österreichischen Gentechnikgesetz darf eine Genanalyse nur auf Veranlassung eines in Humangenetik ausgebildeten Arztes oder eines für das betreffende Indikationsgebietgebiet zustaendigen Facharztes zum Zwecke der Feststellung von Krankheiten oder Praedispositionen dafür durchgeführt werden (§65 GTG). Gemaeß § 67 GTG ist es Arbeitgebern und Versicherern verboten, Ergebnisse von Genanalysen zu erheben, zu verlangen anzunehmen oder sonst zu verwerten. Weiters ist in § 68 GTG festgelegt, daß Genanalysen für medizinische Zwecke nur in hiefür zugelassenen Einrichtungen erfolgen dürfen. Das Anbieten der genetischen Gesundheitsberatung könnte also nur in Verbindung mit einem entsprechenden Facharzt bzw. mit einer entsprechned zugelassenen Einrichtung erfolgen. Im Leistungsspektrum der Firma werden 'Genforschung' und 'genetische Gesundheitsberatung' -letzteres zwar 'nur für Privatpersonen'- angeboten. Es gilt hier zu prüfen, ob nicht bereits der Weg zur Verletzung gesetzlicher Bestimmungen eingeschlagen wurde.

7) Die österreichische Gesellschaft für Genetik und Gentechnik, die österreichische Gesellschaft für Humangenetik und die österreichische Gesellschaft für Klinische Chemie distanzieren sich entschieden von den von der Fa. 'Genetics Austria"'getroffenen Aussagen und Zielsetzungen. Abgesehen davon, daß es sich um gesetzlich fragwürdige Unternehmungen handeln würde, basieren die Aussagen auf Ignoranz und Fehlinterpretation humangenetischer und molekulargenetischer Erkenntnisse.

8) Die im Bereich Genetik und Gentechnik, bzw. der entsprechenden Analytik arbeitenden österreichischen Wissenschaftler haben in ihrer bisherigen Taetigkeit bewiesen, daß sie aeußerst verantwortungsvoll und auf höchste Sicherheit bedacht mit den Werkzeugen der modernen Biowissenschaften umgehen. Die einschlaegigen wissenschaftlichen Gesellschaften haben daher lange vor dem Inkrafttreten gesetzlicher Bestimmungen die Einhaltung entsprechender Normen und Richtlinen von ihren Mitgliedern verlangt. Die unterzeichneten wissenschaftlichen Gesellschaften werden weiterhin ihr ganzes Potential einsetzen, um eine kompromißlose Einhaltung der hohen ethischen und sicherheitstechnischen Standards in österreich auch für die Zukunft zu sichern..

Rückfragen & Kontakt:

Prof. Dr. G. Utermann (Präesident der österreichischen
Gesellschaft für Humangenetik)Prof. Dr. C. Mannhalter (Vorsitzende des Ausschusses für
Genanalysen der österr. Gesellschaft für Klinische Chemie)Kontaktadressen:Prof. Christine Mannhalter: Klinisches Inst. für Med. und Chem
Labordiagnostik Tel.: 01-40400-2085, Fax: 01-4083678Prof. Gerd Utermann: Univ. Innsbruck, Institut für Med. Biologie und
Humangenetik Tel.: 0512-507-3450, Fax: 0512-507-2861Prof. Helmut Schwab: TU Graz, Institut für Biotechnologie Tel.:
0316-873-8418, Fax: 0316-873-8434, E-mail: schwab@biote.tu-graz.ac.atProf. Dr. H. Schwab
(Präsident der österreichischen Gesellschaft für
Genetik und Gentechnik)

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