Die 7 aktuellen Bildungs-Trends

Wien (OTS) - (Pressekonferenz der Volkshochschulen am 18.9.1997)

Direktor Dr. Christian W. Haerpfer, MSc Institut für
Trendanalysen und Krisenforschung

1. Bildung als Lebensbegleitung

Bildung ist längst keine Ausbildung mehr, Bildung ist ein lebenslanger Prozeß. In der postmodernen Gesellschaft ist Bildung als ein in sich geschlossener Lebensabschnitt nicht mehr vorhanden. Bildung kann zu jedem Zeitpunkt der individuellen Biographie notwendig sein, da Fertigkeiten und Fähigkeiten rasch altern, ja obsolet werden können. Der Arbeitsmarkt macht durch zunehmende Flexibilisierung eine höhere Anpassungsgeschwindigkeit der Qualifikationsstruktur erforderlich. Bildung ist eine Möglichkeit, sich vor der zunehmenden beruflichen Unsicherheit zu schützen. Phasen der Berufstätigkeit werden von Phasen der Weiterbildung unterbrochen und ergänzt werden.

2. Bildung wird modular: Bildungsmodule

Die gewählte Erstausbildung und die tatsächlich ausgeübte berufliche Tätigkeit wird in starkem Ausmaß voneinander entkoppelt. In Österreich werden sich flexibel kombinierbare Ausbildungs-Module, die aufeinander aufbauend, in sich abgeschlossen und beliebig erweiterbar sind, zusätzlich zur Basisausbildung entwickeln. Zusatzqualifikationen werden am Arbeitsmarkt der Zukunft mindestens so wichtig werden wie die Grundqualifikation.

3. Tele-Bildung: Mit Distanz zur Nähe

In Zukunft werden 'Bildungsbürger' von zu Hause mittels Computer und einem Zugang zu Internet die wichtigsten Kurse über Bildschirm mitmachen. CD-ROMS und Videos dienen dazu, die Lerninhalte zu veranschaulichen. Sozial und zeitlich benachteiligten Lernenden oder Bildungsinteressierten werden die Vorteile des Telelearnings zugute kommen. Ein Teil des Lehrstoffes wird über "Neue Unterrichtsmedien" (Lernen mit CD-Rom, Telelearning über Telematik-Netze) von der Schülern selbständig und ortsunabhängig erarbeitet.

4. Bildungs-Berater als Beruf

Neben dem Steuerberater, dem Rechtsberater wird der Beruf des "Bildungsberaters" entstehen. Auf dem Bildungsmarkt gibt es eine Unzahl von Angeboten. Der einzelne wird sich in diesem Dschungel immer schwerer zurechtfinden. Bildungsberater und Bildungsberatung werden als Orientierungshelfer unverzichtbar.

5. Bildung als Ware

Der Trend zu verstärkter "Kommerzialisierung" im Bildungsbereich ist unverkennbar. In Zukunft werden Schulen und Universitäten in Videos ihre Dienste anbieten und zusätzlich mit Freizeitqualität und anderen Standortvorzügen werben. Nur wer die Notwendigkeit einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit und einer starken Interaktion mit potentiellen Interessenten erkennt, wird auf diesem Markt bestehen können.

6. Umgang mit Information als Prinzip der Bildung

Ein wichtiges Bildungsprinzip wird in Zukunft der richtige Umgang mit Informationen sein. Das Suchen, Bewerten und Nutzen von Informationen ist von besonderer Wichtigkeit. Ein wichtiger Ausbildungsschwerpunkt wird jener zum 'Informationsnavigator' sein, der Informationen aus den unübersichtlichen Datennetzen für Auftraggeber recherchiert und aufbereitet.

7. In Zukunft werden Generalisten mehr gefragt sein

Am Arbeitsmarkt der Zukunft werden Generalisten innerhalb des jeweiligen Berufsfeldes, die kurzfristig unterschiedliche Spezialqualifikationen erwerben und flexibel und rasch auf wechselnde berufliche Anforderungen reagieren gefragt sein. Diese Generalisten werden neben sozialer und methodischer Kompetenz auch über Teamfähigkeit verfügen müssen.

Mit dem Trend surfen, oder gegen den Strom schwimmen?

Volkshochschulen: Besucherrekord und neue Angebote

Volkshochschulen nicht nur Trendsetter Der Zweite Bildungsweg ist die Reparaturabteilung unseres Bildungssystems, hier müssen Institutionen mit Angeboten einspringen, um Unzulänglichkeiten des Systems auszugleichen. Ohne Bildungsabschluß sinken für die Arbeitnehmer die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Mit Hilfe der Wiener Volkshochschulen konnten in den letzten drei Jahren 36.451 Wienerinnen und Wiener den Zweiten Bildungsweg beschreiten, das reicht von Basisbildung bis hin zur Studienberechtigungsprüfung. Die Volkshochschulen unterstützen mit ihren wachsenden Angeboten an berufsbildenden Kursen die Aktivitäten der Stadt Wien, durch Qualifikation der ArbeitnehmerInnen die Arbeitslosenrate niedrig zu halten und den Wirtschaftsstandort Wien attraktiv zu machen. Auch für die neu eingeführte Berufsreifeprüfung kann an fünf Volkshochschulen gelernt werden. "Die Volkshochschulen versuchen aber auch, mit ihrem Programm den aktuellen Trends zu entsprechen, dennoch aber auch der Tendenz gegenzusteuern, daß der Mensch nur mehr in seiner Verwertbarkeit zählt, Bildung nur mehr nach ihrem Nutzen für die Wirtschaft gemessen wird", erklärt der Vorsitzende des Verbandes Wiener Volksbildung Bundesrat Dr. Michael Ludwig. "Das breite Programmangebot mit den unterschiedlichsten Kulturtechniken, Möglichkeiten für eine gehobene Freizeitgestaltung und wissenschaftlichen Vorträgen ist damit kein Ausdruck der Beliebigkeit, sondern Ausdruck einer breiten Allgemeinbildung." Ein wesentlicher Aspekt der Konzeption der Kurse ist die kommunikative Seite des Lernens als Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, dies ist eine Stärke der Volkshochschulen und sicherlich auch ein Grund, warum die Besucherzahlen weiter wachsen.

Neuer Besucherrekord in den 18 Wiener Volkshochschulen. Nahezu 145.000 Wienerinnnen und Wiener besuchen jährlich Kurse der Volkshochschulen, exakt 144.931. Das ist ein Plus von 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Viertel der Angebote entfällt auf Sprach-kurse, gefolgt von Angeboten im Bereich Körper und Gesundheit. Rund 40 Prozent der Besucher sind zwischen 20 und 39 Jahren. Die Frauen sind weiterhin bildungswilliger, sie stellen 73 Prozent der Kursbesucher.

Trend zu BildungsberaterInnen Die Wiener Volkshochschulen reagieren mit ihrem Bildungsprogramm auf aktuelle Bildungstrends, so konnte bereits im Kursjahr 1995/96 ein Grundlehrgang für Bildungsberatung für die interne Weiterbildung der MitarbeiterInnen entwickelt werden. Im Ausmaß von je 20 Unterrichtseinheiten durchliefen rund 40 TeilnehmerInnen dieses intensive Training. Das Curriculum sieht neben einer Klärung der Rolle und des Selbstverständnisses des Bildungstrainers Psychohygiene, Informationen zu Bildungsmaßnahmen, Beihilfen und Unterstützungsmöglichkeiten und 'angrenzende Institutionen' vor. In 'Follow up'-Kursen erhalten die Bildungsberater die Möglichkeit, ihre Arbeit zu reflektieren, wobei auch eine Fallarbeit mit Videoanalyse und Supervision vorgesehen ist.

EU-Lehrgang für WeiterbildungsmanagerInnen

Für WeiterbildungsmanagerInnen hat der Verband Wiener Volksbildung in diesem Semester einen neuartigen EU-Lehrgang entwickelt. Der modulartig aufgebaute Lehrgang stattet Bildungsverantwortliche in Klein- und Mittelbetrieben mit dem notwendigen Wissen und Know how aus, um Weiterbildungsmaßnahmen besser planen, organisieren, durchführen und bewerten zu können. Die vier Module (104 Unterrichtseinheiten) beschäftigen sich mit Bildungsplanung für Klein- und Mittel-betriebe, Management von Weiterbildungsprojekten und -programmen, theoretischen Aspekten der Erwachsenenbildung und der Evaluation. Die Fertigkeiten, die vermittelt werden, umfassen das Prioritätensetzen bei der Programmplanung aufgrund von Arbeitsmarktanalysen, Verhandlungen mit Firmenhierachien, Präsentationstechniken, Marktanalyse und Marketing, Curriculumsentwicklung und Design von Programmen, Finanzierung und Budgeterstellung, Monitoring und Evaluation. Zusätzlich werden Ergänzungsmodule zu Internet, Trend-forschung, Fundraising und Europäische Union im Ausmaß von 30 Unterrichtseinheiten angeboten. Der Lehrgang ist im Rahmen des EU-Programmes LEONARDO vom Verband Wiener Volksbildung gemein-sam mit Erwachsenenbildungseinrichtungen aus zehn europäischen Ländern entwickelt worden und schließt mit einem Zertifikat ab.

Telelearning und CD-ROMS

Seit Sommer 1997 verfügt der Verband Wiener Volksbildung über eine Multimedia-Station, die es den KursleiterInnen erleichtert, einen Überblick über die angebotenen elektronischen Lernhilfen zu bekommen. In Workshops und Präsentationen werden pädagogisch interessante Materialien für den Sprachunterricht Deutsch als Fremdsprache/ Zweitsprache, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch vorgestellt. Neben den Sprachen wird in Zukunft der Bereich des Zweiten Bildungswegs ein wesentlicher Einsatzbereich für neue Medien sein. Die Volkshochschulen legen den Schwerpunkt auf Untersuchungen über die Veränderung des Lernprozesses. Welche Auswirkungen haben die neuen Medien für die Lernenden, wie verändert sich Lernen in der Zukunft.

Berufsreifeprüfung auch in den Volkshochschulen

Die Möglichkeit der Berufsreifeprüfung wird von Fachleuten als eine "stille bildungspolitische Revolution" bezeichnet, da damit endlich eine Bildungs-Sackgasse geöffnet wurde. Die Berufsreifeprüfung ist für alle jene gedacht, die einen Beruf erlernt haben und eine Reifeprüfung ablegen wollen. Vier Prüfungen bringen sowohl den allgemeinen Zugang zu allen weiteren Ausbildungen an Akademien, Kollegs, Fachhochschulen, Hochschulen und Universitäten. Fünf Volkshochschulen bieten Vorbereitungskurse für die Berufsreifeprüfung an und erweitern damit das Angebot für den Zweiten Bildungsweg (von Basisbildung über Maturakurse bis zur Studienberechtigungsprüfung).

Kurznachrichten

Internationales Studienzentrum Kooperation Universität-Volkshochschulen Um der Kooperation zwischen Universität und Volkshochschulen in der Entwicklung von Lehrgängen auf eine solide Basis zu stellen, wurde das Internationale Studienzentrum gegründet. Zwei Fachbereiche dieses Zentrums konnten sich bislang mit ihren Angeboten profilieren. Die Abteilung Interkulturelle Bewegungen organisiert das 'Offene Kolleg', das sich um die interkulturelle Bildung von Personen kümmert, die mit AusländerInnen arbeiten (Leitung: Mag. Maria Hirtenlehner). In den vergangenen zwei Semestern haben rund 150 TeilnehmerInnen das 'Offene Kolleg' besucht. Der Lehrgang Feministisches Grundstudium ist ein neuartiger Modellversuch, bei dem mit außeruniversitären Forschungsstätten in Norwegen, Schweden, Dänemark, Holland und den USA kooperiert, wird ist bereits ausgebucht. Von den 65 Interessierten können 40 aufgenommen werden. Ein Ziel des Lehrganges (Leitung: Dr. Ursula Kubes-Hofmann) ist es, die öffentliche Beziehungskultur von Frauen zu verbessern, sie in ihren beruflichen Positionen zu bestärken und ihnen Möglichkeiten der politischen Artikulation zu geben. (Start im Jänner 1998).

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