Psycholeiden, Übergewicht - Was ist mit unseren Kindern los? (Teil 3)

Kinder werden immer dicker

Wien (OTS) - Über ein dramatisches Phänomen berichtete auf
der Pressekonferenz auch Univ. Prof. Dr. Kurt Widhalm von der
Wiener Universitäts-Kinderklinik. Der Kinderarzt und Ernährungsspezialist zeigte sich beunruhigt über die
gewaltige Gewichtszunahme bei den Kindern. "Laut
amerikanischer Langzeitstudien steigt das durchschnittliche
Gewicht der Kinder jährlich kontinuierlich an. Konkret:
16jährige sind heute um zwei Kilogramm schwerer als vor zehn Jahren." Auch eine erst kürzlich aus Deutschland
veröffentlichte Untersuchung zeigt, daß das mittlere
Übergewicht von Jugendlichen innerhalb von zehn Jahren um
rund acht Kilogramm zugenommen hat. Die Ambulanz der
Kinderklinik in Wien beobachtete laut Prof. Widhalm in den
letzten sieben Jahren einen Anstieg übergewichtiger Schüler
um rund 50 Prozent.

Der Arzt befürchtet, "daß auch uns amerikanische
Verhältnisse drohen". Er berichtete von einer
außerordentlichen Häufung von hochgradig übergewichtigen
Kindern, die in letzter Zeit die Klinikambulanz bevölkerten.
Allein im letzten Monat zählte Widhalm fünf 14- bis 16jährige Patienten mit einem Gewicht zwischen 120 und 150 Kilogramm.
"Das habe ich bisher noch nicht gesehen. Wir stehen vor ganz
neuen Problemen. Diese blutjungen Patienten gehören intensiv behandelt, denn da steckt mehr dahinter als nur gedankenloses In-sich-hineinfuttern."

Laut Prof. Widhalm sind für die Entstehung einer
hochgradigen Übergewichtigkeit mehrere Ursachen
verantwortlich. Zunächst spielen genetische Faktoren eine
große Rolle, aber auch psychische Probleme sind ursächlich beteiligt. Nicht selten fühlen sich die Buben und Mädchen vereinsamt, allein gelassen, können sich mit niemandem
aussprechen, haben Probleme, Freunde zu finden, schlittern in
eine Supermario-Scheinwelt. Zu diesen psychologisch-
soziologischen Ursachen kommen noch: Bewegungsarmut,
stundenlanges Fernsehen mit Essen aller Art und die Immer-und-überall-Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Kinder anno
1900 aber auch noch anno 1960 hatten einfach nicht an jeder
Ecke eine Schnitzelhütte, einen Würstelstand, ein Fastfood-Restaurant und ein Bonbongeschäft. Und sie hatten auch das
Geld nicht.

Prof. Widhalm kündigte am Mittwoch ein Präventivprogramm
an: "Wir müssen frühzeitig erkennen, ob ein Kind von
Übergewicht bedroht ist. Nur wenn wir die Krankheit im Anfangsstadium abfangen können, kann auf Dauer geholfen
werden. Ohne Schulärzte werden wir das nicht schaffen. Sie
sind für uns die wichtigsten Partner auf dem Terrain der Früherkennung."

Da die Schüler-Gesundheitsstatistik im Statistischen
Zentralamt eingestellt wurde, ist eine Studie geplant, die
einen genauen Überblick darüber schaffen soll, zu welchem Zeitpunkt die Kinder beginnen, dick zu werden und welche
Ursachen im Detail dafür verantwortlich gemacht werden
müssen. (Schluß)

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