Wenn Abnehmen zur Sucht wird

Wien (OTS) - Der Konsumzwang sowie der hohe Stellenwert des Essens in der Gesellschaft sind widersprüchlich zu dem gewünschten oder sogar geforderten Schlankheitsideal. Besonders Frauen sind davon betroffen. Mit Willen und Verstand wird das Eßverlangen gezügelt um schlank bleiben zu können. Dieses streng kontrollierte Eßverhalten ist häufig mit positiven Erfahrungen verbunden. Sich beherrschen zu können und eine schöne, schlanke Figur zu haben, wird mit allgemeiner Bewunderung belohnt. Auf der anderen Seite entwickeln betroffene Personen aber auch Angst vor dem Dickwerden. Die Selbstwahrnehmung ist in Folge nicht mehr realistisch. viele entwickeln das Gefühl zu dick zu sein, obwohl ihr Körpergewicht absolut der gewünschten Norm entspricht. Es kommt zu einer übermäßigen Fixierung auf das Essen und das eigene Körpergewicht. Die Grenzen zwischen normalen und gestörtem Eßverhalten sowie Süchtigkeit sind fließend. So führt der Schlankheitswahn häufig in die Abhängigkeit von Abführmitteln (Laxantien), entwässernden Mitteln (Diuretika) und Appetitzüglern, die in direktem Zusammenhang mit süchtigem Eßverhalten stehen. Besonders wird Erbrechen nach wiederkehrenden Freßattacken versucht, um damit einer Gewichtszunahme vorzubeugen.

Die aus den erwähnten Risikofaktoren entstehenden Eßstörungen sind die Anorexia nervosa ("Pubertätsmagersucht") und die Bulimie (Freßattacken mit nachfolgendem Erbrechen). Die schweren Fälle der Eßstörungen sind lebensgefährdend. Die Betroffenen wissen nur selten über die gesundheitlichen Schäden, die ihr Verhalten verursachen können. Nach außen hin funktionieren Eß-/Brechsüchtige gut und unternehmen alles, um diesen Schein zu wahren. Magersüchtige treiben trotz ihrer Auszehrung ausdauernd Sport, sind erstaunlich leistungsfähig und ehrgeizig und glänzen oft durch besondere Leistung in Schule und Beruf. In etwa 10 % entgleist die Pubertätsmagersucht völlig und endet tödlich.

Die Bewältigung von gestörtem Eßverhalten ist schwieriger und dauert lange. Zielführende Therapien beinhalten mehrjährige Psychotherapie und sozial- und familientherapeutische Hilfen. Damit kann der Eßsüchtige dem Umgang mit seiner Droge lernen und schließlich doch noch symptomfrei mit ihr leben.

Der Autor ist Univ.-Prof.Dr. Karl Irsigler, Primarius der 3. med. Abtg. mit Stoffwechsel und Nephrologie und Vorstand des Ludwig Boltzmann-Institutes für Stoffwechselerkrankungen und Ernährung am Krankenhaus Wien-Lainz, Wolkersbergenstraße 1, 1130 Wien.

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